Shell erstattet Anzeige gegen Greenpeace-Aktivisten

An Shell-Tankstellen in Zürich konnte vorübergehend nicht getankt werden. Grund war eine Greenpeace-Protestaktion. Die Energiefirma geht rechtlich gegen die Aktivisten vor.

Die Polizei liess die Aktivisten gewähren: Greenpeace-Aktivisten im Zürcher Seefeld. (Video: Lea Koch / Martin Sturzenegger)
Video: Keystone

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Überraschung bei Pendlern von der Zürcher Goldküste, die am frühen Dienstagmorgen mit dem Auto in die Stadt Zürich fuhren: An der Shell-Tankstelle im Seefeldquartier gab es für sie diesmal kein Benzin, dafür bekamen sie live eine Protestaktion der Umweltschützer von Greenpeace mit. Diese hatten sich an die Zapfsäulen gekettet – hier und an allen anderen acht Zürcher Shell-Tankstellen. Insgesamt sind 85 Aktivistinnen und Aktivisten im Einsatz.

Anreise mit dem Bus: Die Greenpeace-Aktivisten vor der Protestaktion.

Die Umweltschützer protestierten gegen umstrittene Ölbohrungen des Konzerns in der Tschuktschensee, dem Meer im Grenzgebiet zwischen Alaska und Russland. Die US-Behörden hatten dazu unlängst eine Bewilligung erteilt. Ab dem 1. Juli könnte es theoretisch losgehen. Greenpeace hält das Unterfangen für verantwortungslos, weil es bei Unfällen zu schweren Umweltverschmutzungen kommen könnte. «Die Lager der Ölkonzerne sind schon jetzt übervoll», sagt Nadine Berthel, Leiterin der Arktiskampagne von Greenpeace-Schweiz. «Wenn wir die Klimaerwärmung unter zwei Grad begrenzen wollen, dürfen arktische Ölvorkommen nicht ausgebeutet werden.»

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Shell hatte bei den vom Protest betroffenen Tankstellen «aus Sicherheitsgründen den Betankungsvorgang gestoppt», wie das Unternehmen auf Anfrage mitteilte. «Jeder hat das Recht auf freie Meinungsäusserung. Allerdings sollte diese friedlich verlaufen und die Sicherheit unserer Kunden, Mitarbeiter nicht missachtet werden», sagte Shell-Mediensprecherin Cornelia Wolber. Das Unternehmen will juristisch gegen Greenpeace vorgehen: «Wir werden Strafanzeige gegen die Aktivisten erstatten.» Zu der finanziellen Einbusse, die durch die Aktion entsteht, gab Shell keine Auskunft: «Wir äussern uns generell nicht zu Umsatzzahlen.»

Die Aktion ist orchestriert. Insgesamt 10 Shell-Tankstellen sind betroffen.

Die Umweltorganisation stellte sich hinter ihre Aktivisten: «Wir beschützen sie mit allen Mitteln. Greenpeace unternimmt in so einem Fall alles, damit ein fairer Prozess eingeleitet wird», sagt Kampagnenleiterin Berthel.

An der Tankstelle im Zürcher Seefeld ging schon kurz nach Beginn der Protestaktion gar nichts mehr. Der überrumpelte Tankstellenbetreiber war ausser sich, als er bemerkte, was vor sich ging, und rief die Polizei. Er sprach von «Witzfiguren» und beschimpfte die Aktivisten lauthals. Die Protestierenden von Greenpeace hätten vor langer Zeit gegen die Bohrungen protestieren müssen. «Jetzt bringt das doch nichts mehr.» Weil er zur Sicherheit auch den Tankstellenshop zumachte, standen seine Kunden vor geschlossenen Türen und beobachteten die Protestaktion.

Wie riskant das Vorhaben von Shell ist, in der Arktis zu bohren, zeigen die Pläne von anderen, ebenfalls am Nordpolarmeer interessierten Konzernen. Die amerikanische ConocoPhillips und die norwegische Statoil begruben ihre Bohrpläne, nachdem Shell mit den ersten Sondierungsarbeiten grosse Schwierigkeiten gehabt hatte. Die französische Total sieht das Vorhaben als Unsinn, und die italienische Eni liess ihre Bohrbewilligung in der Arktis ungenutzt verfallen, weil das Vorhaben zu teuer und zu riskant schien.

«Shell besitzt das Know-how»

Shell wehrt sich gegen den Vorwurf des hohen Risikos. Das Unternehmen arbeite seit Jahrzehnten in arktischen und subarktischen Regionen, zum Beispiel in Norwegen, Russland oder Nordamerika, sagt Shell-Sprecherin Wolber. «Shell besitzt die technische Expertise und das Know-how, um Öl und Gas auch unter den besonderen Bedingungen der Arktis verantwortlich zu produzieren.»

Eine Bohrpanne hätte verheerende Folgen für die Umwelt. (Foto: Keystone)

Doch US-Präsident Barack Obama glaubt an die Machbarkeit des Projekts, weil ihn seine eigenen Umweltexperten davon überzeugt haben. Die Explorationsbewilligung ist an mehrere Bedingungen gebunden, die eine Katastrophe verhindern sollen. So muss Shell permanent zwei Bohrplattformen vor Ort in Betrieb halten, um ein Leck rasch abdichten zu können. Umweltschützer warnen, dass auch diese teure und von Shell abgelehnte Doppelsicherung nicht ausreicht, da die Ölfelder mehr als 1600 Kilometer von der nächsten Einsatzzentrale der Küstenwache entfernt liegen.

Aktivisten protestieren in Seattle vor der Ölplattform. (Foto: Keystone)

Shell ist entschlossen, vorwärtszumachen. Die Öl- und Gasreserven in der Tschuktschensee sind zu verlockend. 30 Milliarden Fass sollen im Meeresboden liegen – so viel, wie die USA in etwa vier Jahren konsumieren. Der Konzern hat bereits 6 Milliarden Dollar in die Vorarbeiten investiert und setzte Obama unter Druck. Er drohte mit einer Schadenersatzklage, nachdem George W. Bush eine erste Bewilligung zum Preis von 2,1 Milliarden Dollar erteilt hatte.

Erstellt: 30.06.2015, 07:53 Uhr

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Greenpeace-Aktion gegen Shell

Greenpeace-Aktion gegen Shell Die Umweltschützer haben heute am frühen Morgen sämtliche Zürcher Tankstellen des Shell-Konzerns blockiert.

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