Schafe mit «Sonnenbrand» provozieren Polizeieinsatz

Eine Zürcher Familie züchtet eigenartige Schafe. Darum stand plötzlich die Polizei auf ihrem Hof. Der kuriose Einzelfall steht exemplarisch für einen Trend.

Ungewohnte Hautfarbe: Die «Rouge de l'ouest»-Schafe der Familie Feusi.

Ungewohnte Hautfarbe: Die «Rouge de l'ouest»-Schafe der Familie Feusi. Bild: Raisa Durandi

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Bei Feusis auf dem Hof weiden etwas sonderbare Schafe. Man gewöhne sich mit der Zeit an ihr Aussehen, meint Züchter Christian Feusi. Noch nicht daran gewöhnt haben sich die meisten Passantinnen und Passanten, die an der Weide vorbeigehen. Deshalb legen viele am Zaun eine Pause ein und fotografieren die Tiere. Daran wiederum haben sich Feusis gewöhnt.

Am Ostermontag stoppten aber keine Passanten, sondern zwei Polizisten in Uniform. Sie beobachten die Schafe, während die Schafhalter gerade auf dem Vorplatz zu Mittag essen. Einer der Beamten ist Martin Heer, Chef der Wädenswiler Stadtpolizei. «Ein Spaziergänger hat uns Schafe gemeldet, welche gerötete Köpfe hätten», schreibt er einige Tage später zum Vorfall. «Er vermutete wegen des anhaltend herrlichen Wetters einen Sonnenbrand und meldete das der Polizei.» Also sei man nach Schönenberg hochgefahren – «ausgerückt». «Dazu ist die Polizei verpflichtet», sagt Heer.

Ein beliebtes Fotomotiv für Passanten: Ein Teil der Schafherde auf den Hügeln in Schönenberg. Bild: Raisa Durandi

Auf der Wiese grasen rund 25 Schafe; Muttertiere und Lämmlein. Auf den ersten Blick sind es ganz gewöhnliche Schafe: Sie blöken, ihre Glöcklein bimmeln, ihr Fell ist weiss. Doch bei näherer Betrachtung irritiert die Hautfarbe tatsächlich: Ein helles Rot im Gesicht und überall, wo die Haut unter dem Fell hervorschimmert. Ein Rot wie bei einem Sonnenbrand.

«Das ist völlig normal», sagt Christian Feusi. Die Hautfarbe sei nicht etwa fehlendem Schutz vor Sonneneinstrahlung geschuldet. Der Ursprung der Pigmentierung liege vielmehr in der Natur und den Genen der Schafe: Sie gehören zur französischen Rasse «Rouge de l’ouest». Ihr namensgebendes Merkmal ist die rote Haut.

Schafe haben etwas Unheimliches

Christian Feusi ist im Kanton Zürich der einzige Züchter der Rasse, in der Schweiz gibt es nur in Genf weitere. Er fährt jeweils bis an die französische Atlantikküste, um neue Schafe zu kaufen. Das lohne sich. Weil die «Rouge de l’ouest»-Schafe viel Fleisch liefern, weil sie robust und ihre Geburten leicht sind, weil sie kaum Kraftfutter brauchen. «Klar, schön sind sie auf den ersten Blick nicht», findet der Züchter. Roter Kopf, hervorstehende Augen: Die Schafe haben etwas Unheimliches, zumindest die älteren Tiere.

Tierarzt von Beruf, Schafzüchter im Herzen: Christian Feusi. Bild: Raisa Durandi

Feusi konnte die Polizei bei ihrem überraschenden Besuch am Ostermontag schnell beruhigen und die Befürchtung aus der Welt schaffen, die Tiere fänden zu wenig Schutz vor der Sonne. Diesen suchten sie im Schatten der Bäume. Trotzdem ist die Geschichte für Christian Feusi mehr als eine kuriose Anekdote. Ihm scheint, Anzeigen gegen Züchter und Bauern seien in den letzten fünf bis zehn Jahren deutlich häufiger geworden. Immer mehr Landwirte würden wegen der angeblichen Nichteinhaltung von Tierschutzvorschriften angeschwärzt.

