Schwangere werden am Arbeitsplatz unter Druck gesetzt

Beim Zürcher Gleichstellungsbüro und bei der Schlichtungsbehörde mehren sich Fälle, in denen angehende Mütter von ihren Arbeitgebern gemobbt werden.

Obwohl sie gegen die ungerechte Behandlung klagen könnten, ziehen es viele Frauen vor, selbst zu kündigen: Eine schwangere Frau arbeitet in einem Büro in Zürich. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Obwohl sie gegen die ungerechte Behandlung klagen könnten, ziehen es viele Frauen vor, selbst zu kündigen: Eine schwangere Frau arbeitet in einem Büro in Zürich. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

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Die Politologin Julia F. teilte ihrem Vorgesetzten mit, dass sie schwanger sei. Wenige Wochen später präsentierte der Chef des Unternehmens ihr und weiteren Mitarbeitenden ihre eigene Nachfolgerin.

Julia F. ist kein Einzelfall. Als der «Tages-Anzeiger» kürzlich über ihr Schicksal berichtete, hagelte es Reaktionen von Frauen, die Ähnliches erlebten haben. Anja Derungs, Leiterin der Fachstelle für Gleichstellung der Stadt Zürich, überrascht das nicht. «Auch bei uns häufen sich die Anfragen, wie sich Frauen verhalten sollen, wenn ihnen ­inoffiziell gekündigt wird, weil sie schwanger sind.»

Es braucht Mut

Hätte Julia F. eine Chance gehabt, sich gegen das rüde Vorgehen ihres Chefs zu wehren? «Sie hätte es wahrscheinlich tun können», sagt Anja Derungs. «Alle Indizien sprechen dafür, dass es sich um eine Diskriminierung handelt, zumal keine Leistungs- oder Verhaltensvorwürfe im Raum standen.» Hätte sich Julia F. an die Schlichtungsbehörde gewandt und die Diskriminierung glaubhaft dargelegt, dann hätte ihr Chef gegenüber der Schlichtungsbehörde erklären müssen, warum er ihre Nachfolgerin vorgestellt hat, nachdem sie ihre Schwangerschaft offengelegt hatte.

Es braucht jedoch Mut, um gegen eine Diskriminierung gesetzlich vorzugehen. «Viele Betroffene sind unsicher, ob sie klagen sollen oder nicht», sagt Susy Stauber von der kantonalen Schlichtungsbehörde für Streitfälle nach Gleichstellungsgesetz. «Sie haben Angst vor schlechten Referenzen.» Tatsächlich können die Frauen nicht sicher sein, ob ihre Klage gegenüber einem neuen Arbeitgeber erwähnt wird. Arbeitsrechtlich ist dies verboten. Trotzdem ziehen es die Frauen meistens vor, selbst zu kündigen.

Alle reden von Teilzeitarbeit

Offenbar gibt es immer mehr Arbeitgeber, die schwangere Frauen zur Kündigung drängen. 2009 registrierte das städtische Gleichstellungsbüro noch 30 Anfragen zum Thema Schwangerschaft am Arbeitsplatz, 2013 waren es mehr als doppelt so viel, nämlich 65.

Warum gibt es dennoch Frauen, die von sich aus kündigen, ohne sich zu wehren? «Vielleicht ist das Gleichstellungsgesetz zu wenig bekannt», sagt Derungs, «vielleicht befürchten sie Nachteile für ihre berufliche Zukunft.» Eine Lösung wäre vermehrte Teilzeitarbeit, und zwar für Mütter und Väter. Alle reden davon, doch in der Praxis sind die Widerstände dagegen gross. «Entweder Sie arbeiten 100 Prozent oder gar nicht», bekommen junge Mütter zu hören. Gut ausgebildete schwangere Frauen trauen sich nicht, Teilzeit anzumelden, weil sie glauben, dass sie damit ihrer Karriere schaden.

Früh mit dem Partner diskutieren

Arbeitgeber sind nicht grundsätzlich verpflichtet, dem Wunsch nach einem reduzierten Arbeitspensum nachzugeben. Doch gleichzeitig verbietet das Gleichstellungsgesetz diskriminierende Arbeitsbedingungen. «Deshalb lohnt es sich, wenn dem Antrag auf eine Reduktion des Pensums eine Degradierung oder sogar eine Kündigung folgt, beim zuständigen Gleichstellungsbüro oder der Schlichtungsbehörde Rat zu suchen», sagt Anja Derungs.

Gleichzeitig empfiehlt sie schwangeren Frauen, frühzeitig mit dem Partner auszudiskutieren, wer wie viel arbeitet, und diese Wünsche dem jeweiligen Arbeitgeber mitzuteilen. Wenn man dabei auf Widerstand stosse, dann lohne es sich, hartnäckig zu bleiben und selbst Alternativen ins Spiel zu bringen, ein Jobsharing beispielsweise. Bei Führungspositionen herrscht jedoch bei vielen Arbeitgebern noch immer die Meinung vor, sie seien nur mit einem 100-Prozent-Pensum zu erfüllen.

Gleichzeitig empfiehlt Anja Derungs, die Schwangerschaft erst nach Ablauf der Probezeit zu thematisieren, weil dann der Kündigungsschutz gilt. Nicht alle angehenden Mütter haben eine gleich komfortable Situation wie die Leiterin des Gleichstellungsbüros. Als sie sich für den Job bewarb, war sie hochschwanger – und wurde angestellt.

Erstellt: 07.09.2014, 22:56 Uhr

Ein Preis für Fortschrittlichkeit

Die kantonale Fachstelle für Gleichstellung will mit einem Wettbewerb dafür sorgen, dass Mütter ihren Beruf nach dem Mutterschaftsurlaub nicht an den Nagel hängen müssen. Mit dem Prix Balance zeichnet sie Unternehmen aus, die es Frauen, aber auch Männern erleichtern, Beruf und Privatleben zu vereinbaren. Eine Jury ist derzeit damit beschäftigt, die Eingaben des zweiten Wettbewerbs auszuwerten. Im September wird der Sieger bekannt gegeben.

76 Unternehmen haben dieses Jahr teilgenommen. Sie mussten detaillierte Fragebogen ausfüllen und gewähren damit interessante Einblicke in die Arbeitsbedingungen von Frauen und Männern. Themen sind: Arbeitspensen, Anstellungsbedingungen, wie viel Vaterschaftsurlaub ein Unternehmen gewährt, Beiträge an Kinderkrippen oder an Pflegetage für Angehörige.

«Die Antworten sind teilweise überraschend», sagt Helena Trachsel, Leiterin der kantonalen Fachstelle für Gleichstellung. «Sie deuten darauf hin, dass ein Umdenken einsetzt.» Ein Beispiel für sie ist, dass sich bei der kantonalen Fachstelle für Gleichstellung immer mehr Männer über Teilzeitarbeit beraten lassen. «Das ist doch ein Lichtblick», sagt Trachsel. (mq)

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