Pflegende Buben, tüftelnde Mädchen

Am heutigen Zukunftstag können Kinder am Arbeitsplatz ihrer Eltern oder Bekannten Berufe erkunden. Auf grosses Interesse stossen typische Männer- und Frauentätigkeiten.

Üben an der Puppe: Auch Buben können fürsorgliche Pfleger sein. Foto: Philipp Zinniker

Üben an der Puppe: Auch Buben können fürsorgliche Pfleger sein. Foto: Philipp Zinniker

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Was begeistert einen Buben am Beruf Pflegefachmann? «Es ist cool, in die Venen zu stechen und Blut zu nehmen», sagt der 13-jährige Yoel. Mit einer Gruppe von Buben übt er an einer Puppe den ganz normalen Spitalalltag. Der Schüler ist Teilnehmer bei «Ein Tag als Profipfleger», einem Angebot des Nationalen Zukunftstages. An dem Tag nehmen laut Trägerschaft schweizweit jeweils über eine halbe Million Mädchen und Buben teil. Sie begleiten ihre Mutter, ihren Vater oder eine Person aus dem Bekanntenkreis zur Arbeit.

Für den Zukunftstag erhalten die Schüler von der fünften bis zur siebten Klasse vielerorts einen Tag schulfrei – kein Wunder, hat der Zukunftstag einen pädagogischen Anspruch. Der 2001 erstmals als «Tochtertag» durchgeführte Anlass ist eine Zusammenarbeit von Gleichstellungsfachstellen und -kommissionen aus mehreren Kantonen. Deren erklärtes Ziel: geschlechtersensible Nachwuchsförderung, für Buben genauso wie für Mädchen.

Insbesondere Siebtklässler, die den Tag bereits zum dritten Mal erleben, werden ermuntert, am Zukunftstag die Seiten zu wechseln. Das heisst, Mädchen begleiten eine Person, die in einem typischen Männerberuf arbeitet, als Sanitätsinstallateur oder Informatiker beispielsweise. Buben wiederum erkunden Berufe im Sozial- oder Bildungsbereich. Isabelle Santamaria, Projektleiterin des Zukunftstages: «Es ist wichtig, dass die Kinder schon früh in einem für sie neuen Bereich positive Erfahrungen sammeln können.» Vor dem Berufswahlprozess seien sie noch weniger durch stereotype Geschlechtervorstellungen eingeschränkt.

Damit auch Kinder ohne Bekannte in einem geeigneten Beruf eine Chance auf Seitenwechsel erhalten, bietet der Zukunftstag Spezialprojekte an. Ein Grossteil der 10 Angebote mit durchschnittlich 200 Plätzen ist ausgebucht. Besonders in Zürich sei die Nachfrage gross, sagt Santamaria, der Tag sei sehr bekannt.

Mehr Männer, mehr Lohn

Die Buben können als Betreuer ins Altersheim oder in eine Kita, als Pfleger ins Spital oder als Lehrer eine Unterstufenklasse unterrichten. Dass Mädchen sich in den Bereichen Informatik, Technik, Bauen ausprobieren können, überrascht wenig – um die zahlreichen Förder­projekte für mehr junge Frauen in den Mint-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) kam in den vergangenen Jahren kaum einer herum. Und sie zeigen Wirkung: Laut dem Bundesamt für Statistik wählen junge Frauen heute häufiger als in der Vergangenheit männertypische Berufe und Studienfächer.

Anders ist es bei den jungen Männern. Sie entscheiden sich nicht häufiger für frauentypische Ausbildungen. Ein Grund dafür ist, dass viele Berufe im Sozial- und Bildungsbereich nur wenig Prestige und Lohn bieten. Gerade deshalb sollten mehr Männer die Berufe ergreifen, findet Santamaria: «Wenn mehr Männer als Fachmänner für Betreuung oder als Kindergartenlehrer arbeiten, wird sich das Image dieser Berufe verbessern und dadurch auch der Lohn.»

Am Zukunftstag können Buben herausfinden, ob sie die nötigen Voraussetzungen für eine Karriere im Pflege-, Betreuungs- und Erziehungsbereich besitzen. Der 12-jährige Jan meint im Rückblick auf seinen Tag im Altersheim: «Ich würde am liebsten Pfleger sein. Man muss freundlich sein und viel Humor und Geduld haben. Am besten fand ich, wie die alten Leute reagieren. Wenn wir lachen, lachen sie auch.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.11.2014, 22:49 Uhr

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