Nur 45 Franken Lohn pro Lektion trotz Uni-Ausbildung

Kursleiterinnen der Migros-Klubschule erheben happige Vorwürfe: «Wir werden ausgebeutet.» Was ist dran?

Vor allem Sprachkurse sind sehr gefragt: Eine Lehrerin gibt einer Klasse Deutschunterricht. (Bild: Jürg Müller/Keystone)

Vor allem Sprachkurse sind sehr gefragt: Eine Lehrerin gibt einer Klasse Deutschunterricht. (Bild: Jürg Müller/Keystone)

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Die drei Frauen haben genug. Die Migros habe die Kursleiterinnen in der Klubschule noch nie gut bezahlt – aber in den letzten Jahren seien die Arbeitsbedingungen laufend verschlechtert worden. «Wir werden ausgebeutet», sagen sie, «unser Lohn ist nicht besser als der einer Putzfrau.» Dabei hätten viele von ihnen eine universitäre Ausbildung und seien sehr gut qualifiziert.

Was das konkret heisst, zeigt das Beispiel von Franziska Weber (Name geändert). Sie hat jahrelang Sprachkurse in einer Klubschule im Kanton Zürich gegeben, sie hat ein abgeschlossenes Studium in ihrer Sprache. Welche das ist, will sie nicht sagen, aus Angst, erkannt zu werden. Aber sie belegt ihre Ausführungen mit Lohnabrechnungen und Dokumenten.

Rund 45 Franken bezahlte ihr die Migros zuletzt für eine 50-minütige Lektion. In diesem Lohn inbegriffen sind Vor- und Nachbereitung der Lektionen, Korrekturarbeiten und immer mehr administrative Aufgaben. So muss sie neuerdings das Tablet, das ihr die Migros für ihre Arbeit zur Verfügung stellt, selbst warten – früher hatte sie einen Computer, für den die IT-Spezialisten zuständig waren. «Rechne ich alles ein, komme ich auf einen Stundenlohn von vielleicht 15 bis 20 Franken», sagt Weber. Nicht in diese Rechnung einkalkuliert sind Weiterbildungen, die zum grössten Teil in der Freizeit stattzufinden haben.

Wollte die erfahrene Kursleiterin ungefähr denselben Verdienst erzielen wie ein Primarlehrer frisch ab Ausbildung, müsste sie über 42 Lektionen pro Woche erteilen – bei nur fünf Wochen Ferien. Die Vorbereitung eingerechnet, ergäbe sich ein Pensum, das nicht zu bewältigen wäre. Zum Vergleich: Ein volles Primarlehrerpensum umfasst 28 bis 29 Lektionen pro Woche.

«Wir tragen das Risiko»

Auf einen planbaren Verdienst können sich viele Kursleiterinnen – es sind überwiegend Frauen – nicht verlassen, weil sie im Stundenlohn angestellt sind, wie die drei Frauen erzählen. Die wenigen festen Arbeitsverträge, die es noch gebe, würden sukzessive aufgelöst und möglichst durch Arbeitsverhältnisse im Stundenlohn oder auf Abruf ersetzt.

Zwar vereinbart die Migros mit jeder Angestellten eine individuelle Richtarbeitszeit, die sie pro Jahr leisten muss. «Eine Garantie ist das nicht. Faktisch wälzt man das ganze Risiko auf uns ab», sagen die Kursleiterinnen. Früher sei es Sache der Vorgesetzten gewesen, die Kurse möglichst gerecht auf die Leiterinnen zu verteilen. Heute läuft die Vergabe elektronisch. Die Kurse werden im Intranet ausgeschrieben, und die Leiterinnen können sich eintragen. Einen Anspruch auf bestimmte Kurse haben sie nicht. Das sei völlig intransparent, kritisieren die Frauen. «Niemand weiss, wer die Kurse vergibt und nach welchen Kriterien.»

«Wir werden ausgebeutet. Unser Lohn ist nicht besser als der einer Putzfrau», sagen drei Kursleiterinnen. 

Der Druck, jeden möglichen Kurs selbst zu Randzeiten zu übernehmen, ist gross. Denn erreicht eine Kursleiterin binnen einem Jahr das Soll nicht, kann die Migros deren Richtarbeitszeit für das kommende Jahr senken – unabhängig davon, ob sich die Leiterin selbst für zu wenig Kurse gemeldet hat oder ob diese ausgefallen sind. Wird ein Kurs mangels Anmeldungen abgesagt, erfahren das die Leiterinnen nur ein paar Tage im Voraus. Manchmal verschiebt die Klubschule den Beginn eines Kurses, bis genügend Anmeldungen eingetrudelt sind. Dann muss sich die Lehrperson die geplante Unterrichtszeit bis auf weiteres freihalten. Ohne dafür bezahlt zu werden.

