Pionierwerk verlocht Millionen, statt aus Güsel Gold zu machen

Eine mit Steuergeldern lancierte Recycling-Firma soll das Abfallwesen revolutionieren. Kritiker warnen nun vor dem Bankrott.

Hier filtern Sortiermaschinen jedes Jahr 15'000 Tonnen Wertstoffe aus Abfallüberresten: Areal der ZAV Recycling AG in Hinwil. Foto: Sabina Bobst

Hier filtern Sortiermaschinen jedes Jahr 15'000 Tonnen Wertstoffe aus Abfallüberresten: Areal der ZAV Recycling AG in Hinwil. Foto: Sabina Bobst

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Die Anlage soll «aus Güsel pures Gold machen», wie der «Blick» einst schrieb.

Das Wunderding steht in Hinwil, ausserhalb des Ortskerns. Aus verbrannten Abfallresten, die Kehrichtverbrennungsanlagen (KVA) anliefern, holt man dort mithilfe riesiger Förderbänder und Magnete Wertstoffe heraus: Eisen, Aluminium, Kupfer. Und eben auch Gold. Eine Pionier-Recyclingfabrik, weltweit einmalig, gelobt von Politik und Presse.

Nur: Das Versprechen, Schätze aus der sogenannten Schlacke zu filtern und damit Geld zu verdienen, geht bis heute finanziell nicht auf. Im Gegenteil: Es kostet die Steuerzahler Millionen, wie Dokumente zeigen, die dem TA vorliegen.

Am 18. November 2019 verschickt der Chefbeamte Daniel Aebli einen gepfefferten Brief. Aebli ist seit Sommer 2018 Direktor von Entsorgung und Recycling Zürich (ERZ). Das Schreiben geht an die Direktion der Hinwiler Anlage. Aebli fürchtet, dass die Firma zum Sanierungsfall wird: «Zum wiederholten Mal entsteht der Eindruck, dass eine für das Unternehmen kritische Situation zu spät erkannt worden ist und dass die Eigentümer und Lieferanten nicht rechtzeitig informiert wurden», schreibt er. Die Lage sei «besorgniserregend», es bestehe das Risiko eines «Kapitalverlusts».

Baukosten verdoppelt

Rein technisch funktioniert die Anlage zwar gut; sie siebt heute pro Jahr rund 15'000 Tonnen Wertstoffe aus 100'000 Tonnen angelieferter Schlacke heraus; im Endausbau sollen es schliesslich 200'000 Tonnen sein. Hinwil ist einen Schritt näher beim Ziel, alle Kehrichtüberreste wiederzuverwerten: Dank der herausgefilterten Metalle muss man weniger Schlacke in Deponien einlagern, und die Metallverkäufe bringen Geld. Vielleicht gelingt es eines Tages, die gefilterte Schlacke als Rohstoff im Strassenbau zu verwerten. Dann bräuchte man gar keine Deponien mehr.

Das Problem: Die Kosten der Anlage sind ausser Kontrolle geraten, frühe Businesspläne sind heute Altpapier. Allein die Gesamtbaukosten schnellten von 29,7 auf 58,4 Millionen Franken hoch. Bis heute ist der Betrieb defizitär. Für 2019 rechnet der Verwaltungsrat laut einem Aktionärsbrief, der dem TA vorliegt, mit einem Verlust von zwei bis zweieinhalb Millionen, bei einem Umsatz von rund 20 Millionen.

Gleichzeitig hat die Eigentümerin der Anlage, die ZAV Recycling AG, den Anlieferpreis pro Tonne Schlacke, den KVAs bezahlen müssen, immer weiter hochgeschraubt. In frühen Plänen ging man von einem Tonnenpreis von 40 Franken aus. Seither ist der Preis stetig gestiegen; 2020 müssen die Anlieferer 150 Franken pro Tonne zahlen.

Der «Beobachter» und der «Zürcher Oberländer» haben dazu bisher kritische Artikel publiziert, ansonsten sind die Probleme kaum ein Thema – obwohl die Hinwiler Anlage grösstenteils den Zürcher Steuerzahlern gehört. ERZ besitzt knapp 10 Prozent an der ZAV Recycling AG, die Kehricht-Zweckverbände Horgen, Hinwil und Dietikon weitere 70 Prozent. So steht die Firma indirekt im Miteigentum von rund 50 Zürcher Gemeinden.