Mehr Meldungen von Privaten

Feusi redet aus Erfahrung: Der Hobbyzüchter ist hauptberuflich Grosstierarzt. Seine Kunden erzählten, dass sie häufiger Besuch von der Polizei oder vom Veterinäramt erhalten. Der Bauer etwa, dessen Rinder angeblich kein Wasser bekommen – dabei stehe der Trog einfach ausser Sichtweite des Weges. Oder der Schafhalter, der wegen fehlendem Witterungsschutz angezeigt wurde – obwohl die Schafe diesen unter den Bäumen am Waldrand fänden.

Eine Anfrage beim Veterinäramt des Kantons Zürich bestätigt Feusis Vermutung: Die Zahl der Meldungen von Privaten, welche die Haltung von Nutztieren beanstanden, ist im Kanton gestiegen. Waren es 2015 noch 141, stieg die Zahl 2018 auf 204. Eingerechnet sind dabei Landwirte, aber auch Hobbyhalter, die etwa nur einige wenige Hühner besitzen.

«In den vergangenen zehn Jahren sind immer mehr Meldungen aus der Bevölkerung bei uns eingegangen.»Regula Vogel, Leiterin des Zürcher Veterinäramts

«In den vergangenen zehn Jahren sind immer mehr Meldungen aus der Bevölkerung bei uns eingegangen», sagt Regula Vogel, Leiterin des Veterinäramts. Allerdings sei der Anteil der haltlosen Anzeigen immer ungefähr gleich. «Geschätzt zeigt sich bei zwei Dritteln bei der Kontrolle, dass tatsächlich ein Mangel vorliegt.»

Vogel sieht den Grund für die Zunahme der Anzeigen in der gesteigerten Sensibilität der Bevölkerung. Wenn die Medien intensiv über Tierschutzfälle berichteten, wie etwa 2017 über den Fall Hefenhofen im Kanton Thurgau, bei dem eklatante Missstände aufgedeckt wurden, gebe es danach spürbar mehr Anzeigen.

«Klar, schön sind sie auf den ersten Blick nicht», sagt selbst Züchter Christian Feusi über seine Schafe. Bild: Raisa Durandi

Christian Feusi ist nicht grundsätzlich dagegen, dass man bei Tierschutzproblemen genau hinschaut. Was ihn stört, ist die Art und Weise. «Diese Leute machen ein Handybild und zeigen Bauern an, ohne genaueren Einblick zu haben, ohne Verständnis, was diese Tiere brauchen und was nicht. Und vor allem: ohne nachzufragen.» Das liege am Zeitgeist, glaubt er: Man denunziere mehr und rede weniger. Und viele hätten ein grundsätzlich negatives Bild der Landwirtschaft.

Die Schafe sind auch im Haus überall

«Es mag sein, dass ein Grossteil der Bevölkerung den Bezug zur Landwirtschaft etwas verloren hat», sagt Christine Künzli, stellvertretende Geschäftsleiterin der Stiftung Tier im Recht. Sie begrüsse es aber, dass die Menschen sensibler und sensibilisierter seien als noch vor zehn, zwanzig Jahren. Polizei und Veterinäramt können nicht überall sein – sie sind auf Meldungen aus der Bevölkerung angewiesen», sagt Künzli. Natürlich müsste man dann genau überprüfen, ob an den Vorwürfen etwas dran sei.

Den Hof auf dem Hügel in Schönenberg haben die Feusis vor zehn Jahren gekauft. Die Schafe sind auch in ihrem Haus überall: Ihr Fell steckt als Isolation in den Wänden, dient als Matratzenauflage und Duvetfüllung im Schlafzimmer, polstert den Bürostuhl.

Ein Fotoalbum für die Schafe: Bilder aus den Anfängen der Schafzucht bei den Feusis. Bild: Raisa Durandi

Karin Feusi sitzt am Stubentisch und blättert in den Büchern, in denen sie die Entwicklung der Schafherde seit den Anfängen Ende der 1980er-Jahre dokumentiert hat. Jedes Schaf ist mit Namen vermerkt, seine Eigenschaften notiert. Früher führten die Feusis gar ein Fotoalbum – fast wie bei den eigenen drei Buben.

«Die Tiere haben bei den meisten Bauern Familienanschluss», sagt Christian Feusi. Sie liebten ihre Tiere und seien besorgt um sie. «Darum ist jede Anzeige eine persönliche Beleidigung und Unterstellung», sagt er. «Wie wenn eine Mutter angegriffen wird, sie schaue nicht richtig auf ihr Kind.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.04.2019, 20:01 Uhr

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