SP brüskiert verdiente Genossin

Sie könnte für Jacqueline Fehr in den Nationalrat nachrutschen, doch die SP lässt sie nicht. Jetzt wird Julia Gerber Rüegg sogar ganz von der Wahlliste verbannt.

Die SP-Delegierten werden nun entscheiden, ob ihre Karriere zu Ende ist: Julia Gerber Rüegg. Bild: Sabine Rock

Die SP-Delegierten werden nun entscheiden, ob ihre Karriere zu Ende ist: Julia Gerber Rüegg. Bild: Sabine Rock

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Für eine Person ist die gestern von der SP-Findungskommission veröffentlichte Liste für die Nationalratswahlen tragisch. Julia Gerber Rüegg (58) aus Wädenswil, langjährige Kantonsrätin und Präsidentin des Gewerkschaftsbundes, fehlt darauf. Dabei ist sie bei der SP erste Ersatzfrau. Wenn die in den Regierungsrat gewählte Jacqueline Fehr jetzt in Bern aufhören würde, könnte Gerber Rüegg nachrutschen – und im Herbst als Bisherige antreten. Die SP-Parteileitung aber mutet Fehr bis im Herbst eine Doppelbelastung zu, um Gerber Rüegg bei der Nomination keinen Startvorteil zu verschaffen. Auch Mario Fehr und Regine Aeppli mussten nach ihrer Wahl in die Regierung im Nationalrat ausharren.

Rebekka Wyler, Präsidentin der Findungskommission und SP-Vizepräsidentin, beruft sich auf einen einstimmigen Kommissionsentscheid. Es sei Zeit für «neue Kräfte auf der Liste». Julia Gerber Rüegg sei 2014 nach 20 Jahren aus dem Kantonsrat ausgetreten und habe 2013 das Präsidium des Gewerkschaftsbundes abgegeben. «Das waren Zeichen, dass sie sich weniger engagieren möchte.»

Image als ewige Kandidatin

Gerber Rüegg ist schon fünfmal bei den Nationalratswahlen angetreten und hat seit 1995 die Ränge 20, 18, 16, 14 und 8 erreicht. Letztmals hatte sie bei den Wahlen drei Plätze gutgemacht, vom 11. Listenplatz auf den 8. Rang. Sie sagt: «2011 hatte ich erstmals reelle Chancen, – und jetzt, wo ich so weit bin, werde ich ausgebootet.» Mario Fehr wurde damals Regierungsrat und stand ihr als Adliswiler im Bezirk Horgen nicht mehr vor der Sonne. Aus dem Kantonsrat sei sie nicht wegen mangelnder Motivation zurückgetreten, sondern weil sie das ihrem Nachfolger Jonas Erni versprochen habe – und das wiederum, weil sie mit einem vorzeitigen Rücktritt von Andreas Gross aus dem Nationalrat gerechnet hatte.

Was Julia Gerber Rüegg zusätzlich kritisiert: Aus der Findungskommission habe niemand mit ihr über ihre Ambitionen gesprochen. Definitiv weg vom Fenster ist sie noch nicht: Die Bezirkspartei Horgen wird am 30. Mai an der Delegiertenversammlung den Antrag stellen, Gerber Rüegg auf den ersten Teil der Liste zu setzen. Argument: Der Bezirk Horgen habe mehr Einwohner als die Stadt Winterthur, sei in der ersten Hälfte der Liste aber nicht vertreten. Winterthur dagegen stellt drei Kandidaten.

Tim Guldimann im ersten Topf

Die SP hat für die Gestaltung ihrer Liste ein ausgeklügeltes, sehr demokratisches Verfahren. An erster Stelle kommt Ständeratskandidat Daniel Jositsch. Dann bestimmen die 200 Delegierten über ein Punktesystem die Rangierung auf den Plätzen 2 bis 17. Vorne erwartet werden dabei die Bisherigen Jacqueline Badran, Martin Naef, Thomas Hardegger und Chantal Galladé. Letztere muss nach über 12 Jahren Amtszeit (seit 2003) zusätzlich die zwei-Drittel-Hürde schaffen.

Unter diesen ersten 17 ist auch der Topdiplomat Tim Guldimann, der als Botschafter in Deutschland pensioniert wird. Guldimann ist ein echter Zürcher Genosse, wird aber weiterhin in Berlin leben, wo seine Frau als Journalistin arbeitet und seine Kinder zur Schule gehen. Er tritt somit als Auslandschweizer an und muss hin- und herjetten. Die SP akzeptiert das: «Guldimann würde der SP in der Aussenpolitik mit seiner Erfahrung – auch in Krisenbewältigung – sehr gut tun», sagt Rebekka Wyler. Und das vor allem auch nach dem Rückzug von Andreas Gross.

Weitere Namen im ersten Topf: Angelo Barrile, Stefan Feldmann, Parteipräsident Daniel Frei, Pia Holenstein, die Stadtzürcher Fraktionspräsidentin Min Li Marti, Mattea Meyer, Juso-Präsident Fabian Molina, die abgewählte Winterthurer Stadträtin Pearl Pedergnana, Priska Seiler Graf, Andrea Sprecher und Jean-Daniel Strub. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.05.2015, 17:00 Uhr

Artikel zum Thema

Köppel bloss auf Listenplatz 17

Für Hans Fehr wurde die SVP-Nominierung zur Zitterpartie, eine salomonische Lösung gab es für Roger Köppel – und eine Überraschung setzte es bei Hans-Ueli Vogt ab. Mehr...

Wer schafft es in den Zug nach Bern?

Nun ellbögeln die Kandidaten um die Listenplätze für die Nationalratswahlen. Quereinsteiger wie Botschafter Tim Guldimann oder Roger Köppel kämpfen gegen Junge wie Fabian Molina oder Andri Silberschmidt. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Ein Geschenk, das lange Zeit Freude bereitet

Was soll ich denn bloss diese Weihnachten schenken? Mit fondssparplan.ch bietet sich die Chance, langfristig angelegte Freude zu bescheren.

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Haben sich an ihren Lebensraum angepasst: Vier ausgewachsene Antilopen und ein Junges laufen in der Wüste Rub Al-Khali in Saudiarabien über den trockenen Boden. (19. Dezember 2018)
(Bild: VALDRIN XHEMAJ) Mehr...