Radikalisierung: Der schmale Grat zwischen legaler und illegaler Ideologie

Die Winterthurer Extremismus-Fachstelle ist seit einem Jahr in Betrieb. Die Bilanz fällt positiv aus. In drei Fällen musste die Polizei intervenieren.

Hier rief ein Imam zu Gewalt auf, die Stadt reagierte mit der Fachstelle für Extremismus: Die Winterthurer An'Nur-Moschee, aufgenommen im Oktober vor einem Jahr.

Hier rief ein Imam zu Gewalt auf, die Stadt reagierte mit der Fachstelle für Extremismus: Die Winterthurer An'Nur-Moschee, aufgenommen im Oktober vor einem Jahr.

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Eine auffällige Häufung von Jihad-Reisenden und eine Moschee, in der ein Imam zu Gewalt aufrief: Winterthur machte in der Vergangenheit unrühmliche Schlagzeilen – die Stadt erwarb den Ruf, ein Biotop radikaler Islamisten zu sein. Der Stadtrat reagierte darauf, indem er die Fachstelle Extremismus und Gewaltprävention schuf. Vor einem Jahr nahm diese ihren Betrieb auf – seither ist Stellenleiter Urs Allemann daran, Kontakte zu pflegen, Aufklärung zu betreiben und Beratungsgespräche zu führen.

Gestern nun zog er zusammen mit dem zuständigen Stadtrat Nicolas Galladé (SP) eine Zwischenbilanz. Sie fiel positiv aus. Besonders erfreut sind die Winterthurer Behörden vom breiten Zuspruch, den sie bekommen. Das interdisziplinär organisierte Winterthurer Präventionsmodell wird als vorbildlich gerühmt. Die Erfahrungen aus Winterthur fliessen in Fachtagungen im In- und Ausland ein.

Eine One-Man-Show

Urs Allemann, der die Stelle sozusagen als One-Man-Show betreibt, hat im ersten Jahr viel Energie aufgewendet, um sich mit den diversen Mitakteuren zu vernetzen – etwa mit Integrationsfachleuten, der Schulsozialarbeit oder den Brückenbauern der Stadtpolizei. Zudem hat er 38 Referate gehalten und 48 Beratungsgespräche geführt. Das Beratungsangebot der Fachstelle richtet sich an Betroffene aller Art: Lehrer, Arbeitgeber, Jugendarbeiter, aber auch Eltern, Geschwister und andere Familienmitglieder. Angehörige seien unter den Ratsuchenden in der Minderheit, bilanziert Allemann.

Wird der Fachstelle ein potenzieller Radikalisierungsfall gemeldet, gilt es vor allem eine Frage zu klären: Ist die «rote Linie» überschritten oder nicht? Radikale Überzeugungen und ideologische Kompromisslosigkeit seien «nichts Illegales», betont Stadtrat Galladé. In solchen Fällen seien Präventionsanstrengungen gefordert. Anders liege der Fall, wenn eine Drohung ausgesprochen, Gewalt angewendet oder gegen Gesetze verstossen werde – dann, so Galladé, sei die Linie überschritten und eine polizeiliche Intervention angezeigt.

Jihad-Reise geplant

Im ersten Jahr seien drei Fälle zur Fachstelle gelangt, die den Rahmen des Zulässigen gesprengt hätten, sagt Stellenleiter Allemann. Einer habe konkret eine Jihad-Reise zu planen begonnen. Bei den zwei anderen habe sich herausgestellt, dass nicht islamistische Neigungen sie dazu veranlasst hätten, die rote Linie zu überschreiten, sondern psychische Probleme. Sie werden entsprechend betreut.

Für Urs Allemann gehört der Umgang mit der Grenze zwischen Legalität und Illegalität zu den grossen Herausforderungen der Zukunft: «Wir dürfen diese Grenze nicht verwischen. Wir müssen zwischen strenggläubigen und gewaltbereiten Leuten unterschieden. Strenggläubige Menschen kommen zwar mit unseren ungeschriebenen Normen ins Gehege, sie tun jedoch nichts Unerlaubtes.»

Befristet bis Ende 2018

Die Winterthurer Fachstelle bemüht sich um Austausch und Kontaktpflege auf allen Kanälen. Neu wird über die Winterthurer Jugendapp ein Chat angeboten, der es den Nutzern ermöglicht, anonym mit der Fachstelle über Radikalisierungsfragen zu kommunizieren. Der Chat werde benutzt, sagt Urs Allemann. Zahlen dazu gebe es allerdings keine.

Die Winterthurer Fachstelle ist vom Stadtrat befristet bis Ende 2018 bewilligt. Wie es danach weitergehe, werde der Stadtrat entscheiden, sagt Nicolas Galladé. «Fest steht, dass unser Modell funktioniert. Mit relativ wenig Ressourcen – einer 80-Prozent-Stelle – erreichen wir eine gute Wirkung.»

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.10.2017, 16:05 Uhr

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