SVP gegen Diener: Wie kam die Partei an die Adressen der Autofahrer?

Der Massenbrief zur Abwahl von Ständerätin Verena Diener ist vielen in den falschen Hals geraten. Klar ist zumindest, dass die Autolobby vom Strassenverkehrsamt keine Adressen erhalten hat.

Der Absender des Briefes: Autopartei-Gründer Michael Dreher.

Der Absender des Briefes: Autopartei-Gründer Michael Dreher. Bild: Keystone

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Die persönlich adressierten Briefe an die Zürcher Autohalter polarisieren. Stein des Anstosses ist nicht nur der Aufruf, Ständerätin Diener (GLP) abzuwählen, weil sonst der Benzinpreis auf vier Franken ansteigen würde. Für den grossen Ärger sorgt die Behauptung von Autopartei-Gründer Michael Dreher, er habe «alle Autohalter mit ZH-Schildern» angeschrieben. Viel gestellte Frage: Wo haben Dreher und seine Leute diese Adressen her? Bereits wurden Ombudsmann und Datenschutzbeauftragter eingeschaltet.

Die Spurensuche ist nicht einfach. Die naheliegendste Vermutung ist das Strassenverkehrsamt. Doch Fehlanzeige! «Ausgeschlossen, das kommt nicht infrage», sagt Vizechef Claude Giacometti. Die Zeiten des beliebten Autoindexes in Buchform sind seit 1997 vorbei. Halterauskünfte dürfen gemäss Datenschutzgesetz nicht für kommerzielle Zwecke erfolgen. «Sonst würde jede Garage kommen», sagt Giacometti. Deshalb ist die Halterabfrage auch über Internet stark eingeschränkt. Nach einem Login mit Prüfziffer kann nur eine ZH-Nummer aufs Mal abgefragt werden – und maximal fünf pro Tag. Wer alle 650'000 ZH-Nummern abfragen möchte, bräuchte dafür über 300 Jahre.

Zweiter Versuch bei SVP-Parteipräsident Alfred Heer: «Die SVP hat mit diesem Brief nichts zu tun, wir haben diesen auch nicht finanziert», sagt Heer. Die Idee zu einer Breitseite gegen Diener wegen ihrer autofeindlichen Haltung sei allerdings an einer SVP-Delegiertenversammlung entstanden. Schliesslich sei es die Aufgabe der Politik, die Position von Kandidaten für wichtige Ämter öffentlich aufzuzeigen. Als Parteipräsident, so Heer, könne er den Inhalt des Abwahlbriefes voll unterstützen.

Freunde der SVP als Sponsoren

Dritter Versuch bei Michael «Mike» Dreher: Als Ex-Autopartei-Nationalrat, heutiges SVP-Mitglied und Präsident der Auto-Allianz ist er der offizielle Absender des Briefes, auch wenn sein Name darin nicht erwähnt wird. «Die Adressen für den Versand haben wir bei einer Agentur gekauft», sagt Dreher. Der Sponsor für die Aktion gehöre «zu den Freunden der SVP». Namen und Kosten aber will Dreher nicht herausrücken. Nur so viel: Für Recherchen zum Stimmverhalten von Verena Diener als Nationalrätin von 1988 bis 1995 hatte Dreher – vulgo Aal – zwei Mitglieder seiner Mittelschulverbindung Scaphusia Schaffhausen angestellt.

Blocher-Inserat inklusive

Gestaltung, Druck und Versand des Briefes sind laut Dreher von einer Werbeagentur übernommen worden. Er selber habe nur das «Nihil obstat» gegeben – was in der katholischen Kirche eine Unbedenklichkeitserklärung ist. Ob es sich bei dieser Agentur um die Firma Goal von SVP-Werber Alexander Segert handelt, will Dreher nicht offenlegen. Jedenfalls ist auf der Rückseite des Briefes die umstrittene Blocher-Wahlwerbung mit der durchgestrichenen zweiten Linie auf dem Stimmzettel aufgedruckt.

Dass weder Dreher noch die SVP offizielle Daten geklaut haben, wird auch aus den zahlreichen Leserreaktionen klar. Da haben nämlich etliche Leute einen Brief bekommen, die in ihrem Leben noch nie ein Auto besassen. Und eifrige Autofahrer gingen leer aus.

Die vierte Station auf der Suche nach dem Datenlieferanten bringt wohl die Lösung. «Potenzialorientierte Vertriebsnetzoptimierung» heisst das Zauberwort. Adressenbroker liefern eine Annäherung an die Vorgabe «Autohalter mit ZH-Nummern». Gazmend Shabani von der Direktmarketingfirma AZ Direct erklärt: Grundstamm können die Daten des letzten Autoindexes von 1997 sein. «Wer einmal ein Auto hatte und noch im fahrfähigen Alter ist, wird wohl noch immer eines haben.» Diese Daten können verknüpft werden mit den offiziellen Telefonbucheinträgen sowie vermuteten Einkommensklassen, Wohnsituation, Alter und vielen anderen Kriterien.

Datenbroker können beliebige Profile liefern – von bodenständig bis innovativ. Bei Autohaltern seien die Daten «recht zuverlässig», sagt Shabani. Billig sind solche Aktionen nicht. Adresse, Druck, Einpacken und Versand kosten rund einen Franken pro Brief. Die Kampfaktion gegen Verena Diener dürfte also um eine halbe Million Franken gekostet haben.

Erstellt: 11.11.2011, 09:53 Uhr

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