Schulwege zum Glück

Nationalrat Bastien Girod fordert ein neues Unterrichtsfach. Es soll Schülern vermitteln, wie sich ein zufriedenes Leben gestalten lässt.

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Die Schweizerinnen und Schweizer können ihr Glück nicht mehr steigern – obschon ihr materieller Wohlstand zunimmt und sich die Technologien laufend verbessern. Dies zeigt eine Erhebung, die das Schweizer Haushalt-Panel zwischen 2000 und 2008 jährlich durchgeführt hat. Negative Gefühle sind in der Tendenz gar auf dem Vormarsch, positive hingegen nehmen ab, wobei zugleich die Abhängigkeit von Medikamenten steigt.

«Innere» Bedürfnisse kommen zu kurz

Diese «besorgniserregenden» Fakten legt der Zürcher Nationalrat Bastien Girod (Grüne) in seinem neuen Buch «Green Change» dar (siehe unten). Bei seiner Analyse stützt sich Girod unter anderem auf Bruno S. Frey, Professor für Ökonomie an der Uni Zürich: Demnach neigen die Menschen dazu, «äussere» Bedürfnisse wie das Einkommen und das daraus erwachsende Glück überzubewerten. Das Gegenteil passiere bei «inneren» Bedürfnissen wie etwa dem Zusammensein mit Freunden.

Einen Grund für dieses Ungleichgewicht ortet Girod in der Schule, die in Fächern wie Mathematik und Wirtschaft «vor allem vermittelt, wie das Einkommen maximiert werden kann». Es fehle jedoch ein Fach, das zeige, wie sich die «Lebenszufriedenheit» steigern lasse. Die Glücksökonomie, so Girod, habe bewiesen, dass nebst dem Einkommen – als Gradmesser des Konsums – diverse andere Faktoren für das Wohlbefinden der Menschen entscheidend seien – etwa die Beziehung zu Freunden und zur Familie, der Grad der Selbstbestimmung, die eigene Gesundheit sowie eine intakte Natur. Girod regt daher an, ein neues Schulfach zu schaffen: «Glück». Darin sollen die Schüler lernen, welche Faktoren das Glücksempfinden langfristig steigern. Girod sieht darin einen wichtigen Puzzlestein auf dem Weg zum «Green Change» – zur grünen Wende, die er anstrebt.

Wie Nobelpreisträger Stiglitz

Die Idee eines Schulfachs «Glück» stammt nicht aus Girods Schmiede. Im deutschen Heidelberg wird «Glück» bereits unterrichtet. Im Kanton Aargau hatten die Grünen im Januar in einem Postulat einen speziellen «Glück»-Unterricht gefordert – und sind damit gescheitert. Die Aargauer Regierung will für Berufs- und Oberstufenschüler kein solches Fach. Girod hält das Nein der Aargauer Regierung für bezeichnend: «Die Politik erkennt den Handlungsbedarf leider nicht.» Alles, was für die Schüler dereinst «einkommens- oder statusrelevant» werde, habe im Unterricht mehr als genügend Platz. Das Wohlbefinden der Menschen ins Zentrum zu stellen, erscheine jedoch vielen suspekt. Girod verweist auf den Wirtschafts-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz. Dieser sei «sicher kein Esoteriktyp», wolle die Ergebnisse der Glücksforschung aber dennoch in die Ökonomie einfliessen lassen.

Wie es nach dem gescheiterten Anlauf im Kanton Aargau weitergeht, ist unklar. Noch nicht beantworten möchte Girod die Frage, ob sich Zürich als Versuchslabor eignen würde und auf welcher Schulstufe das Fach «Glück» eingeführt werden soll. Offen lässt er auch, ob es zulasten anderer Fächer ginge.

«Grüne Esoterik»

Girods Forderung löst teilweise geharnischte Reaktionen aus. Für SVP-Kantonsrat und Sekundarlehrer Matthias Hauser beweist Girod mit seiner Idee «Weltfremdheit». Girods «grüne Esoterik» läute nicht etwa den «Green Change» ein, sondern beschleunige den Niedergang des Leistungsgedankens. Skeptisch ist EVP-Präsident Johannes Zollinger, der den Verband Zürcherischer Schulpräsidenten präsidiert: Glück sei zwar tatsächlich erlernbar, sagt er. Es sei jedoch keine Staatsaufgabe, Glück zu lehren. Zollinger befürchtet eine Mehrbelastung für das Lehrpersonal, das heute schon am Limit sei. Zudem möchte er verhindern, dass die Schule «am Ende die Schuld dafür trägt, dass die Welt nicht glücklich ist».

Keinen Support erhält Girod auch von Esther Guyer, Fraktionschefin der Grünen und Kandidatin fürs Schulpräsidium im Schulkreis Uto. Die Volksschule fördere heute schon die «Achtung vor Mensch und Umwelt» und strebe eine «ganzheitliche Entwicklung» der Schüler an; dies sagt auch Zollinger. Guyer ist überzeugt, dass diese Ziele an den Zürcher Schulen bereits umgesetzt werden.

Anders sieht es Patrick Hofstetter, Leiter Klimapolitik beim WWF Schweiz. Ihm gefällt das «Girod-Prinzip zur grünen Revolution», weil es in pragmatischer Art «nichts weniger als das gesellschaftliche Wohlergehen in den Mittelpunkt stellt». Die Forderung nach einem Schulfach zur glücklichen Lebensgestaltung hält Hofstetter für richtig. In seinen früheren Forschungsarbeiten zur Glücksmaximierung habe sich gezeigt, dass sich bereits die Beschäftigung mit der Glücksfrage positiv auf die eigene Zufriedenheit auswirke.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.05.2010, 06:37 Uhr

Bastien Girod. (Bild: Keystone )

Buch

In seinem neuen Buch «Green Change» zeigt Bastien Girod (Grüne Partei) Wege auf, wie Politik und Gesellschaft «grüne Veränderungen» herbeiführen können – und dabei glücklicher werden. Girod ortet «soziale Dilemma-Situationen», die uns auf einem «unglücklichen Pfad» festhalten. Materielle Bedürfnisse würden generell überschätzt, schreibt er. Die Politik verstärke diesen Effekt: Es liessen sich leichter Ausgaben legitimieren, die dem materiellen Wohlstand dienten, als solche, die «inneren Bedürfnissen» Genüge täten. Girod untersucht auch die Auswirkungen der Migration auf die Schweiz. In diesem Zusammenhang hat er bereits im letzten Herbst Kritik einstecken müssen: In einem Positionspapier monierte er, die Schweizer Bevölkerung wachse stärker, als es die Umwelt vertrage. Um den Green Change voranzutreiben, muss die Politik gemäss Girod das «Links-rechts-Schema» überwinden, dies mit drei Allianzen: einer grün-liberalen, grün-sozialen und grün-konservativen. Gefordert seien aber auch Wissenschaft und Gesellschaft, letztlich jeder Einzelne von uns. Das rund 200 Seiten starke, verständlich geschriebene Buch zeigt auch Girods politischen Werdegang auf.

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