Schnecken und Stricken – was Politiker spannend finden

Noch mehr überraschende Einsichten in die Freizeitgestaltung jener Zürcherinnen und Zürcher, die am 12. April in den Kantonsrat gewählt werden wollen.

Wer in der Freizeit gerne Tiere wie den Tigerschnegel beobachtet, hält vermutlich auch die zähesten Kantonsratsdebatten aus. Bild: Christian Fischer

Wer in der Freizeit gerne Tiere wie den Tigerschnegel beobachtet, hält vermutlich auch die zähesten Kantonsratsdebatten aus. Bild: Christian Fischer

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Dank der Online-Wahlhilfe Smartvote wissen wir nicht nur, wie weit links oder rechts die Politiker stehen, sondern kennen auch ihre Hobbys und privaten Vorlieben. Gestern ging es hier um FDP-Politiker mit Faible für sozialkritische Literatur und um Christen mit eisernem Handkantenschlag. Heute beginnen wir mit einer Partei, der der Ruf anhängt, verkopfte Akademiker anzuziehen wie das Licht die Motten: die GLP.

Diese Partei portiert nicht nur die meisten Schachspieler, sondern auch passionierte Leser, deren Bücherliste ein Empfehlungsschreiben für den Literaturclub sein könnte. Böll, Boyle, Houellebecq, Mann – in dieser feinsinnigen Gesellschaft wirkt ein unverdächtiger junger Mann wie der IT-Spezialist Felix Huber plötzlich wie ein Kulturberserker. Ihm hat es die Buchvorlage der populären Fernsehserie «Game of Thrones» angetan, eine blut- und sextriefenden Orgie des machtpolitischen Zynismus.

Bei den Grünliberalen gibt es aber noch Rebellen ganz anderen Zuschnitts: David Jenni setzt sich in der Freizeit aufs Motorrad, Urs Bernasconi in den Oldtimer und Roger Marti hat ein Faible für die Fliegerei – Ökologie hin oder her. So etwas gäbe es bei den Grünen natürlich nie. Dort wird gewandert, durch Wälder gerannt und ornithologisch interessiert in die Bäume gespäht, dass die politische Korrektheit Purzelbäume schlägt vor Freude.

Susanne Levi etwa findet nicht einfach nur ihren Garten toll, sondern insbesondere eine auffällig gemusterte Nacktschnecke namens Tigerschnegel. Simon Kälin hört derweil gerne Michael Jacksons «Earth Song». Man erinnert sich: Das ist der, in dem der King of Pop «Aaaaaaaah» und «Uuuuuuuh» stöhnt – nicht aus Lust, sondern aus Mitleid mit dem gemarterten Planeten. Matthias Herfeldt weiss, wie das ausgeht. Bei ihm läuft «Apocalyptica».

Holzhacker und Höhlenforscher

Natürlich unternimmt ein Grüner auch keine Reisen, man denke an die Energiebilanz. Den Platz im Flieger überlässt man lieber den bürgerlichen Kollegen, die im Privaten unerwartet vereint die Öffnung zum Ausland leben (zumindest zu Sharm al-Sheikh), und den in ökologischen Fragen unverkrampfteren Cüplisozis. Kein Wunder, geht Christian Griesser in der Freizeit manchmal am liebsten Holz hacken. Ob das Mobiliar im Kantonsrat vor ihm sicher wäre?

Einfacher haben es dort sicher geduldige Temperamente. Zum Beispiel Sascha Ullmann von der GLP, ein Höhlenforscher, der den Bestseller «Die Entdeckung der Langsamkeit» mag – eigentlich Pflichtlektüre für jeden Parlamentarier. Oder Verena Niedermann-Reichling (SP), die wohl auch die zähesten Debatten aussitzen könnte: Sie ist eine leidenschaftliche Sudoku-Spielerin.

Urchige Genossen

Gut vorstellen kann man sich im Kantonsrat auch Sylvie Fee Matter und Patrizia Huber, die in müssigen Momenten gerne zu den Stricknadeln greifen. Ausgerechnet zwei junge SP-Frauen. Das ist dann wohl die Emanzipation vom Emanzipationsideal ihrer Vorgängerinnen. Sowieso gibt sich das Personal der SP erstaunlich traditionell: «Schweizer Filme», «Schweizer Krimis» und «Schweizer Liedermacher». Als stünde man in einem Patriotismus-Schaukampf mit der SVP.

Und noch etwa fällt bei den linken Kandidaten auf: Sie kommen im Gegensatz zur bürgerlichen Konkurrenz kaum je auf die Idee, die Politik als Hobby zu bezeichnen. Wenn man fast immer verliert, macht es vielleicht einfach nicht gleich viel Spass. Ähnlich umstritten ist auch der Hobbycharakter der Familie, die fast nur bei bürgerlichen Kandidaten zuvorderst auf der Liste steht.

Nicht in diesen Kreis gehört der Bauer und EVP-Kantonsrat Gerhard Fischer. Er begründet das mit dem schönen Satz: «Meine Familie ist mir mehr als nur Hobby.» In seinem Fall irgendwie logisch: Er hat zehn Kinder. Damit ragt er heraus, obwohl Kinderreichtum in seiner Partei und der freikirchlichen EDU verbreitet ist. Diese beiden Parteien, in denen die Bibel ein oft genanntes Lieblingsbuch ist, stellen die Hälfte aller Kandidaten mit vier oder mehr Kindern. Renate Herren kümmert sich obendrauf sogar noch um elf Schildkröten.

Der Pate aus Kloten

Einen bemerkenswert erweiterten Familienbegriff kennt man auch in der CVP, die es ja wissen muss – dank Corinne Thomet und ihrer Vorliebe für den Film «Der Pate». Man kann sich die eiserne Lady der Klotener Schulpolitik lebhaft vorstellen, wie sie in ihrem Büro die Hände faltet und dunkel raunt: «Du darfst nie einen Menschen, der nicht zur Familie gehört, merken lassen, was du denkst.»

Wenn dem so ist: Was hören dann wohl jene vielen EDU-Mitglieder in ihrer Freizeit wirklich, die offiziell angeben, sie stünden nur auf Worship-Musik und Lobpreis-Lieder? Der junge Ruben Cadonau, ein bibelfester Kraft- und Kampfsportler, verrät es als Einziger. Er mag die Nu-Metaller von Linkin Park. Ihnen überlassen wir hier auch das Schlusswort zu dieser Untersuchung:

«I tried so hard
And got so far
But in the end
It doesn't even matter.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.04.2015, 07:04 Uhr

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