Technik

Seilbahnunglück: Cevi-Leitern droht Anklage

Der Tod eines achtjährigen Mädchens in einem Cevi-Lager im Limmattal vor drei Jahren könnte für drei Mitglieder der Lagerleitung Folgen haben. Ihnen droht eine Anklage wegen fahrlässiger Tötung.

Anteilnahme am Unglücksort: Kerzen und Plüschtiere im Wald.

Anteilnahme am Unglücksort: Kerzen und Plüschtiere im Wald. Bild: Stefan Hohler

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Noch sind nicht alle Fragen geklärt. Aber Staatsanwalt Christian Philipp rechnet demnächst mit dem Abschluss der Untersuchung im Fall des achtjährigen Mädchens, das im Cevi-Pfingstlager auf einer selbst gebauten Seilbahn im Wald bei Oetwil an der Limmat tödlich verunglückte. Laut Philipp ist noch ein aufwendiges Gutachten eines Experten im Bereich Outdooraktivitäten in Bearbeitung. Die Untersuchung sei sehr komplex, sagt Philipp, aber man sei in der Endphase.

Der Staatsanwalt führt die Untersuchung gegen drei am Seilbahnbau und/oder an der Organisation des Übungs­ablaufes beteiligte Personen, zwei davon gehören dem christlichen Jugendverband Cevi an. Ob Anklage wegen fahrlässiger Tötung erhoben werden wird, kann derzeit noch nicht abschliessend beurteilt werden. Philipp vermutet aber, dass der Fall nicht per Strafbefehl von der Staatsanwaltschaft erledigt werden kann – nicht zuletzt wegen seiner grossen Tragweite soll ein Gericht darüber entscheiden.

Ungebremst in Baum geprallt

Über das zu erwartende Strafmass im Falle einer Anklageerhebung äussert sich Philipp nicht. Die Strafandrohung beim Tatbestand der fahrlässigen Tötung liegt zwischen Geldstrafe und Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren. Die Opferfamilie habe sich als Privatklägerschaft konstituiert, um Einblick in das Straf­verfahren zu erhalten, sagt ein Vertreter der Familie. Damit habe man Verfahrenseinsicht. Wie ein Sprecher der Cevi Schweiz sagt, sei die Betreuung und der Kontakt zu den Leitern und der betroffenen Familie sichergestellt.

Der Unfall im Cevi-Jugendlager Wei­ningen-Geroldswil in Oetwil geschah am Pfingstsonntag, 12. Juni 2011. Bei einer Fahrt mit einer Seilbahnkonstruktion prallte das Mädchen ungebremst in einen Baum. Es erlitt Kopfverletzungen und wurde mit einem Rega-Rettungs­helikopter ins Spital geflogen, wo es noch am gleichen Abend starb. Laut der damaligen Mitteilung der Kantonspolizei hatten Cevi-Gruppenleiter in einer Distanz von 100 Metern bei einer Höhendifferenz von 30 bis 40 Metern zwischen zwei Bäumen ein Seil befestigt.

Mit einem zweiten Seil und der entsprechenden Sicherungsausrüstung glitten die Kinder und Jugendlichen kontrolliert das befestigte Seil entlang hinunter. Nachdem einige Fahrten problemlos verlaufen waren, wurde aus bisher unbekannten Gründen die Fahrt beim achtjährigen Mädchen nicht gebremst. Der Versuch, die Fahrt zu stoppen, misslang. Einer der beiden Postenleiter, der sich am Ende der Seilbahnkonstruktion befand, versuchte vergeblich, den Aufprall zu dämpfen.

Obligatorischer Seiltechnikkurs

Nach dem Unfall erliess Cevi Schweiz ein landesweites Moratorium für Seilbahnkonstruktionen. Man warte zuerst die Untersuchung der Staatsanwaltschaft ab, bevor man wieder Seilbahnen in den Lagern und im Allgemeinen erlaube, sagte damals ein Sprecher. Bei der Pfadi Schweiz war ein Moratorium kein Thema; man vertraue auf die Ausbildung und das Verantwortungsbewusstsein der Leiter.

