Kommentar

Scharfmachern in die Hände gespielt

Die Jugendanwaltschaft behandelt den höchst aussergewöhnlichen Fall Carlos mit höchst aussergewöhnlichen Mitteln. Zu Recht.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Jetzt wäre es einfach, mit dem Chor der Erregten zu schreien: «Es reicht!» Aber so simpel ist der Fall Carlos nicht. Mindestens nicht so glasklar, wie die Politiker und Medienleute glauben machen wollen, die über Nacht ihre Berufung zu Jugendstrafrechtsexperten entdeckt haben. Sie wähnen, genau zu wissen, wie mit dem 18-Jährigen zu verfahren sei. Wie teuer die Unterbringung zu sein habe. Ob, wie viel und welche Art Kampfsport richtig sei für den sozial und emotional Verwahrlosten. Ob alle Betreuer ein Leumundszeugnis vorweisen müssen. Dabei beruhen die schnell gefällten Urteile auf schreierisch kolportierten Halb- bis Dreiviertelwahrheiten, wie Oberjugendanwalt Marcel Riesen und Justizdirektor Martin Graf gestern deutlich machten.

Im Gegensatz zur stetig wachsenden Expertenschar machen es sich die beiden nicht einfach. Sie haben sich über alle öffentlichen Vorurteile hinweg doch für ein neues Setting entschieden, Graf selbst auch über sein Bauchgefühl hinweg. Dabei hatte es ihnen das Bundesgericht erlaubt, Carlos einfach freizulassen – mit ungewissen Folgen für mögliche Opfer seiner offenkundigen Brutalität.

Verworrene Pressekonferenz

Die Jugendanwaltschaft behandelt den höchst aussergewöhnlichen Fall Carlos also mit höchst aussergewöhnlichen Mitteln. Zu Recht. Dazu gehört, dass Carlos nicht allein von Engeln betreut wird. Und dass die Verantwortlichen mit der Verlegung ins Ausland Distanz schufen, mindestens für eine erste Phase. Damit knüpfen sie an das skandalisierte, aber Erfolg versprechende frühere Sondersetting an, zu Recht bei massiv tieferen Kosten.

Haben Graf und Riesen also alles richtig gemacht? Natürlich nicht. Auch die hastig einberufene Krisenpressekonferenz gestern war verworren und widersprüchlich. Etwa in der Frage, welche Rolle die Familie des Thaiboxers Shemsi Beqiri bei der Betreuung einnimmt. Damit spielt der Justizdirektor den schrecklichen Vereinfachern und Scharfmachern in die Hände.

Erstellt: 07.03.2014, 07:48 Uhr

Edgar Schuler leitet das Ressort Zürich beim «Tages-Anzeiger». (Bild: TA)

Artikel zum Thema

Kollegen sollen Carlos in Holland besuchen dürfen

Bereits zum dritten Mal trat Regierungsrat Martin Graf (Grüne) vor die Medien, um im Fall Carlos Stellung zu nehmen. Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtete live. Mehr...

Carlos' Sondersetting: Jugendanwalt hatte freie Hand

Wie konnte Carlos monatlich 29'200 Franken kosten? Ein Bericht zeigt: Die Jugendanwälte haben eine unbegrenzte Finanzkompetenz und werden kaum kontrolliert. Der Kantonsrat will das ändern. Mehr...

Carlos ist in die Niederlande gereist

Der jugendliche Straftäter wohnt in einem komfortablen Hotel in Holland. Dort betreut ihn zeitweise der vorbestrafte Thaiboxtrainer Shemsi Beqiri. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Bedeutende Ausstellung im l'Hermitage

Mit mehr als 100 Gemälden von 35 kanadischen Künstlern nimmt diese Ausstellung Sie mit auf eine Entdeckungsreise zu den Pionieren des kanadischen Impressionismus.

Kommentare

Blogs

Never Mind the Markets Europas riesiger Schatz an US-Schuldtiteln

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Aufgeblasen, aber nicht abgehoben: Vor dem Start in Chateau-d'Oex kontrollieren Besatzungsmitglieder die Hülle ihres Heissluftsballons. In der Schweizer Berggemeinde findet bis derzeit die 42. Internationalen Heissluftballonwoche statt. (26. Januar 2020)
(Bild: Jean-Christophe Bott) Mehr...