Polnische Tomatenbauern bauen den Zürcher Bahnhof

Die Unia hat einen Teil der Arbeiten im HB wegen Lohndumpings stillgelegt.

Die Unia hat im neuen Bahnhof Löwenstrasse alle Bauarbeiten blockiert: Wartende Arbeiter.

Die Unia hat im neuen Bahnhof Löwenstrasse alle Bauarbeiten blockiert: Wartende Arbeiter. Bild: Keystone

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Der Arbeitsstreit im SBB-Durchgangsbahnhof ist exemplarisch. Alle Beteiligten – zumindest jene in der Schweiz – sind sich einig, dass es nicht sein darf, Polen für den halben Lohn arbeiten zu lassen, den Schweizer Unternehmen gemäss Gesamtarbeitsvertrag (GAV) zahlen müssten. Und trotzdem scheint es im Moment unmöglich, einen Verantwortlichen für diese Missstände zu finden, weil sich alle Parteien gegenseitig die Schuld zuschieben.

Die Unia hat gestern Morgen im neuen Bahnhof Löwenstrasse alle Bauarbeiten blockiert, die im Zusammenhang mit Brandschutz und Isolation stehen. Die Unia HB fordert von den SBB eine Liste aller geleisteten Arbeitsstunden und die Hinterlegung des «gesparten» Betrags in der Grössenordnung von einer halben Million Franken. Erst dann lässt die Unia Firmen mit korrekt entlöhnten Arbeitern zur Baustelle zu. An einer Medienkonferenz präsentierte die Unia gestern zehn polnische Arbeiter samt ihren Dokumenten als Zeugen, um über ihre Anstellung zu informieren. So funktioniert das Konstrukt:

Die SBB haben für die Montage von Brandschutzplatten, Brandschutzmassnahmen und die Isolation von Kabelkanälen einen Auftrag in der Höhe von rund 5 Millionen Franken ausgeschrieben. Dabei muss zwingend der günstigste Anbieter berücksichtigt werden.Die AB Brandschutz AG hat die Mitbewerber um 300'000 Franken unterboten. Die Winterthurer Firma funktioniert wie eine Temporärfirma und engagiert Arbeiter oder Subunternehmer. Sie hat laut eigenen Angaben 10'400 Franken pro Monat und Arbeiter bezahlt, bei einer 42-Stunden-Woche. Doch die Polen erhielten bloss 3000 Franken trotz 60-Stunden-Wochen.

Keine Rapporte von der Arbeitskontrollstelle

Die Firmen Rafael Stawczyk und Widera Miroslaw aus Maintal, Deutschland, erhielten den Auftrag von der Winterthurer Firma. Hinter den beiden deutschen Firmen stehen Polen. 30 Einzelunternehmer: Die beiden deutsch-polnischen Firmen wiederum haben in Polen und Litauen Personal rekrutiert. Arbeitswillige Polen können über eine staatliche Website einen Antrag stellen, um als Einzelfirma zu gelten. Vorteil: Schweizer Arbeitgeber müssen sich bei Firmen nicht an die GAV-Mindestlöhne halten. Die Unia hat die Arbeitspapiere von gegen 30 Polen kopiert, die sich als Fernfahrer, Tomatenzüchter und Möbelschreiner eingetragen hatten und für die Installation des Brandschutzes angestellt wurden.

Das Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA) erstellt Einzelfirmen eine Meldebestätigung. «Eine Prüfung, ob eine Selbstständigkeit vorliegt oder nicht, hat der Gesetzgeber im Rahmen des Meldeverfahrens nicht vorgesehen», sagt Peter Meier vom AWA. Das Amt kann bei Verdacht auf Scheinselbstständigkeit einen Arbeitsunterbruch für Einzelpersonen anordnen. «Von der Arbeitskontrollstelle Kanton Zürich haben wir bisher keine Rapporte wegen Verdachts auf Scheinselbstständigkeit erhalten», sagt Meier.

Annäherung heute Nachmittag?

Noch steckt der Streit in der Phase der gegenseitigen Schuldzuweisungen. Die Unia, sagen die SBB und der Kanton, habe den Arbeitsfrieden gebrochen und profiliere sich an der Grossbaustelle. Die Unia wiederum erklärt, SBB und Kanton würden ihre Verantwortung nicht wahrnehmen. Und die AB Brandschutz AG sieht sich als «Bauernopfer für höhere gewerkschaftliche Ziele» missbraucht. Laut den SBB und der Unia soll heute Nachmittag weiterverhandelt werden.

Erstellt: 23.10.2013, 11:00 Uhr

Nach diesem Schema werden scheinselbstständige Billigarbeiter angestellt.

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