Verfehlt eine Kursleiterin die Richtarbeitszeit «aus Gründen, die nicht von ihr zu vertreten sind», um mehr als 20 Prozent, müsste die Migros den Lohnausfall gemäss geltendem GAV zu 80 Prozent vergüten. Dem ­«Tages-Anzeiger» liegen aber zwei Beispiele vor, in denen die Migros den Frauen stattdessen eine rückwirkende Vertragsänderung vorlegte.

Eine davon ist Franziska Weber, die von massivem Druck erzählt: «Ich sollte den neuen Vertrag sofort unterschreiben. Ich bat um Bedenkzeit, wollte das Papier daheim in Ruhe studieren, doch ich durfte es nicht mitnehmen. Stattdessen drohte mir meine Vorgesetzte mit noch schlechteren Bedingungen.»

Zehn Minuten Vorbereitung

Die Migros weist die Vorwürfe zurück. Die Vorbereitungszeiten würden sehr wohl bezahlt – im Umfang von zehn Minuten pro 50-Minuten-Lektion. Auch hätten die Angestellten im Stundenlohn dank der Richtarbeitszeit eine Lohngarantie «in einer Bandbreite von plus/minus zwanzig Prozent», sagt Gabriela Ursprung, Leiterin der Kommunikation. Wer keine Kursangebote ablehne, könne sich auf den Verdienst «bis zur unteren Bandbreite» verlassen, auch wenn das zeitliche Soll nicht erfüllt sei, etwa weil Kurse ausfallen.

Rückwirkende Vertragsänderungen gebe es nicht; die Richtarbeitszeit werde nur «bei einer dramatischen Veränderung der Auftragslage» und nur unter Einhaltung der Kündigungsfrist angepasst. Die Kritik an der Kursvergabe kann Ursprung nicht nachvollziehen: Die elektronische Plattform, seit fünf Jahren in Betrieb, «hat sich bewährt und erscheint uns zudem transparenter als die Vergabe durch Vorgesetzte», so Ursprung.

Sie betont, die Klubschule halte sich an die Branchenstandards. Allein die Zürcher Klubschule beschäftige 1200 Mitarbeitende – wobei jährlich rund 15 Prozent wechseln. Das sei ­vergleichsweise wenig, sagt ­Ursprung: «Für uns ist das ein Indikator, dass unsere Mitarbeitenden mit den Anstellungsbedingungen zufrieden sind.»

Erstellt: 13.06.2019, 06:37 Uhr

Keine Lobby, kein Dachverband

Die Erwachsenenbildung boomt. Lebenslanges Lernen ist die Forderung der Stunde. Doch jene, welche die Kurse erteilen, haben keine Lobby, keinen Dachverband und keine Gewerkschaft im Rücken. Das sagt Birgit Tognella, SP-Kantonsrätin und Präsidentin der Zürcher Konferenz für Weiterbildungen. Anna-Lea Imbach, bei der Gewerkschaft VPOD als Sekretärin für Lehrberufe zuständig, bestätigt das. Die Folge: «Die Arbeitsbedingungen in der Weiterbildung sind fast überall schwierig.»

Ein Grund sei wohl, dass Weiterbildungen vor allem in Privatschulen wie der Migros-Klubschule seit jeher eine Frauendomäne seien, sagt Tognella: «Die Frauen arbeiten oft im Nebenjob und können sich einen Verlust ihres Einkommens nicht leisten.» Die drei Klubschule-Mitarbeiterinnen sehen das ähnlich. Die Migros habe früher sogar explizit Hausfrauen als Kursleiterinnen gesucht: «Und in diesem Denken ist sie bis heute verhaftet. Die Manager tun so, als würden wir nur zum Vergnügen arbeiten, ohne auf einen fairen Lohn angewiesen zu sein.»

Der generelle Weiterbildungsboom macht die Sache nicht besser. Immer neue Anbieter drängen auf den Markt, die Konkurrenz ist gewaltig, der Kostendruck ebenso. Als Erste bekamen das die staatlichen Schulen wie die EB Zürich zu spüren. Weil sie keine Dumpinglöhne zahlen dürfen, sondern die Lehrpersonen nach den kantonalen Vorgaben entlöhnen, aber dennoch kostendeckende Preise verlangen müssen, sind sie schlicht nicht mehr konkurrenzfähig. Die EB musste letztes Jahr deshalb Lehrpersonen entlassen.

Pikant daran: Der Kanton befeuert den Preisdruck kräftig, indem er beispielsweise Sprachkurse für Migranten, Arbeitslose und Sozialhilfebezüger öffentlich ausschreibt. Den Zuschlag erhält in der Regel jene Schule, die das grösste Angebot zum günstigsten Preis offeriert. (leu)

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