Pädosexueller Cevi-Leiter entschuldigt sich bei Opfern

Ein Mann aus dem Bezirk Affoltern gestand vor Gericht, mehrere Buben während Jahren sexuell missbraucht zu haben – ein Opfer über 130 Mal.

Hier muss sich der 51-Jährige heute wegen mehrerer Delikte verantworten: Das Beziksgebäude in Dietikon.

Hier muss sich der 51-Jährige heute wegen mehrerer Delikte verantworten: Das Beziksgebäude in Dietikon. Bild: Walter Bieri/Keystone

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«Grundsätzlich treffen die Vorwürfe zu», sagte der 51-jährige, im Bezirk Affoltern wohnhafte Mann am Dienstagmorgen vor dem Bezirksgericht. Damit räumte er ein, zwischen 1994 und Ende 2014 mindestens neun Knaben im Alter zwischen acht und fünfzehn Jahren teilweise über Jahre und teilweise dutzendfach sexuell missbraucht zu haben. Ein heute 20-Jähriger wurde während eines Zeitraums von etwa sechs Jahren über 130 Mal missbraucht.

Der Mann bestritt aber konsequent den Vorwurf der sexuellen Nötigung. Diesen sah die Staatsanwältin als erfüllt an, weil der gelernte Typograph seinen Opfern ein schlafförderndes Mittel, möglicherweise Dormicum, in einem Süssgetränk aufgelöst, zu trinken gegeben haben soll.

Nach einer Erklärung für seine Übergriffe gefragt, sagte der Mann: «Eine Erklärung in dem Sinne habe ich nicht». Er wisse nicht, wie es dazu habe kommen können. Es habe «im Kopf ausgehakt». Er habe schon damals gewusst, dass es falsch sei, was er tue. «Es war unter jeder Sau.»

13 Jahre Freiheitsstrafe

Heute - wahrscheinlich seit Vorliegen des psychiatrischen Gutachtens - wisse er um seine pädophile Veranlagung. Er wollte sie offensichtlich nicht wahrhaben. Denn gleichzeitig sagte er auch, er habe sich «geschämt dafür, dass ich so bin, wie ich bin». Deshalb habe er sich auch niemandem anvertrauen können.

Die Staatsanwältin beantragte eine Freiheitsstrafe von 13 Jahren sowie eine ambulante Massnahme während des Strafvollzugs. Er habe seine Opfer sediert, um sich «ungestört und ohne Gegenwehr» an ihnen vergehen zu können. Die Übergriffe filmte er in diversen Fällen in Sequenzen von bis zu 22 Minuten. Teilweise zeigte er den Kindern im Wachzustand Pronofilme, gab ihnen Alkohol zu trinken oder rauchte einen Joint mit ihnen.

Neben den mehrfachen sexuellen Handlungen mit Kindern und mehrfacher sexueller Nötigung ist der Mann auch der mehrfachen Schändung, der mehrfachen Pornografie, der mehrfachen Verletzung des Geheim- und Privatbereichs durch Aufnahmegeräte, des mehrfachen Verabreichens gesundheitsgefährdender Stoffe an Kinder und der mehrfachen Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetzes angeklagt.

Er suchte sich Kinder in Cevi aus

Der 51-Jährige, der nie bei den Pfadfindern, sondern Cevi-Leiter war, suchte sich laut der Staatsanwältin in dieser Jugendbewegung seine Kinder aus. Er freundete sich mit deren Eltern an, die entweder Alkohol- oder Eheprobleme hatten, mit den Kindern nicht zurecht kamen oder alleinstehend und froh waren, dass sich jemand ihrer Kinder annahm. Mit seiner fürsorglichen Art sei es ihm gelungen, in manipulativen Art Vertrauen aufzubauen und die Kinder in Abhängigkeit zu führen.

Am Nachmittag hielt der Verteidiger sein Plädoyer. Er beantragte eine teilbedingte Freiheitsstrafe von 18 Monaten, davon 18 Monate unbedingt. Zudem soll dem Mann die Weisung erteilt werden, während der Dauer der vierjährigen Probezeit für den aufgeschobenen Teil der Strafe eine ambulante Therapie zu absolvieren.

Das tiefe Strafmass ergibt sich auch aus dem Umstand, dass der Schweizer den Übergriff auf einen Jungen bestreitet und konsequent in Abrede stellt, die Kinder mit einem Schlafmittel zum Widerstand unfähig gemacht zu haben.

Bereits 27 Monate in Untersuchungshaft

Würde dieses Urteil rechtskräftig, müsste der 51-Jährige sofort aus dem Gefängnis entlassen werden, weil er bereits seit 27 Monaten in Untersuchungshaft sitzt. Die von der Staatsanwaltschaft beantragte Strafe von 13 Jahren sei «viel zu hoch». Die Anklägerin tue so, als seien keinen schwereren Delikte in diesem Bereich denkbar. Der Fall des Mannes sei nicht so aussergewöhnlich, dass man den ordentlichen theoretischen Strafrahmen von zehn Jahren verlassen müsse.

In seinem schriftlich vorbereiteten Schlusswort bedankte sich der Mann ausdrücklich bei zwei seiner Opfer, die den ganzen Fall mit ihrer Strafanzeige ins Rollen gebracht haben. Damit hätten sie verhindert, dass es weitere Opfer gebe, und er sich in professionelle Hände begeben könne. Er wolle sich noch einmal «aus tiefsten Herzen entschuldigen». Was getan habe, sei «falsch und unentschuldbar». Er bereue jeden Tag, dass er sich nicht im Griff gehabt und wunderbare Freundschaften zerstört habe. Er könne sich nur ansatzweise vorstellen, welches Leid er verursacht habe.

Das Bezirksgericht hat angekündigt, dass Urteil am 19. Mai zu eröffnen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.04.2017, 12:40 Uhr

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