Plötzlich hat Zürich einen mobilen Veloverleih

Überall in der Stadt stehen auf einmal Hunderte orange Mietvelos. Sie gehören einem Start-up aus Singapur. Die Stadt stört das.

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Eben erst hat die Stadt Zürich den Betreiber des seit Jahren geplanten offiziellen Veloverleihsystems bekannt gegeben: Im Mai 2018 soll die erste Züri-Velo-Station von Publibike, einer Tochter von Postauto Schweiz, in Betrieb gehen. Jetzt kommt ihr ein Start-up aus Singapur fast ein Jahr früher zuvor: Seit Mitte Woche stehen in der Innenstadt Hunderte oBikes, schon von weitem erkennbar an ihren leuchtend orangen Felgen.

Im Gegensatz zu den Publibikes, die an fixen Ausleihstationen ausgeliehen und zurückgebracht werden müssen, können oBikes überall auf öffentlichem Grund ausgeliehen und abgestellt werden. Das nächste freie Fahrrad wird per Smartphone geortet, reserviert und entsperrt. Nach dem Hinterlegen einer Kaution von 129 Franken kann es losgehen. 1.50 Franken kostet die halbe Stunde, ein Monatsabo für 40 oder ein Jahresabo für 110 Franken erlaubt es, ein oBike zweimal pro Tag für eine halbe Stunde zu nutzen.

Die Stadt Zürich interveniert

Bei der Stadt Zürich ist man über das Vorgehen der Konkurrenz aus Fernost nicht erfreut: Grundsätzlich seien Veloverleihe nicht bewilligungspflichtig, solange sie den öffentlichen Raum nicht grossflächig besetzen, sagt Pio Sulzer, Sprecher des Tiefbauamts. «Genau dies scheint aber bei oBike der Fall zu sein.» Man werde die Firma darauf aufmerksam machen, dass sie keine festen Standplätze beanspruchen könne. Sanktionen sind vorerst keine geplant. Das Unternehmen habe der Stadt eine Kooperation angeboten, die das Tiefbauamt jedoch abgelehnt habe, sagt Sulzer. Man wolle keinen Anbieter ortsungebundener Verleihsysteme bevorzugen.

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Bei Publibike hat man von der plötzlichen Konkurrenz «über den Latrinenweg» erfahren, wie Sprecher Urs Bloch sagt. Den Vorteil am eigenen, stationsgebundenen Angebot sieht er im engen Netz an Stationen und in der Möglichkeit, Fahrräder über den Swiss Pass der SBB freizuschalten. Zudem seien die Hälfte der 2250 Velos, die Publibike in Zürich aufstellen will, E-Bikes.

Konkurrent Smide hat bereits 6000 Nutzer

Das System von oBike gleicht dem im April gestarteten E-Bike-Verleih Smide der Schweizer Mobiliar. 6000 registrierte Nutzer kann dieser bereits vorweisen. Seit dem Start führten diese gut 20'000 Fahrten durch, was etwa 270 pro Tag entspricht, wie bei der Mobiliar zu erfahren ist. Smide kämpft allerdings mit dem Problem, dass die Velos nicht immer da stehen, wo die Nutzer sie brauchen. Bei Smide sammelt ein Team mit E-Bikes und Anhängern die Velos ein, um sie an gefragteren Orten wieder auszuladen. Die acht Mitarbeiter, die zum Integrationsprojekt «Züri rollt» gehören, reparieren auch Schäden und laden Batterien auf.

Video: Der Smide-Test

Der TA testet den Zürcher Elektroveloverleih. (Video: Lea Blum)

Um die Velos von oBike kümmert sich gemäss einer Unternehmenssprecherin ein kleines Team vor Ort, zudem arbeite man mit lokalen Velowerkstätten zusammen. Das Unternehmen ist erst im April in Singapur gestartet, wo sich auch die Firmenzentrale befindet, und hat unter anderem in Taiwan, Malaysia, Thailand und Australien Ableger gegründet. Zürich ist nach Rotterdam die zweite Station in Europa. Um Personal vor Ort zu sparen, setzt das Unternehmen auf ein Bonus-Malus-System: Wer Beschädigungen oder falsch abgestellte Velos meldet, kann billiger fahren. Wer sich schlecht verhält, zahlt mehr.

Was die Kritik der Stadt an der Nutzung des öffentlichen Grundes angeht: Man habe sich erkundigt und von den Zürcher Behörden die Antwort erhalten, dass es für ein ortsungebundenes Verleihsystem keine Bewilligung brauche. «Wir sind jedoch offen für Gespräche mit der Stadt», sagt die Sprecherin weiter.

Überstürzter Start in Zürich

Der Start in Zürich scheint nicht ganz ohne Probleme über die Bühne zu gehen: Die Felder mit Informationen über die Betreiber oder das vom Service abgedeckte Gebiet sind in der Schweizer App leer, und auch die Tarife scheinen vorerst auf 1.50 Franken fixiert zu sein. Das hat GLP-Gemeinderat Sven Sobernheim zu hämischen Bemerkungen auf Facebook veranlasst, ist aber gemäss oBike normal und sollte sich mit zunehmender Nutzung ändern.

Knapp hundert Likes hat oBike in den vergangenen zwei Tagen auf Facebook sammeln können, unter begeisterte Wortmeldungen mischt sich Kritik an der zu hoch empfundenen Kaution von 150 Franken.

Video: Das offizielle Zürcher Veloverleihsystem

Stadtrat Filippo Leutenegger stellt das für 2018 geplante Zürcher Verleihsystem vor. Video: SDA (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.07.2017, 13:17 Uhr

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