Besonders heikel ist die Lage für die Stadt Zürich. Dort läuft die Aufarbeitung des ERZ-Skandals rund um den früheren Direktor Urs Pauli. Die Staatsanwaltschaft und eine Untersuchungskommission ermitteln. Der Vorwurf an den Ex-ERZ-Direktor lautet, er habe das städtische Abfallwesen wie ein Fürstentum geführt, samt schwarzer Kassen und überzogener Budgets. Für Pauli gilt die Unschuldsvermutung.

«Ein Bermudadreieck»

Urs Pauli war auch der erste VR-Präsident der ZAV Recycling. Es stellt sich deshalb die Frage nach seiner Mitverantwortung für das Hinwiler Finanzwirrwarr. Der Anwalt Tomas Poledna, der die ERZ-Affäre zuhanden der Stadt aufgearbeitet hat, nennt die ZAV Recycling AG ein «betriebliches Bermudadreieck»: Zu wenig Startkapital, die Kosten explodiert, Risiken verschwiegen.

Der heutige ERZ-Chef Daniel Aebli rügt, die frühere ERZ-Leitung habe in Hinwil «viel zu optimistische Annahmen» getroffen. Die Erwartungen seien «bezüglich ökologischer und ökonomischer Vorteile zu hoch gehängt» worden.

Auf Urs Pauli (im Bild) folgte Daniel Aebli als Chef von ERZ. Foto: Samuel Schalch/TA

Urs Pauli weist das zurück. In einer Stellungnahme schreibt er, es sei immer klar kommuniziert gewesen, dass zum Beispiel die Metallpreise stark schwanken könnten, was einen Einfluss auf das Ergebnis der ZAV Recycling AG habe. Auch auf die Kosten für die Deponierung der metallbefreiten Schlacke habe man keinen direkten Einfluss.

Pauli räumt allerdings ein, dass die realen Betriebskosten heute im Vergleich zu frühen Plänen «wesentlich höher» liegen. Die Anlage sei nun mal komplex. Man müsse aber berücksichtigen, dass es eine solche Apparatur weltweit nur einmal gebe – in Hinwil. «Das Ganze ist für alle Beteiligten ein Lern- und Entwicklungsprozess. Wer nichts wagt, gewinnt auch nichts», so Pauli. Die Anlage sei ihrer Zeit voraus, aber die Technologie werde sich durchsetzen: «Es ist nur eine Frage der Zeit, bis man begreift, dass Ökologie auch etwas kosten darf.»

«Fakten verschwiegen»

Walter Angst sieht das anders. «Man hat den Stimmbürgern das Blaue vom Himmel versprochen und zahlreiche Fakten verschwiegen», sagt der Gemeinderat der Alternativen Liste, der sich eingehend mit dem ERZ-Skandal befasst hat. Sollte die Anlage in Hinwil pleitegehen, müsste die Stadt 20 Millionen Franken für Abschreibungen im Hagenholz und Kosten für den Rückbau zum alten Verfahren ausgeben, hat Urs Paulis Nachfolger Daniel Aebli ausgerechnet.

Der neue ERZ-Chef steckt in einer schwierigen Lage. Die städtische KVA im Hagenholz ist heute komplett auf die «Hinwiler Methode» ausgerichtet. Normalerweise wird Schlacke gewässert, bevor sie die KVA verlässt, damit sie nicht staubt. Die ZAV Recycling AG nimmt aber ungewässerte «Trockenschlacke» an. 2015 hat die Stadt Zürich einen 39-Millionen-Kredit gesprochen, um solche Trockenschlacke liefern zu können – und dafür auch das Okay des Stimmvolks eingeholt. Die Stadt verkaufte den neuen Ansatz als Abfall-«Meilenstein» ohne Mehrkosten. Resultat: 91,6 Prozent der Stimmenden legten ein Ja ein.

Bis heute ist nicht restlos geklärt, ob die «Hinwiler Methode» anderen Verfahren wirklich überlegen ist.

Die gute Nachricht: Ein Konkurs sei unwahrscheinlich, solange die ZAV Recycling AG einfach weiter die Anlieferpreise erhöhe, sagt Aebli. Dadurch lassen sich die Zahlen der Anlage einigermassen in der Balance halten. Allerdings erhöht man so die Kosten bei den zuliefernden KVA, die den Steuerzahlern gehören – und man entfernt sich immer weiter vom Versprechen, das man der Öffentlichkeit einst gemacht hat.

