Sexismus und Beleidigungen bei Zürcher Baufirma

«abfiggen», «lochen»: Im Mitarbeitermagazin der Agir AG werden Frauen und Angestellte herabgewürdigt. Der Arbeitgeber ist Auftragnehmer des Kantons – und sieht kein Problem.

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Im Impressum des Mitarbeitermagazins «Grünes Edelweiss» zeichnen unter anderen der Mitinhaber und Vizeverwaltungsratspräsident sowie drei weitere Geschäftsleitungsmitglieder der Agir AG verantwortlich. Im Magazin selber – Auflage 1100 Exemplare – geht es dann zu und her wie in einem schlechten Sexheftli. Zu einem Bericht über eine Kiesgrube wird eine leicht bekleidete Frau mit Schaufel montiert, nackte Brüste zu einem Beitrag über ein neues Bier, «Überall am Lochen!» steht zu einem Text über die Limmattalbahn, an der die Agir AG mitbaut. So geht es über die ganzen Hefte, die der «Anzeiger aus dem Bezirk Affoltern» gestern publik machte.

Die Agir AG hat 350 Mitarbeitende und acht Tochterunternehmen, drei davon im Ausland. Zu deren Übernahme heisst es im Unternehmensporträt auf der Website: «Weil es der Familie in der Schweiz auf Dauer zu langweilig war, heiratete sie flugs ein paar heisse Bräute im Ausland. Zwei Tschechinnen und eine Serbin lautet der aktuelle Haremszwischenstand.»

Kollegin als «Marketing-Tussi»

Geschäftsleitungsmitglied und Verwaltungsrat Marino Crescionini schreibt im Editorial zu Ausgabe Nr. 50 beispielsweise, «dass es also doch um die Grösse geht. Genial ist jedoch, wenn neben der Grösse auch die Qualität stimmt.» In einer anderen Ausgabe macht er sich unter dem Titel «Oh, wie liebe ich Alexa!» über die Rechenfähigkeiten einer Mitarbeiterin lustig. An anderer Stelle wird ebendiese Mitarbeiterin «Marketing-Tussi» genannt. Eine weitere Mitarbeiterin wird in einem nicht gezeichneten Ausflugsbericht «Agir-Blume» genannt und gebeten, beim nächsten Mal doch bitte eine Peepshow zu organisieren. Über den Mitinhaber und Vizeverwaltungsratspräsident der Firma, Hans-Martin Meyer (genannt Hama), steht in einem Magazin: «Hama weiss wirklich, wie abfiggen geht.» Dazu ein angewetzter Pneu und ein Frauenhintern: «Beides ohne Cellulite.»

Gegenüber dem «Anzeiger von Affoltern» erklärte Crescionini, das Heft sei nicht teil der Werbestrategie von Agir und im Wesentlichen für die Mitarbeiter gedacht. Sie hätten nicht auf die Homepage gelangen sollen, meinte er, dieser Fehler werde umgehend behoben. Tatsächlich verschwanden die Magazine im Laufe des Freitags von der Website der Agir AG. Ebenso die Werbung von einer Frau mit Lolli und dem Spruch «Kunden, die hier gesündigt haben, rollten ihre Zungen auch über Bandanlagen.» Der muskulöse Bauarbeiter mit dem Spruch «Die mit dem Längsten», blieb allerdings stehen. «Wir wollen frisch und frech auftreten. Im Vordergrund steht dabei Kreativität, nicht etwa Sexismus», sagte Crescionini dazu.

Mitinhaber Hans-Martin Meyer sagt auf Anfrage, der Spruch mit dem Abfiggen sei wohl etwas gewöhnungsbedürftig. «Heute wird so alltäglich gesprochen», sagt Meyer. Mit Sexismus habe das Magazin nichts zu tun. Die Leser wüssten damit umzugehen und verstünden die Botschaft. Das Gleichstellungsgesetz sehe er nicht verletzt.

Diskriminierende Kultur

Helena Trachsel von der kantonalen Fachstelle für Gleichstellung sieht das ganz anders. «Agir pflegt eine diskriminierende Betriebskultur und verstösst gegen das Bundesgesetz über die Gleichstellung von Frau und Mann», sagt sie. Frauen würden in der Mitarbeiterzeitschrift ausschliesslich aufgrund ihres Geschlechts auf sexistische Art und Weise zum Konsum angeboten und herabgewürdigt. Gemäss Gleichstellungsgesetz sind Arbeitgeber unter anderem dazu verpflichtet, dass die Würde von Frauen und Männern am Arbeitsplatz nicht durch belästigendes Verhalten sexueller Natur beeinträchtigt wird. «Das Magazin ist nicht nur frauen-, sondern auch menschenverachtend», sagt Trachsel. Damit verstösst es gegen den im Gleichstellungsgesetz verankerten Schutz vor Diskriminierung durch sexuelle Belästigung und Sexismus am Arbeitsplatz. Offensichtlich herrsche im Betrieb aber kein Bewusstsein für das Problem. Im Magazin schreiben auch Frauen mit.

Es fällt auf, dass die Agir AG immer wieder von Aufträgen der öffentlichen Hand profitiert. 2012 realisierte sie beispielsweise ein Bauprojekt für das Bundesamt für Strassen im Milchbucktunnel, 2010 bis 2014 für die Durchmesserlinie der SBB. Oftmals ist Agir als Subunternehmen an Projekten des Kantons oder des Bunds beteiligt, etwa beim Bau der Limmattalbahn, auf der Grossbaustelle «The Circle» oder auf der Neat-Baustelle am Ceneri-Basistunnel.

Gemäss Submissionsverordnung des Kantons Zürich muss die Vergabestelle sicherstellen, dass die Anbieter die Gleichbehandlung von Frau und Mann einhalten. Dominik Bonderer, Sprecher der Kantonalen Baudirektion, kann zum jetzigen Zeitpunkt nur allgemein antworten: «Die Vergabestelle muss den Grundsatz der Gleichbehandlung von Frau und Mann beachten», sagt er. «Wenn ein Anbieter diesen Grundsatz missachtet, wird er aus dem laufenden Verfahren ausgeschlossen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.06.2018, 22:26 Uhr

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