Organspenden: Zürich liegt weit hinter Bern

In den Spitälern im Grossraum Zürich werden weniger Organe gespendet als in den anderen Landesteilen. Nun soll sich ein neues Team des Universitätsspitals Zürich um potenzielle Spender kümmern.

Bereit zur Transplantation: Ein Herz im Kinderspital vor der Operation.

Bereit zur Transplantation: Ein Herz im Kinderspital vor der Operation. Bild: Keystone

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Es ist für die Transplantationsmediziner frustrierend. Als das neue Transplantationsgesetz 2007 in Kraft trat, lancierten das Zürcher Universitätsspital und der Kanton eine Informationskampagne mit dem Ziel, dass mehr Menschen einen Organspendeausweis auf sich tragen. Zudem bauten die Intensivmediziner des Unispitals ein Netzwerk mit den umliegenden Spitälern auf und richteten eine Hotline ein, über die sich weniger erfahrene Ärzte Rat holen können, wenn in ihrem Spital ein potenzieller Organspender stirbt.

Markant weniger Organspenden

Jetzt zieht Reto Stocker ein ernüchterndes Fazit: «Unsere Anstrengungen haben wenig gebracht.» Stocker, langjähriger Leiter der chirurgischen Intensivmedizin im Unispital, war federführend, er hat alle Spitäler vom Limmattal bis nach Chur besucht und seine Kollegen für das Thema sensibilisiert.

Der erfahrene Spezialist, der heute in der Klinik Hirslanden tätig ist, kann sich nicht erklären, weshalb im Grossraum Zürich nach wie vor markant weniger Organe gespendet werden als in andern Regionen der Schweiz. Vielleicht wird eine grosse Untersuchung, an der sich alle Intensivstationen der Schweiz beteiligten, Aufschluss darüber bringen. Die Erhebung ist abgeschlossen; bis die Daten ausgewertet sind, dürfte es aber einige Monate dauern.

1074 auf der Warteliste

Laut Swisstransplant, der nationalen Stiftung für Organspende und Transplantation, haben die Spitäler im Netzwerk Zürich letztes Jahr zusammen 15 Spender gemeldet (Unispital 7, Luzern 3, Winterthur 2, Chur 2, Glarus 1). Das Berner Inselspital dagegen meldete allein 25 Spender, das Unispital Basel 14 und das Kantonsspital St. Gallen 13 Spender. Auch die Westschweiz weist relativ viele Spender auf, und das schon seit einigen Jahren. Neu sind die hohen Zahlen der Netzwerke Basel/Aarau, Bern und St. Gallen, wie Swisstransplant-Direktor Franz Immer positiv vermerkt. 2011 konnte die Stiftung 504 Patientinnen und Patienten das lang ersehnte Organ zuteilen. Die Organe stammten von 102 Leichenspendern und – vor allem Nieren – von 110 Lebendspendern. Trotzdem verlängerte sich die Warteliste, mit 4 Prozent allerdings etwas weniger stark als in den Vorjahren. Ende 2011 warteten 1074 Patienten auf ein Organ. 61 Menschen auf der Liste verstarben, vor allem solche, die auf ein Herz oder eine Leber warteten.

Die Angehörigen entscheiden

Franz Immer erklärt die Unterschiede zwischen den Regionen mit den Strukturen. Die welschen Kantone und das Tessin haben schon vor längerer Zeit in allen Spitälern Koordinatoren eingesetzt, die sich um die Organspenden kümmern. Eine wichtige Rolle spielt dabei das Gespräch mit den Angehörigen. Hat ein Patient, der als Organspender infrage kommt, keinen Spenderausweis, müssen die Angehörigen entscheiden. In der Schweiz dürfen die Ärzte Organe nur entnehmen, wenn der Patient oder die Angehörigen zugestimmt haben.

Gemäss Gesetz müsse jedes Spital mit einer Intensivstation eine Organspendekoordinatorin haben, sagt der Swisstransplant-Direktor, und die Kantone müssten das finanzieren. Er hat kürzlich bei jenen, die hinterherhinken, mit einem Brief Druck gemacht. Im Kanton Zürich waren bisher die Leitenden Ärzte der Intensivmedizin zuständig. «Die haben aber zu wenig Zeit», sagt Immer. «Besser ist es, wenn Pflegefachleute die Aufgabe übernehmen.»

Hilfe vor Ort

Nun ist das Unispital daran, eine spezialisierte Gruppe aufzubauen, die sich ausschliesslich um die Organspenden in den 24 Spitälern des Zürcher Netzwerkes kümmern. Laut dem Intensivmediziner Markus Béchir, der die Gruppe leitet, sind drei von vier neuen Stellen bereits besetzt. «Die Gruppe ist ein ‹fliegendes Team›, sie stellt sicher, dass rund um die Uhr jemand verfügbar ist für unsere Netzwerkspitäler.» Die neuen Koordinatoren gehen vor Ort, wenn kleinere Spitäler Hilfe brauchen, und führen dort auch Gespräche mit Angehörigen. Zudem schulen sie das Personal auf den Intensivstationen und erfassen Qualitätsdaten. «Organspenden kommen in peripheren Spitälern selten vor und sind gleichzeitig sehr kompliziert. Da ist es sinnvoll, dass Profis kommen und helfen», sagt Béchir.

Die Dienstleistung wird vom Kanton subventioniert. Das Unispital erhält pro Jahr gut drei Millionen Franken für Leistungen der hochspezialisierten Medizin, wozu die Transplantationskoordination zählt. Béchir rechnet damit, dass sich die neue Organisation spätestens Mitte 2013 «gut eingespielt» hat.

Erstellt: 19.10.2012, 07:45 Uhr

Vorstösse im Nationalrat

Zur Organentnahme soll künftig nicht mehr die Zustimmung des Spenders oder seiner Angehörigen notwendig sein. Mehrere Nationalräte verlangen in Vorstössen die gesetzliche Verankerung der sogenannten Widerspruchslösung statt der heutigen Zustimmungslösung. Länder mit entsprechenden Regelungen hätten deutlich mehr Organspender als die Schweiz. Wer im Todesfall seine Organe nicht zur Verfügung stellen will, müsste dies künftig beispielsweise in einem zentralen Register festhalten.

Der St. Galler SVP-Nationalrat Lukas Reimann fordert mit einer parlamentarischen Initiative die erweiterte Widerspruchslösung. Die Organe dürften im Todesfall entnommen werden, wenn keine ausdrückliche Weigerung des Verstorbenen vorliegt. Liegt keine solche vor, können jedoch die Angehörigen die Organentnahme noch ablehnen. Der Neuenburger FDP-Nationalrat Laurent Favre fordert in einer Motion die Widerspruchslösung ohne eine solche Vetomöglichkeit.

Reimann wie Favre begründen ihre Vorstösse damit, dass nur die Widerspruchslösung alle Bürger dazu bringe, sich mit der Organspende zu befassen. Die Zustimmungslösung setze darauf, dass sich die Leute von sich aus damit befassten, was aber nur wenige täten. Über 80 Prozent der Bevölkerung befürworten laut Umfragen die Organspende, weniger als 10 Prozent deklarierten mit einem Ausweis ihre Bereitschaft. (br)

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