Wie angespannt die Lage ist, zeigt die Antwort von Horst Meier, der im Sommer 2017 die Nachfolge von Urs Pauli als ZAV-Recycling-Präsident übernommen hat. Auf Daniel Aeblis Brief mailt Meier am 22. November 2019 zurück: «Wenn Sie mir und dem Verwaltungsrat, mindestens zwischen den Zeilen, Unfähigkeit und ungenügende Kommunikation vorwerfen, nehme ich das zur Kenntnis.» Übrigens sei die Stadt Zürich mitschuldig an der «sehr herausfordernden Situation» und der Gefahr des Kapitalverlusts.

Damit spielt Meier auf 3,5 Millionen Franken an. Diesen Betrag wollte die Stadt Zürich 2018 nicht in die ZAV Recycling einschiessen, während andere Co-Eigentümer nochmals Millionen in die Anlage investierten. Für die Stadt, die mitten im ERZ-Skandal steckte, kam nicht infrage, eine siebenstellige Summe an ein solch riskantes Unternehmen nachzuschieben.

«Wenig sachliche Kritik»

Hinzu kommt, dass bis heute nicht restlos klar ist, ob die «Hinwiler Methode» ökologisch wirklich überlegen ist. Es gibt private Konkurrenten, die sagen, sie könnten ebenso gut Metalle aus der Schlacke filtern. ERZ-Chef Aebli fordert deshalb, dass die verschiedenen Methoden durch Tests miteinander verglichen werden. Erst dann könne man über neues Kapital reden.

ZAV-Präsident Horst Meier seinerseits wehrt sich für die Hinwiler Anlage: Die Kosten würden sinken, sobald der Endausbau fertig sei. Der Verlust 2019 werde laut jüngsten Zahlen weniger als zwei Millionen Franken betragen. Der Markt sei aktuell schwierig, die Verkaufspreise für Aluminium und Eisen/Stahl tief, die Deponiekosten hoch. Die Kritik des ERZ sei «wenig sachlich und vor allem nicht korrekt». Bei einer Pilotanlage seien «Abweichungen zu ursprünglichen Annahmen nicht aussergewöhnlich», so Meier. Jedenfalls lasse sich die Anlage finanziell nachhaltig betreiben.

Den aktuellen Businessplan will Meier allerdings nicht offenlegen. Der sei vertraulich. Genau dieses Papier würde AL-Politiker Walter Angst aber interessieren: «Nun müssen Zahlen auf den Tisch. Was kostet das Verfahren wirklich? Und: Ist es überhaupt realistisch, es kostendeckend zu betreiben?»

Angst hofft, dass dem so ist – «grundsätzlich wollen wir ja alle dasselbe: möglichst wenig oder gar keine Schlacke mehr auf Deponien abladen».

Erstellt: 04.02.2020, 06:23 Uhr

Der Baudirektor will sich einschalten

Angesichts der schwierigen Lage der ZAV Recycling AG will sich der neue Baudirektor Martin Neukom (Grüne) einschalten: «Ich suche das Gespräch mit allen Beteiligten, damit eine gute Lösung gefunden werden kann», schreibt er auf Anfrage. Neukom hat im Abfallwesen mehrere Hebel, um Einfluss zu nehmen. Einerseits ist er für die abfallrechtliche Aufsicht zuständig, und andererseits könnte der Regierungsrat alle Zürcher KVA zwingen, ihre Schlacke nach Hinwil zu liefern. Winterthur und Dietikon haben bisher nicht auf das Trockenschlacken-Verfahren umgestellt. Hauptgrund sind die Kosten: Winterthur rechnet mit
10 bis 20 Millionen Franken für einen Wechsel, Dietikon mit 5 bis 10 Millionen. Ex-Baudirektor Markus Kägi (SVP) hatte den beiden Betreibern 2018 in Aussicht gestellt, man werde sie zwingen, nach Hinwil zu liefern, wie der «Beobachter» schrieb. Das ist bis heute nicht passiert, Martin Neukom hat auf diese Waffe verzichtet. In der Branche rechnet man damit, dass Winterthur vor Gericht ziehen könnte, sollte der Kanton Zwang ausüben. (ms)

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