Nur 150'000 Franken gesammelt – Gratislohn-Versuch floppt

Das Rheinauer Experiment für ein bedingungsloses Grundeinkommen steht vor dem Aus. Statt sechs Millionen wurde nur ein Bruchteil gespendet.

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Am Medienecho konnte es nicht liegen, dass die sechs Millionen Franken nicht zusammengekommen sind. Landesweit wurde über das in der Schweiz einmalige Projekt berichtet. Rund 770 Personen – etwas mehr als die Hälfte der Einwohnerinnen und Einwohner von Rheinau – hätten ab Januar während eines Jahres je 2500 Franken monatlich erhalten. Bei Kindern und jungen Erwachsenen unter 25 Jahren wäre der Betrag tiefer gewesen. Wer ein Einkommen hat, hätte jedoch auch wieder Geld zurückzahlen müssen. Konkret: Wer mehr als 2500 Franken verdient, würde unter dem Strich keinen Rappen Grundeinkommen erhalten. Der Versuch wäre wissenschaftlich ausgewertet worden.

Ein neunköpfiges Team um die Filmemacherin Rebecca ­Panian hat für das Projekt «Dorf testet Zukunft» die bislang grösste Crowdfunding-Aktion der Schweiz gestartet. Doch geschieht bis heute Mittag nicht noch ein Wunder, kommt der Versuch nicht zustande. Gestern Abend belief sich die gesammelte Summe gerade mal auf etwas mehr als 150'000 Franken. Nötig wären 6,1 Millionen. Heute endet die Sammelfrist.

Nur 1225 Gönner haben einbezahlt

Die Summe von sechs Millionen Franken wäre zusammengekommen, wenn die knapp 570'000 Personen, welche bei der eidgenössischen Volksabstimmung zum bedingungslosen Grundeinkommen mit Ja gestimmt hatten, einen Betrag von 10 Franken einbezahlt hätten. Bis gestern Abend waren aber bloss 1225 Gönner dazu bereit. Initiantin Rebecca Panian wollte sich auf Anfrage nicht äussern und verwies darauf, dass sie heute die Medien informieren werde. Auch Gemeindepräsident Andreas Jenni (SP), der das Projekt kräftig unterstützt hatte, war gestern für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Die Initianten wollten «eine mögliche neue Zukunft testen», wie sie auf ihrer Website schreiben. Man wollte beobachten, wie sich das Grundeinkommen auf eine bestehende Gemeinschaft auswirkt und was mit den Menschen passiert.

In der Gemeinde Rheinau wird das Projekt trotz des finanziellen Flops als Erfolg gewertet. So heisst es im Dezember-Mitteilungsblatt an die Einwohner, das Projekt habe im Dorf eine grosse Dynamik ausgelöst. Es hätten sich Leute gefunden, die noch nie miteinander zu tun hatten. Die Einwohner hätten mit ihrer Bereitschaft mitzumachen ein grosses Zeichen gesetzt. Sie hätten gezeigt, dass jeder einzelne Mensch etwas zu einer besseren Welt beitragen könne.


Video: Wollen Rheinauer das Grundeinkommen?


Nicht ganz so euphorisch äussert sich Daniel Grob, ehemaliger ärztlicher Direktor des Zürcher Stadtspitals Waid und Einwohner von Rheinau. Er steht dem Projekt positiv gegenüber und ist auch Gönner. Er hatte gedacht, dass die Initianten einen oder mehrere grosse Mäzene im Hintergrund haben. Was aber offensichtlich nicht der Fall war: Das Projekt sollte ausschliesslich mittels Crowdfunding finanziert werden. So seien sechs Millionen Franken eine kaum zu bewältigende Hürde, sagt Grob.

Seiner Meinung nach hätte man die Projektkosten senken können, indem man bei der ­Berechnung der Einkommens­situation die Familieneinkommen berücksichtigt hätte und nicht die Individualeinkommen der einzelnen Familienmitglieder. Auch wäre der Finanzbedarf ­geringer gewesen, wenn bei den Einzelpersonen die jeweiligen Einkommen aus Pensionskassen und Vermögenserträgen in die Berechnungen eingeflossen ­wären.

Die Initianten werden mit den Interessierten in Rheinau am 10. Dezember Bilanz ziehen und schauen, wie es weitergeht. Wenn sie zum Schluss kommen, das Projekt sei gestorben, erhalten die Gönner von der Crowd­funding-Plattform «Wemakeit» das Geld zurück; ansonsten wird ein neues Projekt gestartet.

In den Kreisen 4 und 5 angenommen

Urs Helfenstein, SP-Gemeinderat der Zürcher Keise 4 und 5, wo die Volksinitiative zum bedingungslosen Grundeinkommen mit fast 55 Prozent angenommen wurde, sieht den Grund für das Scheitern im schwachen Fundraising. Am Anfang sei in den Medien viel über das Projekt in Rheinau berichtet worden. Aber als es dann um das Geldsammeln ging, habe man kaum noch etwas davon gehört.

Helfenstein, der ein ähnliches Projekt in der Stadt Zürich wünscht, hat eine entsprechende Motion im Gemeinderat eingereicht. Der Stadtrat will den Vorschlag aber nur in Form eines Postulates prüfen. Dass in Zürich ein Pilotversuch gestartet wird, glaubt der SP-Gemeinderat nicht; der Stadtrat stehe nicht dahinter. Das Schweizer Stimmvolk hat die eidgenössische Initiative 2016 mit 76,9 Prozent Nein-Stimmen beerdigt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.12.2018, 22:09 Uhr

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