Segen und Fluch der Sozialindustrie

Mehr als 50 Firmen, Vereine und selbstständige Sozialarbeiter bieten im Kanton Zürich Familienbegleitungen an. Das grosse Geschäft ist das aber nicht.

In der Öffentlichkeit vor einem Jahr höchst umstritten: «Carlos» trainierte Thaiboxen – als Teil des auf ihn zugeschnittenen Therapieprogramms.

In der Öffentlichkeit vor einem Jahr höchst umstritten: «Carlos» trainierte Thaiboxen – als Teil des auf ihn zugeschnittenen Therapieprogramms. Bild: Keystone

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Zürich – Wenn Menschen nicht mehr für ihre Kinder oder sich selbst sorgen können, sondern eine professionelle Begleitung brauchen, dann hilft der Staat. Oder besser gesagt: Der Staat organisiert Hilfe. Dann kommen meist privatrechtlich organisierte Anbieter ins Spiel: Heime, Familienbegleiter, selbstständige Sozialarbeiter. Seit aber bei Fällen wie jenen des jugendlichen Straftäters Carlos, der Familie aus Hagenbuch und des renitenten Jugendlichen aus Schmerikon bekannt wurde, was solche Massnahmen kosten, reisst die Kritik nicht ab. Der Verdacht: Private machen Gewinn mit hilfsbedürftigen Menschen. Oder, noch schlimmer, sie halten die Betroffenen künstlich in Abhängigkeit und kassieren so zu Unrecht grosse Summen vom Staat. Die Rede ist von einer eigentlichen Sozialindustrie.

Dabei wird etwas gerne übersehen: Dass sich Private Hilfsbedürftiger annehmen, war in der Schweiz schon immer üblich. Kinder- und Jugendheime, Behinderteneinrichtungen und Therapiestationen werden seit je grösstenteils von privaten Stiftungen und Vereinen getragen. Nur: Die sind in der Regel gemeinnützig. In den letzten zwanzig Jahren sind aber zunehmend auch gewinnorientierte Anbieter auf den Markt gekommen.

Mehr Konfliktpotenzial

Diese Entwicklung hat ihre Gründe. In den 1970er- und 1980er-Jahren war die Zahl der Heimplätze massiv ausgebaut worden, was sehr viel Geld kostete. Der Ruf wurde laut nach günstigeren Möglichkeiten, gefährdete Kinder zu unterstützen: Die Familienbegleitungen waren geboren. Ein Erfolgsrezept, wie Fachleute bestätigen. «Damit konnte der Ausbau bei den Heimplätzen gestoppt werden», sagt André Woodtli, Chef des kantonalen Amtes für Jugend und Berufsberatung (AJB). «Mit Familienbegleitungen lassen sich durchaus Heimeinweisungen verhindern.» Dazu kam ein neuer Mechanismus in der Finanzierung: Statt Heime pauschal zu subventionieren, bucht der Staat heute individuell auf den Betroffenen abgestimmte Hilfspakete und zahlt diese auch, wenn der Betroffene selbst nicht genügend Geld hat. Diese Umstellung ermöglichte es kleinen Anbietern erst, Aufträge zu bekommen.

Warum aber können sich nicht mehr wie früher lokale Beistände um Problemfamilien kümmern? Gabriela Winkler, FDP-Kantonsrätin und Co-Präsidentin der Sozialkonferenz des Kantons Zürich, erklärt: «Heutige Familiensituationen sind sehr viel komplexer als früher. Wir haben es mit mehr Patchwork-Familien zu tun, mit binationalen Ehen und Menschen aus völlig anderen Kulturkreisen. All das sorgt für viel mehr Konfliktpotenzial.» Hinzu kommen die immer höheren Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt. Winkler: «Unsere Wirtschaft schliesst zehn bis fünfzehn Prozent der arbeitsfähigen Leute a priori aus, weil sie nicht leistungsfähig genug sind oder nur schon, weil sie die Sprache nicht beherrschen.» Das führe zu einer steigenden Zahl von Problemfamilien.

Überspitzt formuliert, konnte früher ein Beistand den trinkenden und prügelnden Vater ins Gebet nehmen und von Zeit zu Zeit die Familie besuchen. Es gab nur eine Partnerin, und man teilte trotz allem dieselben Werte. Mit etwas Glück und einem toleranten Chef konnte der Vater weiter arbeiten. Heute hat der trinkende Vater bereits die dritte Frau und Kinder aus allen Beziehungen, und er hält Schläge für normal, weil das in seinem Herkunftsland auch so war. Chancen auf eine Stelle hat er nicht. Mit den Ex-Partnerinnen streitet er um die Kinder; zwei davon sind psychisch beeinträchtigt. «Solche Konstellationen sind für einen Beistand, der im Schnitt 80 bis 100 Klienten zu betreuen hat, nicht mehr zu bewältigen», sagt Winkler. Kommt hinzu, dass gerade in komplizierten Fällen oft zusätzliche Fachleute involviert sind: Anwälte, Schulsozialarbeiter, Ärzte, Therapeuten. Für solche Fälle fordern die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden eine klare Regelung, um die Kompetenzen klar abzugrenzen und die Zahl der Involvierten möglichst zu verringern.

