Rekordsumme für einen gebrochenen Fuss

Eine Versicherung zahlte dem Zürcher Kunsthaus 1,65 Millionen Franken, weil eine ausgeliehene Skulptur von Alberto Giacometti in Russland beschädigt wurde.

Die Bronzefigur «La Forêt» von Alberto Giacometti ist zurück in Zürich. Von der Reparatur (am dritten Fuss von links) ist nichts zu sehen.

Die Bronzefigur «La Forêt» von Alberto Giacometti ist zurück in Zürich. Von der Reparatur (am dritten Fuss von links) ist nichts zu sehen. Bild: Sophie Stieger © 2012, Pro Litteris, Zürich

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Für 13,2 Millionen Dollar ging vor zehn Jahren im Auktionshaus Christie’s in New York Alberto Giacomettis «La Forêt» über den Tisch. Sechs Abgüsse gibt es von diesem Werk aus dem Jahr 1950; Guss Nummer 4 gehört der Alberto-Giacometti-Stiftung und ist im Zürcher Kunsthaus ausgestellt. Sofern er nicht auf Reisen ist.

Im Dezember 2008 wurde der Zürcher «Forêt» an die Eremitage in Sankt Petersburg ausgeliehen, eines der grössten und bedeutendsten Museen der Welt mit 350 Sälen, viele davon im prachtvollen Winterpalais des Zaren. Dort entstand beim Transport ein Schaden. Nach Auskunft von Björn Quellenberg, dem Sprecher des Kunsthauses, brach die grösste der Figuren an der dünnsten Stelle über dem Fuss. Inzwischen steht das Kunstwerk wieder im Zürcher Kunsthaus, repariert vom Schweizer Bronze-Experten Rolf Fritschi. Man kann als Laie noch so genau schauen – zu sehen ist nichts vom Unfall in Sankt Petersburg.

Neben dem Ungemach hatte das russische Abenteuer für das Kunsthaus einen beachtlichen Vorteil: 1,65 Millionen Franken zahlte die Versicherung der Eremitage, genauer Fr. 1 645 402.54. Mit diesem Betrag ist in der Jahresrechnung 2010 der Zürcher Kunstgesellschaft, die das Kunsthaus betreibt, ein «a. o. Erfolg» aufgeführt. Erst der Zürcher Stadtrat nennt jetzt die Zahl beim Namen. In seinem kürzlich erfolgten Beschluss, die Jahresrechnung 2010 zu genehmigen, steht, dass die rund 1,65 Millionen Franken als «Wertminderungsausgleich» ausbezahlt worden seien, da eine Giacometti-Statue bei einem Leihnehmer Schaden genommen habe. Weil die Stadt die Zürcher Kunstgesellschaft subventioniert, muss der Stadtrat die Jahresrechnung gutheissen. Zurzeit beträgt die Subvention 8,2 Millionen Franken. Dank des ausserordentlichen Versicherungsbetrags schliesst die Rechnung der Kunstgesellschaft mit einem Überschuss von knapp 450 000 Franken; fast gleich viel, wie die Rechnung im Jahr zuvor im Minus war.

Schäden in dieser Höhe seien sehr sehr selten, sagt Björn Quellenberg. Die Versicherungssumme bemesse sich nach dem aktuellen Wert des Kunstwerks zum Zeitpunkt der Ausleihe und werde jedes Mal neu berechnet. In die Rechnung fliesst auch der Schaden selbst ein, die Kosten der Wiederherstellung und die geschätzte Wertminderung.

Bisher «grosszügig» ausgeliehen

Den aktuellen Versicherungswert des Zürcher «Forêt» kann Quellenberg nicht beziffern, da das Kunsthaus eine Gesamtversicherung für seine Sammlung abgeschlossen hat. Ein Blick ins Internet zeigt, dass für Giacomettis Werke Riesensummen bezahlt werden: «Grande tête mince» erzielte bei Christie’s 53 Millionen Dollar oder der spindeldürre Mann – «L’Homme qui marche I» – bei Sotheby’s in London 65 Millionen Pfund, umgerechnet etwa 95 Millionen Franken. Das Kunsthaus sei im Vergleich mit anderen Museen recht grosszügig in der Bewilligung von Leihgesuchen, sagt Quellenberg. Bei Werken, die international immer stärker nachgefragt werden wie diejenigen von Giacometti, werde in Zukunft allerdings noch stärker darauf geachtet werden müssen, dass der Leihnehmer alle konservatorischen Bedingungen erfüllen kann – vom fachgerechten Umgang bei Verpackung und Transport bis zu den klimatischen Bedingungen im Ausstellungsraum.

Die Sammlung der Alberto-Giacometti-Stiftung, die zum grössten Teil im Kunsthaus zu sehen ist, umfasst 150 Skulpturen, 20 Gemälde und vieles auf Papier. Giacometti gilt als einer der beutendsten Bildhauer der Moderne. 1901 im Bergell geboren, arbeitete er die meiste Zeit in Paris. Er starb 1966 in Chur. Sein Porträt und vier seiner Figuren sind auf der 100er-Note abgebildet.

Erstellt: 04.01.2012, 07:29 Uhr

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