Razzia bei Jürg Jegge in Rorbas

Die Zürcher Justiz hat das Haus des bekannten Pädagogen durchsucht und Material beschlagnahmt. Zudem wird Jegge einvernommen und werden weitere Zeugen gesucht.

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Am Dienstagmorgen fuhren mehrere Fahrzeuge beim Häuschen von Jürg Jegge im zürcherischen Rorbas vor – Polizisten führten eine Razzia durch. Zunächst warteten die Fahnder beim Hauseingang, der 73-Jährige war offenbar nicht zuhause. Wenig später konnten Passanten beobachten, wie ein Schlüsseldienst die Haustüre mit Werkzeugen bearbeitete und wie die Beamten danach begannen, Beweismaterial aus dem Haus zu tragen.

Corinne Bouvard, Sprecherin der Zürcher Oberstaatsanwaltschaft, bestätigt die Hausdurchsuchung auf Anfrage. Jegge selbst wurde nicht festgenommen. Er sei auch nicht zur Verhaftung ausgeschrieben, aber zu einer Einvernahme vorgeladen. Ein formelles Strafverfahren ist bislang nicht eröffnet, wie Bouvard weiter sagt. Laut Weisungen der Oberstaatsanwaltschaft hat die Justiz aber die Möglichkeit, «sichernde Massnahmen» durchzuführen, die «keinen Aufschub ertragen». Weil Jürg Jegge früher als Lehrer eine Amtsperson verkörperte, stellt sich zudem die Frage, ob die Justiz zum Start eines formellen Verfahrens eine Ermächtigung des Zürcher Obergerichts benötigt.

Jürg Jegge und sein Anwalt waren am Donnerstagmorgen für Tagesanzeiger.ch/Newsnet nicht erreichbar.

«Ich stehe dazu, was ich gemacht habe»

Der bekannte Lehrer und Autor Jegge galt als Vordenker der Reformpädagogik in der Schweiz. Letzte Woche hatte er sexuelle Kontakte in den 70er- und 80er-Jahren mit damaligen Schülern zugegeben, nachdem einer von ihnen, Markus Zangger, in einem Enthüllungsbuch Missbrauchsvorwürfe erhoben hatte.

Ein Sturm der Entrüstung brach los, Dutzende Zeitungsartikel erschienen, weitere mutmassliche Opfer Jegges traten an die Öffentlichkeit. Im Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet sagte der Angeschuldigte: «Ich stehe dazu, was ich gemacht habe». Er habe mit «unter zehn» Schülern sexuelle Kontakte gehabt. Jegge trat per sofort als Ehrenpräsident der Stiftung «Märtplatz» in Freienstein zurück. Die Ausbildungsstätte für Jugendliche mit psychischen oder sozialen Schwierigkeiten hatte er 1985 gegründet.

Die Zürcher Oberstaatsanwaltschaft gab am vergangenen Freitag bekannt, dass die Justiz Vorermittlungen gegen Jegge in Auftrag gegeben habe – er musste also damit rechnen, dass die Polizei sein Haus durchsuchen würde. Der Anwalt des Opfers Markus Zangger geht davon aus, dass die publik gemachten sexuellen Handlungen strafrechtlich verjährt sind. Sollten allerdings Vorwürfe jüngeren Datums auftauchen, würde sich die Frage der Verjährung erneut stellen.

Die Oberstaatsanwaltschaft sucht nun Zeugen oder Opfer. Diese werden gebeten, sich unter der Telefonnummer 044 247 30 94 zu melden.

Journalist Hugo Stamm äussert sich an einer Pressekonferenz zu seinem mit dem Opfer Markus Zangger publizierten Buch über Missbrauchsfälle. (Video: Lea Koch) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.04.2017, 10:13 Uhr

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