Im November 2012 ist das Seilbahn-Moratorium der Cevi Schweiz auf An­raten einer eigens gegründeten Sicherheitskommission wieder aufgehoben worden. Neue Sicherheitsstandards sehen vor, dass nur noch Personen Seilbahnen konstruieren dürfen, die den Seiltechnikkurs besucht haben. Zudem müssen sicherheitsrelevante Bestandteile einer Seilbahn doppelt vorhanden sein.

Erst kürzlich hat sich ein weiterer tragischer Unfall in einem Jugendverband ereignet. Bei der Ruine Bärenfels in Duggingen BL ist am 24. Mai ein zwölfjähriges Mädchen bei einer Pfadiübung rund 20 Meter in die Tiefe gestürzt. Es wurde schwer verletzt ins Spital geflogen. Die Unfallursache ist unklar.

Seilkonstruktionen müssen gemäss den aktuellen Richtlinien von Jugend + Sport so gebaut sein, dass alle sicherheitsrelevanten Elemente redundant oder doppelt vorhanden sind. Dann sind auch selbst gebaute Seilbahnen oder Seilbrücken nicht des Teufels, sondern sehr sicher. Insbesondere doppelt geführt werden müssen die Tragseile – am einfachsten übereinander –, und entsprechend braucht es für die Seilbahn zwei Rollen. Als Verbindungen müssen die Triact-Lock-Karabiner mit Verriegelungsmechanismus verwendet werden, damit sie sich bei einem Schlag nicht öffnen.

Grundsätzlich gilt: Jede Seilbahn braucht eine Bremse. Bei flachen Bahnen – bekannt als Flying Fox von den Spielplätzen – wird der «Passagier» durch die Gegensteigung des Seils gebremst. Als zusätzliche Sicherheit ist am anderen Ende ein Federelement oder – bei selbst gebauten Konstruktionen – ein Knoten im Seil eingebaut. Diese Bremse ist sehr abrupt. Entsprechend braucht es genug Platz zum Auspendeln.

Bei steileren Seilbahnen, bei denen Tempo und Nervenkitzel dazukommen, empfiehlt J + S zwei Sicherheitsbremsen, die von einem oder von zwei Bäumen gespannt werden. Eine Alternative sind quer gespannte Bergseile, die durch Karabinerhaken mit dem Tragseil verbunden sind. Diese Bremse dämpft besser als der Knoten im Seil oder die längs angebrachten Sicherheitsbremsen.

Lange und steile Seilbahnen funktionieren wie eine richtige Seilbahn: Der «Passagier» wird zusätzlich zu den Sicherheitsbremsen am Ende durch ein parallel zum Tragseil verlaufendes Bremsseil kontrolliert zu Tal geführt. Dieses Bremsseil wird oben von einem Bremser kontrolliert. Dieser verwendet eine Seilumlenkung (Abseilachter) an einem Karabinerhaken wie beim Abseilen. Wichtig für den Bremser: Seil nie loslassen! Ohne Seilumlenkung riskiert der Bremser durch die Seilreibung Verbrennungen an den Händen.

J + S empfiehlt statische Kernmantelseile von 11 Millimetern und mit einer Reisskraft von 30 kN. Aber aufgepasst: Die Belastbarkeit von Seilen nimmt im Alter um bis zu 50 Prozent ab. Zudem sind diese Seile sehr anfällig auf Reibung unter Zug. Tragseile sollen nicht zu stark gespannt werden. Ein gewisser Durchhängewinkel reduziert die Belastung.

Erstellt: 03.06.2014, 23:46 Uhr

Infografik

Die wichtigsten Punkte für die Sicherheit von Seilkonstruktionen

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