SP setzt junge Studentin vor Topdiplomaten

Ex-Botschafter Tim Guldimann landet bloss auf dem 10. Platz der Zürcher Nationalratsliste – Galladé entgeht der Altersguillotine.

Die Nomination geschafft: Daniel Jositsch (links, 1. Platz), Chantal Galladé (6.) und Tim Guldimann (10.)

Die Nomination geschafft: Daniel Jositsch (links, 1. Platz), Chantal Galladé (6.) und Tim Guldimann (10.) Bild: Ruedi Baumann

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In einer fünfstündigen Delegiertenversammlung im «Löwen» in Rüti hat die Zürcher SP am Samstag in einem komplizierten, basisdemokratischen Verfahren folgende Liste für die Nationalratswahlen im Herbst verabschiedet:

  • 1. Daniel Jositsch (bisher, auch Ständeratskandidat)
  • 2. Jacqueline Badran (bisher)
  • 3. Thomas Hardegger (bisher)
  • 4. Mattea Meyer
  • 5. Martin Naef (bisher)
  • 6. Chantal Galladé (bisher)
  • 7. Angelo Barrile
  • 8. Min Li Marti
  • 9. Priska Seiler Graf
  • 10. Tim Guldimann
  • 11. Fabian Molina
  • 12. Daniel Frei
  • 13. Andrea Sprecher
  • 14. Stefan Feldmann
  • 15. Jean-Daniel Strub
  • 16. Pia Holenstein
  • 17. Pearl Pedergnana
  • 18. Julia Gerber Rüegg

Gesetzt war Daniel Jositsch als Ständeratskandidat auf dem ersten Platz. Die übrigen Ränge zwischen 2 und 18 konnten die Genossinnen und Genossen mit einer Punkteabgabe für jeden einzelnen Kandidaten bestimmen. Bilanz: Überraschend ist die sehr gute Platzierung der 27-jährigen Studentin und Kantonsrätin Mattea Meyer (4.) und des 38-jährigen Zürcher Hausarztes und Kantonsrates Angelo Barrile (7.), der sich den Delegierten als «schwuler, linker Arzt» empfohlen hatte. Tim Guldimann hat vom 10. Platz aus intakte Chancen, muss aber sehr viel in seinen Wahlkampf investieren. Enttäuschend ist der 17. Platz für die vor einem Jahr abgewählte Winterthurer Stadträtin Pearl Pedergnana.

Drei Knackpunkte – und das Auszählen der Punkte – waren der Grund, dass die 161 SP-Delegierten fast den ganzen Samstag brauchten, um ihre Liste zu verabschieden:

  • 1. Darf Chantal Galladé nochmals antreten, obschon sie schon zwölf Jahre dabei ist?
  • 2. Soll Botschafter Tim Guldimann vorne auf die Liste, obschon er von Berlin aus anfliegen würde?
  • 3. Darf Gewerkschafterin Julia Gerber Rüegg, zur Zeit erste Ersatzfrau, auch nach fünf erfolglosen Versuchen nochmals auf die Liste?

Chantal Galladé, obschon erst 42, musste sich der Amtszeitguillotine stellen, da sie schon seit 2003 im Nationalrat ist. Sie sei eben in jungem Alter eine Senkrechtstarterin gewesen – und immer ein Zugpferd, sagte ihr Winterthurer Kollege Christoph Baumann. Laut Co-Präsident Moritz Spillmann habe sich Galladé in der «testosteronschwangeren Sicherheitskommission» souverän durchgesetzt. Galladé selber – spürbar nervös – betonte, dass die Altersguillotine eingeführt worden sei, damit SP-Nationalräte in Bern «nicht entschwirren und sich weit von der Basis entfernen». Bei ihr aber sei das Gegenteil der Fall. Mit 127 Stimmen schaffte Galladé die Hürde von 104 Stimmen schliesslich locker.

Julia Gerber setzte sich knapp durch

Julia Gerber Rüegg sei von der Personalkommission ganz bewusst nicht mehr auf die Liste gesetzt worden, sagte Moritz Spillmann im Namen der Personalkommission. Die SP wolle «gezielt neue Kräfte fördern» – und da gebe es viele Junge, die zu prägenden Aushängeschildern der Partei geworden seien.

Für Julia Gerber Rüegg setzte sich der Bezirk Horgen, die AG Alter und insbesondere Regierungsrat Mario Fehr ein. Er sei ihr im Bezirk Horgen auf der Nationalratsliste seit 1995 «vor der Sonne gestanden». 2011, als Fehr Regierungsrat wurde, hatte sich Gerber Rüegg prompt vom 11. auf den 8. Platz nach vorne gearbeitet. Würde Jacqueline Fehr heute, nach ihrer Wahl in die Regierung, zurücktreten, wäre Gerber Rüegg nun Nationalrätin. Die Delegierten hatten ein Einsehen und setzten sie mit 85:76 Stimmen in den ersten Block der Liste. Der 18. Platz im Punktesystem war für Gerber Rüegg aber eine Ernüchterung. Offenbar war die Wahlkommission mit ihrer Nichtnomination doch nicht so daneben gelegen. Gerber Rüegg will das Ergebnis nun analysieren, wie sie sagte.

Guldimann: «Ein Bier im Nachtzug»

Botschafter Tim Guldimann hatte am Freitag in Berlin seinen letzten Arbeitstag, ab Anfang Juni ist er pensioniert. Die Personalkommission hatte ihn in den ersten Topf gesetzt. Guldimann ist seit 33 Jahren Mitglied der SP – und möchte sein Wissen und seine Erfahrung nach seinen diplomatischen Einsätzen an wichtigen Krisenherden der Welt nun im Nationalrat einsetzen. Sein Handicap, neben dem fehlenden Stallgeruch: Er möchte weiterhin in Berlin wohnen, wo seine Frau arbeitet und seine Kinder zur Schule gehen. Für Nationalrats- und Kommissionssitzungen müsste er rund 20 Mal von Berlin nach Bern reisen. Das trug ihm von der SP-Basis bereits Kritik ein. Schliesslich kämpfe die SP an vorderster Front für die 2000-Watt-Gesellschaft.

Guldimann bekannte sich in einer nicht sehr diplomatischen, dafür äusserst engagierten Rede zu seiner «Heimat Zürich und SP». Die Heimat dürfe man nicht der SVP sowie «Köppel und Konsorten» überlassen. Guldimann will bewusst als «Ausland-Zürcher» antreten, um den 750'000 Schweizern im Ausland ein Stimme zu verleihen – und der SP den achten Sitz zu erkämpfen. Der Schweiz stehe eine «massive Europadebatte» bevor. Ein schlechtes Gewissen wegen dem Hin- und Herpendeln aus Berlin habe er zwar, sagte Guldimann – «aber ich werde dies jeweils mit einem Bier im Nachtzug besänftigen».

Ein Kasachstan-Witz von Christian Levrat

Unterstützung erhielt Guldimann von SP-Schweiz-Präsident Christian Levrat persönlich. «Auslandschweizer müssen eine Stimme in Bern haben.» Auch SVP-Kandidat Roger Köppel habe Karriere in Deutschland gemacht, «er ist aber zu komplett anderen Schlüssen gekommen und ist nun ein Vertreter der Abschottung und der Angst». Was Levrat seinen Genossinnen und Genossen auch noch auf den Weg gab: «Wer wegen billigen Reisen nach Kasachstan in den Nationalrat will, für den ist der Weg über Bern zu weit und zu teuer.»

Erstellt: 30.05.2015, 16:47 Uhr

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