Österreicher bauen das grösste Zürichsee-Schiff

Zwischen Meilen und Horgen verkehrt bald eine neue Fähre. Die Neue wird zurzeit in Wollishofen zum grössten Schiff auf dem See zusammengeschweisst.

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60 Meter lang, 13,5 Meter breit, 10 Millionen Franken teuer und eine Nutzlast von 150 Tonnen: Das sind die Kenndaten der neuen Zürichseefähre. Die Neue ist 5 Meter länger und einen halben Meter breiter als die bisherigen Fähren und kann 30 Tonnen mehr über den See transportieren. Während alle heutigen Fähren von der Bodan-Werft am Bodensee gebaut wurden, ist die Neue bei der Öswag-Werft im österreichischen Linz bestellt worden. Von dort stammt auch die Panta Rhei. Die Bodan-Werft wurde 2011 geschlossen. Mit 17 einzelnen Schwertransporten wird der Schiffsrumpf scheibenweise von Linz in die Schweiz transportiert.

Die neue Fähre «Meilen» wird das grösste, aber nicht das schwerste Schiff auf dem Zürichsee. Die Fähre ist einen Meter länger als die beiden Dampfschiffe und einen halben Meter breiter. Und sie ist gar 4 Meter länger als das Flaggschiff Helvetia. Mit ihren legendären 390 Tonnen ist die Panta Rhei allerdings 30 Tonnen schwerer als die Fähre.

In der Enge wurde es eng

Hinter diesen nüchternen Zahlen stecken viele Emotionen und Geschichten. Zum Beispiel am Freitagmorgen um 4 Uhr vor dem Stadtzürcher Enge-Tunnel. Die 650 Kilometer aus Linz hatte der Schwertransport über Lustenau, das Rheintal und die Walenseeautobahn problemlos in zwei Nächten bewältigt. Nur das Enge-Quartier machte seinem Namen alle Ehre. Vor dem Enge-Tunnel musste eine Fussgängerampel zur Seite gebogen werden.

In Linz war die Fähre bereits fertig zusammengebaut worden samt den beiden Motoren, dem Steuerhaus und dem hydraulischen Innenleben. Nur die elektrischen Installationen und die Schreinerarbeiten fehlen noch. Der 60 Meter lange Rumpf aus 8 Millimeter dickem Schiffbaustahl wurde aus elf Sektionen zusammengebaut, aber nur provisorisch verschraubt und verschweisst. Die ersten beiden Sektionen, je 6 Meter lang, 13,5 Meter breit und 27 Tonnen schwer, wurden heute Montagmorgen in der ZSG-Werft in Wollishofen abgeladen.

Abladen und dann verschweissen

Die beiden zentralen Rumpfteile werden vom Kranführer so präzise nebeneinandergezirkelt, dass kaum mehr ein Spalt im Rumpf sichtbar ist. Die Zürichsee-Fähre Horgen-Meilen AG hat ihre Neue betriebsbereit gekauft. Und so bauen in den nächsten Monaten bis zu 25 österreichische Werftarbeiter die Fähre fixfertig zusammen. Als erste Handlung schlägt einer mit dem Hammer einen konischen Stift zwischen zwei Löcher im Sektor 1 und 2, um die beiden Stahlteile in Position zu bringen. «Passt!», schreit er, und der Kollege beginnt mit dem Schweissen.

Mindestens vier Rumpfteile werden schon diese Woche zusammengesetzt. Die Schwertransporte dürfen nur nachts verkehren, um 5 Uhr morgens müssen sie spätestens in Wollishofen ankommen. Nächste Woche folgen auch die beiden 36 Tonnen schweren Sektionen, welche die fertig eingebauten Motoren enthalten. Die beiden Achtzylinder-Diesel leisten je 400 Kilowatt und stammen von der Motoren- und Turbinen-Union Friedrichshafen. Die MTU gehört seit kurzem zum Rolls-Royce-Konzern. Auch die anderen fünf Zürichseefähren haben MTU-Motoren. Die jährlich 3,5 Millionen Passagen über den Zürichsee (Autos, Lastwagen und Passagiere) fahren also Rolls-Royce.

Das Problem mit der südlichen Sonne

Vor dem Stapellauf der neuen Fähre im August muss der Rumpf gesandstrahlt und mit fünf Farb- und Lackschichten gegen Korrosion geschützt werden. Gemäss Geschäftsführer Martin Zemp muss eine Fähre bloss alle sieben Jahre einmal aus dem Wasser gehievt und neu gegen Korrosion und Bewuchs behandelt werden. Grund: Eine Fähre ist 16 Stunden pro Tag in Bewegung. Interessant: Weil Fähren nie wenden und immer in gleicher Position über den See fahren, setzt der südliche Teil wegen der Sonneneinstrahlung mehr Bewuchs an als der nördliche.

Auch die neue Fähre wird mit zwei Voith-Schneider-Propellern hinten und vorne angetrieben, bei denen Schub und Richtung beliebig eingestellt werden können: Stillstand, langsam, schnell, vorwärts, rückwärts, seitwärts, Vollstopp. Der Propeller sieht aus wie ein grosser Küchenmixer mit sechs verstellbaren Flügeln. Zwischen Motoren und Propellern wird eine Turbokupplung eingebaut, um Schläge zu vermeiden. Ausserdem werde das Steuerhaus mit Stahlfedern elastisch auf den Rumpf gebaut, um Vibrationen zu verhindern, wie Reinhard Rath, Produktionsleiter der Öswag-Werft, erzählt.

Nach Abnahmetests durch das Bundesamt wird die neue Fähre am 24. September in Betrieb genommen. Sie erbt den Namen «Meilen» von ihrer Vorgängerin. Diese wird gemäss Fährenchef Martin Zemp entweder verschrottet oder verkauft. Damit leisten weiterhin fünf Fähren die 60'000 Seeüberquerungen pro Jahr. Für die alte Fähre Meilen geisterten bereits diverse Ideen für eine Weiterverwertung rund um den Zürichsee: Restaurant, Eventlokal oder Parkdeck für Freizeitboote. Sie alle scheiterten an einem möglichen Liegeplatz auf dem Zürichsee. Grund für den Neukauf: Bei der alten «Meilen» stand ein grosser Unterhalt an, zudem ist das Fahrdeck für die heutigen Fahrzeuggrössen zu eng.

Eine Goldgrube

Im Volksmund gilt die Zürichsee-Fähre Horgen-Meilen AG als Goldgrube. Pro Aktie werden jedes Jahr 100 Franken Dividende ausgeschüttet. Die AG ist einer der wenigen konzessionierten Verkehrsbetriebe, die ohne öffentliche Subventionen auskommen und Gewinn abwerfen, 700'000 Franken waren es 2015. Seit einem Urteil des Bundesgerichts von 2014, das den Fährenangestellten längere Pausen zusprach, musste der Personalbestand um zwei Personen aufgestockt werden.

«Dank der günstigen Dieselkosten können wir die Ticketpreise vorderhand aufrechterhalten», sagt Martin Zemp – 9.50 Franken pro Auto und 1.50 pro Mitfahrer. Die Frequenzen der Fähren hängen auch immer mit Baustellen und Verkehrsstaus zusammen. Die Bellevue-Baustelle brachte 2015 auf einen Schlag ein Plus von acht Prozent. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.04.2017, 14:54 Uhr

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