Ein Boom von privaten Anbietern

Weil einerseits die Zahl der Fälle ebenso wie die Komplexität wächst und anderseits die Behörden heute zurückhaltender sind mit Heimplatzierungen, kam es eine Zeit lang zu einer Art Boom bei ambulanten privaten Anbietern: Zahlreiche Sozialpädagogen machten sich selbstständig. Heute gibt es im Kanton Zürich rund 50 Kleinstfirmen mit ein bis zwei Personen, die Begleitungen in Problemfamilien anbieten. Dazu kommen einige wenige grössere Betriebe und Vereine wie die in Hagenbuch tätige Solidhelp. Und zunehmend bieten auch traditionelle Heime und Institutionen Familienbegleitungen an.

Das klingt nach einem guten Geschäft, zumal Kanton und Gemeinden pro Jahr rund 20 Millionen Franken für ambulante Massnahmen ausgeben. Zum Vergleich: Sämtliche Heimplatzierungen von Kindern und Jugendlichen im Kanton Zürich kosten insgesamt etwa 230 Millionen Franken im Jahr. Eine Summe, die sich in den letzten Jahren übrigens kaum verändert hat, obwohl die Bevölkerung stark gewachsen ist.

Dennoch: Reich wird im Kanton Zürich kaum einer der ambulanten Anbieter. Das bestätigen alle befragten Fachleute. Die Jahre sind längst vorbei, in denen zweifelhafte Pädagogen die öffentliche Hand abzockten. «Die Behörden sind heute viel hellhöriger», sagt Sozialkonferenz-Präsidentin Winkler. Ohnehin seien die Aufträge an private Anbieter immer befristet: «Da verdient niemand das grosse Geld. Und was diese Sozialarbeiter machen, ist kein leichter Job, sondern Knochenarbeit.» Kaspar ­Jucker, Gründer der Stiftung Netzwerk und seit zwanzig Jahren im Geschäft, ist überzeugt: «Viele sind froh, wenn sie überhaupt normale Löhne zahlen können.» Wobei normal nicht das heisst, was ein ausgebildeter Sozialpädagoge beim Kanton erhält. AJB-Chef Woodtli betont: «Wer bei uns angestellt ist, ­verdient mehr.» Stundenansätze von 130 Franken seien absolut angemessen, selbst 180 Franken noch keineswegs überrissen. Das heisst auch: Würde der Staat das anbieten, was heute Private tun, käme es den Steuerzahler deutlich teurer zu stehen. Genau aus diesem Grund hat das AJB darauf verzichtet, selbst Familienbegleitungen anzubieten: Man könnte gar keine konkurrenzfähigen Tarife anbieten.

Grosse Qualitätsunterschiede

Eine ganz andere Frage ist, ob die bezahlten Stundenansätze angemessen sind für die geleistete Arbeit und ob sozialpädagogische Familienbegleitungen nicht in vielen Fällen unnötig sind. Die Gemeindepräsidentin von Hagenbuch jedenfalls ist überzeugt, dass Freiwillige die Aufgabe, die Mutter aus Eritrea beim Einkaufen zu begleiten, genauso gut wie ein Sozialarbeiter hätten übernehmen können. Sozialkonferenz-Präsidentin Gabriela Winkler ärgert sich: «Man muss zur Kenntnis nehmen, dass es Situationen gibt, in denen Leute auf keine Ressourcen mehr zurückgreifen können.» Dann werde selbst eine vermeintlich banale Tätigkeit wie Einkaufen zur Tortur und für die Begleitperson herausfordernd, weil die Betroffenen etwa keinerlei Übersicht mehr über Vorräte und Finanzen hätten oder weil sie eine Phobie entwickelt hätten, überhaupt das Haus zu verlassen.

Netzwerk-Gründer Jucker beantwortet die Frage, ob es nicht reiche, den Betroffenen Arbeit zu verschaffen und Hilfe durch Verwandte oder Nachbarn sicherzustellen: «Das sind nicht einfach Leute, die keine Arbeit haben. Das sind Leute mit Diagnosen.» Psychische Störungen, Suchterkrankungen, Kindesmissbrauch, Gewalt, Trennungen, aber auch schwerste Formen von Vernachlässigung wie Nahrungsentzug – Nachbarschaftshilfe sei in solchen Fällen ganz einfach keine Option, sagt auch AJB-Chef Woodtli: «Diesen Leuten zu helfen, ist extrem belastend, das halten nur sehr erfahrene Berufsleute aus.»

Wenn es machbar und tragbar sei, greife man im Übrigen durchaus auf Nachbarschaftshilfe zurück. Das ist auch in der Stadt Zürich Praxis, wie Beatrice Henes, Sprecherin der Sozialen Dienste, sagt: «Wir prüfen immer zuerst, ob sich eine Lösung im Beziehungsnetz der Betroffenen finden lässt.» Überteuert seien die privaten Angebote im Allgemeinen nicht, sagen die befragten Fachleute. Jedoch sei die Qualität «sehr unterschiedlich», findet Gabriela Winkler.

Und auch beim Fachverband Integras, der Qualitätslabel für Organisationen vergibt, die Kinder und Jugendliche in Pflegefamilien platzieren, heisst es, nicht alle Anbieter erfüllten die wünschenswerten Standards. Ein Label oder eine Bewilligungspflicht würden viele Fachleute deshalb begrüssen. Dennoch hält es AJB-Chef Woodtli für nahezu ausgeschlossen, dass eine Firma systematisch überteuerte Preise für schlechte Arbeit verlange: «Wenn dem so wäre, würden wir davon hören.» Zumal der Markt spiele. Netzwerk-Gründer Jucker sagt: «Wer keine Erfolge innert nützlicher Frist vorweisen kann, ist schnell weg vom Markt.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.09.2014, 23:35 Uhr

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