Reuige Sünder stehen Schlange im Zürcher Steueramt

Selbstanzeigen wegen Steuerhinterziehung haben einen Höchststand erreicht. Das überrascht gar die Chefin des Zürcher Steueramts. Was steckt dahinter?

Das Kantonale Steueramt hat noch 6000 Selbstanzeigen zu bearbeiten. Foto: Dominique Meienberg

Das Kantonale Steueramt hat noch 6000 Selbstanzeigen zu bearbeiten. Foto: Dominique Meienberg

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Beim Kantonalen Steueramt sind im vergangenen Jahr 7250 Selbstanzeigen eingegangen. Das heisst konkret: 7250 private Steuerzahler oder auch Unternehmen haben Vermögenswerte gemeldet, die sie bisher nicht versteuert haben. Sie nutzten eine landesweite Amnestie, die seit 2010 gilt. Für die Steuerhinterziehung werden die Selbstanzeiger nicht bestraft. Allerdings dürfen sie von diesem Angebot nur einmal im Leben Gebrauch machen, zudem werden Nachsteuern für die verpassten Steuerjahre erhoben.

Bereits im Jahr zuvor hatten sich gut 6000 Steuerzahler selber angezeigt – eine Zahl, die für die Chefin des Kantonalen Steueramtes, Marina Züger, über den Erwartungen lag – und nun ist die Zahl nochmals gestiegen.

Noch vor rund 10 Jahren behaupteten die Befürworter des Bankgeheimnisses, beim Tatbestand der Steuerhinterziehung handle es sich um Einzelfälle. Inzwischen ist das Bankgeheimnis im Verhältnis mit dem Ausland abgeschafft, und es zeigt sich, wie weitverbreitet Steuerhinterziehung im Kanton Zürich ist. Seit dem Jahr 2010 haben sich weit über 20'000 Zürcher Steuerzahlerinnen und -zahler selbst angezeigt. Dabei wurden Vermögen im Wert von total 8383 Millionen Franken nachgemeldet und Einkommen von 1484 Millionen – aus dem Inland wie aus dem Ausland. Für diese aufgedeckten Werte haben Kanton und Gemeinden in Zürich fast 600 Millionen Franken Nachsteuern eingenommen – 98 Millionen allein im letzten Jahr.

Schlechtes Gewissen

Auch gestern zeigte sich die Chefin des Zürcher Steueramtes, Marina Züger, überrascht vom Ausmass der Selbstanzeigen. Einige Dutzend Steuersünder haben sich zudem bereits zweimal angezeigt. Beim zweiten Mal wird ihnen die Meldung aber nicht nur Nachsteuern verursachen. Diesmal wird auch eine Busse von 20 Prozent der Nachsteuer fällig.

In den vergangenen beiden Jahren waren laut Mitteilung der Finanzdirektion vor allem kleinere Beträge nachgemeldet worden. In den ersten Jahren der Amnestie gingen zwar viel weniger Selbstanzeigen ein, dafür waren mehr grosse Fälle dabei.

Dass die Zahl der Anzeigen so stark angestiegen ist, führt die Finanzdirektion auf den automatischen Informationsaustausch (AIA) zurück, den die Schweiz Anfang 2017 mit der EU, aber auch mit Kanada, Japan und Australien vereinbart hat. «Viele wollten die letzte Gelegenheit der Straflosigkeit noch nutzen», sagt Züger. In den ersten Jahren der Amnestie, als es noch ungewiss war, ob der AIA tatsächlich kommt, hätten die Selbstanzeiger häufig aus schlechtem Gewissen gehandelt. Heute dominiere eher die Angst, wegen des AIA beim Schummeln entdeckt zu werden.

Meldungsflut aus der EU

Im letzten Herbst sind zum ersten Mal aus den AIA-­Vertrags­staaten Bankdaten von Steuerzahlern an die Schweiz übermittelt worden. 347'000 Meldungen betreffen den Kanton Zürich und müssen nun vom Kantonalen Steueramt bearbeitet werden, wie Züger bestätigte. Auch diese Zahl liege am «oberen Ende der Erwartungen». Da der riesige Datenberg erst kurz vor Weihnachten in Zürich eingetroffen ist, kann sie noch keine detaillierten Angaben dazu machen. Der grösste Teil der Meldungen stamme aber aus Deutschland, den anderen Nachbarstaaten der Schweiz und von der Iberischen Halbinsel.

Als Erstes werden nun die grössten Fälle überprüft. Sollte sich herausstellen, dass es sich um nicht deklarierte Vermögenswerte handelt, wird ein Nachsteuer- und Bussenverfahren eingeleitet. Laut Züger beträgt eine Busse je nach Schwere der Steuerhinterziehung zwischen einem Drittel und dem Dreifachen des geschuldeten Nachsteuerbetrags. Dieser lag im letzten Jahr im Durchschnitt bei knapp 20000 Franken.

Bis wann alle Meldungen bearbeitet sind, konnte Züger nicht sagen. Womöglich werden kleine Beträge gar nicht überprüft – oder dann wird der Datenberg in Etappen, über mehrere Jahre abgearbeitet. Ob es dazu zusätzliches Personal braucht, ist ebenfalls noch offen.

Noch 6000 Pendenzen

Für die kommenden Jahre rechnet Züger mit einer stark abnehmenden Zahl von Selbstanzeigen. Solche ergeben auch nur Sinn, wenn Vermögenswerte durch den AIA noch nicht aufgedeckt sind, weil die Steuersünder nur dann von der Straflosigkeit profitieren können.

Die Einnahmequellen aus den Selbstanzeigen werden allerdings nicht so schnell versiegen, denn noch immer liegen im Kantonalen Steueramt 6000 unbearbeitete Selbstanzeigen. Sollten die Nachsteuerverfahren ähnlich ergiebig sein wie im vergangenen Jahr, werden sie für den Kanton und die Gemeinden nochmals Nachsteuern von weit über 100 Millionen Franken abwerfen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.01.2019, 08:47 Uhr

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