Pilz-Hamsterer riskieren 1000-Franken-Busse

Im Kanton Zürich hat die Pilzsaison begonnen, und das früher als üblich. Einfach draufloszupflücken, ist allerdings nicht ratsam. Es kann teuer werden – und tödlich enden.

Sammeln ja, aber nicht zu viel: Ein Pilzsammler hat einen Steinpilz entdeckt.

Sammeln ja, aber nicht zu viel: Ein Pilzsammler hat einen Steinpilz entdeckt. Bild: Keystone

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Sie spriessen derzeit munter in den Wäldern vor sich hin. Aber wehe dem, der Pilze einfach so einsammelt. Denn fürs Pilzepflücken gibt es strenge Regeln, die von Kanton zu Kanton variieren. Erst am vergangenen Donnerstag wurden im Kanton Obwalden 21 Pilzsucherinnen und Pilzsucher kontrolliert. Sieben von ihnen hat die Kantonspolizei gebüsst, weil sie zu viele Exemplare im Körbchen hatten.

Während in Obwalden pro Person und Tag 2 Kilogramm Pilze gesammelt werden dürfen (davon höchstens ein halbes Kilo Morcheln), liegt die Limite im Kanton Zürich bereits bei 1 Kilo pro Kopf und Tag (Morcheln inklusive). Zudem ist in der Zürcher Pilzschutzverordnung eine längere Schutzzeit für Fungi vorgeschrieben: Vom 1. bis 10. jeden Monats besteht hier ein absolutes Sammelverbot, im Kanton Obwalden wiederum gilt dies nur vom 1. bis 7. jeden Monats – tags wie nachts.

Nur 3 Prozent sind essbar

Auch im Kanton Zürich führt die Polizei Kontrollen durch, wenn sie Hinweise über Verstösse gegen die Pilzschutzverordnung erhält. «In der Regel melden sich Privatpersonen, Waldbenutzer, andere Sammler oder Pilzkontrolleure bei der Kantonspolizei und informieren uns über Pilzsammler, die sich nicht an die gesetzlichen Vorgaben halten», sagt Kapo-Sprecher Florian Frei.

Widerhandlungen gegen die Verordnung können mit Bussen bis zu 1000 Franken geahndet werden. Wie oft solche Bussen bereits ausgesprochen wurden, kann Frei nicht sagen. Die Kantonspolizei führt in diesem Bereich keine Statistiken.

«Viele denken, dass ein Handybild zur Kontrolle ausreicht, aber es gibt keine pauschalen Regeln, nach denen man einen Pilz beurteilen kann.»Marionna Schlatter-Schmid,
Pilzkontrolleurin Vapko

Ganz unabhängig von der Gesetzeslage empfiehlt es sich, die gefundenen Exemplare in einer der 35 Kontrollstellen des Kantons prüfen zu lassen. In der Schweiz gibt es rund 6000 Grosspilzarten, viele davon wachsen auch im Kanton Zürich. Essbar sind allerdings nur rund 3 Prozent davon, und nur 60 Arten sind tatsächlich gute Speisesorten.

«Viele denken, dass ein Handybild zur Kontrolle ausreicht, aber das ist ein Trugschluss. Es gibt keine pauschalen Regeln, nach denen man einen Pilz beurteilen kann», sagt Marionna Schlatter-Schmid, Medienverantwortliche der Schweizerischen Vereinigung amtlicher Pilzkontrolleure (Vapko). Es erkennen aber nur Fachleute die verschiedenen Merkmale, die einen geniessbaren von einem giftigen Pilz unterscheiden.

Heimtückische Giftwirkung

Hinzu kommt gemäss Schlatter-Schmid, dass tödlich giftige Arten oft «eine heimtückisch lange Latenzzeit» haben. Das heisst, dass die ersten Symptome einer Vergiftung erst mehrere Stunden bis Tage nach dem Genuss auftreten, dann aber rasch ein Organversagen folgt. Auch Schlatter-Schmid hat bei Kontrollen schon mehrfach giftige Pilze aus den Körben der Leute geholt.

Sieht giftigen Karbolchampignons ähnlich: Der Wiesenchampignon (Bild: Wikimedia Commons)

Besonders bei weissen Exemplaren sei immer Vorsicht geboten: «Wiesenchampignons werden häufig verwechselt mit giftigen Karbolchampignons oder auch mit tödlich giftigen Knollenblätterpilzen.» Und just diese Champignons trifft die Kontrolleurin in letzter Zeit immer häufiger an. Kein Wunder: «Die mögen heisse, trockene Sommer und wachsen sofort, wenn es feucht wird.»

Über 100 Kontrollen seit Saisonstart

Die Pilze würden derzeit überhaupt «spriessen wie verrückt», sagt Schlatter-Schmid. «In unserer Kontrollstelle in Wetzikon starten wir jeweils nach der Schonzeit ab dem 11. August, und in diesem Jahr haben wir bereits über 100 Kontrollen durchgeführt.» In den letzten Jahren habe sich die Situation stark verändert. Früher sei klar gewesen, dass die meisten Pilze nach den Sommerferien bis etwa Ende Oktober auftauchen. «Jetzt kommen sie schon viel früher.»

Schön und hochgiftig: Selbst der Verzehr kleinster Mengen des Grünen Knollenblätterpilzes kann zum Tod führen. (Bild: Wikimedia Commons)

Eine besonders pilzreiche Region gibt es im Kanton Zürich laut Schlatter-Schmid nicht. Überall, wo es Wälder habe, gebe es welche, und diese dürfe man auch sammeln, sofern sie sich nicht in einem Naturschutzgebiet befinden. Pilzkontrollen gehören deshalb auch zum Service public. Im Kanton Zürich ist gesetzlich verankert, dass Gemeinden solche Kontrollen anbieten müssen.

Im Zuge von Sparmassnahmen gebe es aber immer wieder Anläufe, solche Angebote selbsttragend zu gestalten, sagt Schlatter-Schmid. «Aber jeder Franken, den man für eine Kontrolle zahlen müsste, wäre einer zu viel, denn dann überlegen es sich die Leute zweimal, ob sie eine Kontrolle durchführen wollen», warnt sie und fordert, dass dieses Angebot auch künftig kostenfrei bleibt. «Schliesslich geht es um die Gesundheit der Bevölkerung.»

Erstellt: 26.08.2019, 11:06 Uhr

Massnahmen bei einer Pilzvergiftung

Jedes Jahr treten Vergiftungen auf, die auf den Verzehr von unkontrollierten, giftigen Pilzen zurückzuführen sind. In solchen Fällen sind gemäss VAPKO folgende Massnahmen zu treffen:


  • Bei Patienten mit starken Vergiftungssymptomen die Ambulanz anfordern via Sanitätsnotrufnummer 144.


  • Treten bei einem Patienten leichte Symptome auf, gibt Tox Info Suisse unter der 24h-Notrufnummer 145 Informationen über das weitere Vorgehen.


  • Ohne ärztliche Weisung nichts zu essen oder zu trinken geben (weder Wasser, Milch noch alkoholische Getränke)


  • Wenn möglich Rüstabfälle, Speisereste oder Erbrochenes sicherstellen. Dieses Material ermöglicht speziell ausgebildeten Pilzexperten das Bestimmen der involvierten Pilze und den Ärzten das Einleiten der angemessenen Behandlung.


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