Nur noch vier Tage pro Woche zur Schule

In Frankreich wird in Kindergärten und Primarschulen die Viertagewoche eingeführt. Ist das auch in Zürich ein Thema?

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Nur noch Unterricht am Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag. Für die Zürcher Schulkinder, die jetzt wieder antraben müssen, eine paradiesische Vorstellung. Für ihre Kolleginnen und Kollegen in Frankreich, denen die Rentrée zwei Wochen später blüht, neuerdings selbstverständlich. Der französische Erziehungsminister Xavier Darcos und Präsident Nicolas Sarkozy haben es so gewollt und für die Kindergärten und Primarschulen im ganzen Land angeordnet.

Gestrichen wird die Schule am Samstagvormittag. Der Mittwoch war schon bisher ganztags frei und reserviert für ausserschulische Aktivitäten. In einzelnen Städten und Departements, zum Beispiel in Paris, war auch jeder zweite Samstag schulfrei. Neu heisst für die ganze Nation die einfache Regel: viermal sechs Stunden Unterricht pro Woche. Im Gegensatz zur Schweiz, wo die Stundenzahl stufenweise ansteigt, gilt dies vom ersten Kindergartenjahr bis zum Ende der Primarschule.

Die Gesellschaft verändert sich

Begründet wird die Umstellung mit gesellschaftlichen Veränderungen. Um sich von den Anstrengungen der heutigen Schule zu erholen (das heisst auszuschlafen), benötigten die Kinder ganze freie Tage, heisst es etwa. Immer mehr Kinder wachsen zudem mit nur einem Elternteil auf, der andere - in der Regel der Vater - sollte aber die Möglichkeit haben, zwei volle Tage pro Woche mit dem Kind zu verbringen.

Im Rahmen der 36-Stunden-Woche ermuntern manche Firmen ihre Angestellten, viermal neun Stunden pro Woche zu arbeiten oder einen Tag daheim via Computer Telearbeit zu leisten. Die massiv gestiegenen Fahrtkosten verstärken diesen Trend wohl noch, viermal pendeln ist billiger als fünfmal. Für die Familie werde eine Viertagewoche zunehmend zum Normalfall, glauben die Befürworter.

Der sture Sechsstunden-Ganztag unabhängig vom Alter wird von manchen Erziehungsfachleuten in Frankreich allerdings heftig kritisiert. Die Kinder seien überfordert und nachmittags kaum mehr aufnahmefähig. Mit den ganzen freien Tagen wüssten vor allem Kinder aus benachteiligten Familien nichts Kluges anzufangen. Während die Wohlhabenden ins Weekend verreisen, hängen die Armen im Quartier herum, was ihre Benachteiligung noch verstärke. Viele Experten verlangen, dass wieder Halbtage eingeführt werden. Ausserdem klagen sie, die Neuerung sei von der Regierung handstreichartig und ohne Diskussion mit Lehrern und Gemeindebehörden verordnet worden.

Die Befürworter der Viertagewoche weisen darauf hin, dass langjährige Versuche zur vollen Zufriedenheit von Pädagogen, Schulräten, Eltern und Schülern verlaufen seien. In Nogent-sur-Marne hätten sich nach drei Jahren 94 Prozent der Eltern für die Weiterführung der Viertagewoche ausgesprochen, schreibt der Präsident der dortigen Elternorganisation im «Express».

Der Widerstand der Lehrer, vermuten manche Politiker böse, richte sich wohl dagegen, dass gleichzeitig die Ferien um eine Woche verkürzt werden. Die Gemeinden auf dem Land hoffen zudem, mit der Viertageschule auch Kosten für die Schulbusse zu sparen.

Volksschulamt winkt ab

In Zürich ist eine Viertagewoche für die Schule überhaupt kein Thema. «Darüber haben wir noch nie nachgedacht», sagt Reto Vannini, Adjunkt beim kantonalen Volksschulamt. Auch entsprechende Wünsche von den Gemeinden habe er noch nie gehört. Aber auch in der Romandie scheint das französische Vorbild zurzeit nicht Schule zu machen, die Waadtländer Schulen bleiben jedenfalls bei der Fünftagewoche.

Hingegen gibt es einen Vorstoss des jurassischen SP-Abgeordneten Jean-Claude Rennwald im Nationalrat, der vorschlägt, in der Schweizer Wirtschaft generell die Viertagewoche einzuführen, um Energie zu sparen. Doch Rennwald scheint wenig Unterstützung finden: Die Wirtschaftskommission des Nationalrates hat diese Initiative bereits mit 16 gegen 8 Stimmen zur Ablehnung empfohlen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.08.2008, 13:39 Uhr

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