Sie heiraten, um ihre Familien nicht zu verlieren

Beratungsstellen berichten von einer Zunahme von Zwangshochzeiten – auch in Zürich.

Brautkleider im Schaufenster: Nicht immer hat Heirat etwas mit Liebe und Romantik zu tun. Foto: Mario Velez (Getty Images)

Brautkleider im Schaufenster: Nicht immer hat Heirat etwas mit Liebe und Romantik zu tun. Foto: Mario Velez (Getty Images)

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«Er hatte Löckchen und lustige Grübchen, wenn er grinste.» So erinnert sich Medina (Name geändert) an ihren ersten Freund. Die zwei, damals beide 15-Jährig, hatten sich über eine gemeinsame Kollegin kennen gelernt. Nach Stunden im Chatroom traf man sich an einem freien Mittwochnachmittag. Beide waren nervös. Den ersten Kuss gab es beim vierten Treffen, während eines Spaziergangs am See.

Geboren ist Medina in einem kleinen Dorf in Kosovo. Hier lebt sie mit ihren Verwandten, streng gläubige Muslime, auf einem Bauernhof. Im Alter von neun Jahren zieht sie mit der Mutter und ihren zwei Geschwistern zum Vater in die Schweiz. Schnell lernt sie Deutsch, findet in der Schule neue Freundinnen. «Ich fühlte mich freier, durfte mich eigenständiger bewegen als in Kosovo», sagt Medina. Besonders die schulfreien Nachmittage bei ihren Kolleginnen ­geniesst sie.

«Mir war dies peinlich»

Ihr Bruder erspäht das junge Liebespaar wenige Wochen später im McDonald’s. Obwohl Medina ihn anfleht, nichts zu sagen, erzählt er ihrem Vater von der Beziehung. Dieser ist ausser sich vor Zorn. Gerade von Medina hätte er so ein Verhalten nicht erwartet: «Er brüllte mich an, schüttelte mich und schlug mir dann mitten ins Gesicht», sagt Medina. Am nächsten Tag holt die Mutter sie von der Schule ab und bringt sie direkt zu einem Frauenarzt. «Dieser musste feststellen, ob ich noch Jungfrau war», sagt Medina. Über den positiven Bescheid waren alle Beteiligten erleichtert.

Die Tage vor den Sommerferien werden Medinas letzte in Freiheit sein. Bruchstückhaft erinnert sie sich: «Kurz nach unserer Ankunft in Kosovo teilte mir mein Vater mit, dass ich am Abend verlobt würde.» Ein ferner Verwandter, anfang dreissig. «Ich wusste nicht, ob ich weinen oder lachen sollte», sagt Medina. Wie in Watte eingehüllt, nimmt sie den Rest des Tages wahr. Zur Feier wird das Haus dekoriert, und die Frauen bereiteten Berge von Kost vor. Während des Essens wagt Medina nicht, ihren Zukünftigen auch nur kurz anzuschauen. Irgendwann stand ihr Onkel auf und sagte: «Ja, ich will Medina für meinen Sohn.» Dann bestätigt ihr Vater die Verlobung seiner Tochter. Medina wurde nicht gefragt. Auch der Verlobte nicht.

Die Eltern schicken das Paar in ein ­anderes Zimmer, um sich besser kennen zu lernen. «Mir war dies furchtbar peinlich. Ich hatte meinen nun Verlobten seit Jahren nicht gesehen und wusste nicht, über was ich mit ihm reden sollte», sagt Medina. Irgendwann versucht er, sie zu küssen, versteht Medinas Zurückhaltung nicht: «Wir sind doch jetzt ­verlobt!»

Hohe Dunkelziffer

Genaue Zahlen zu Zwangsheiraten in der Schweiz gibt es nicht. Der landesweit tätigen Fachstelle Zwangsheirat sind aus dem letzten Jahr 51 Fälle von erzwungenen Hochzeiten von unter 16-Jährigen bekannt: «Wir stellen einen Anstieg von Zwangsheiraten von Minderjährigen fest, besonders stark ist er bei den unter 16-Jährigen», sagt die Juristin und Präsidentin der Fachstelle, Anu Sivaganesan. Zum Vergleich: Zwischen 2005 und 2015 waren es nur fünf Minderjährige im Schutzalter, die die Fachstelle aufsuchten. Auch das Mädchenhaus Zürich bestätigt die Zunahme: Im letzten Jahr fanden 12 Opferhilfeberatungen zum Thema Zwangsheirat statt. 6 von 51 Aufnahmen in das Mädchenhaus erfolgten unter anderem aufgrund drohender Zwangsheirat. Diese Zahlen bilden nicht den tatsächlichen Bedarf ab: «Die Dunkelziffer liegt viel höher, denn nur die Mutigsten wenden sich an eine Fachstelle», sagt die Leiterin des Mädchenhauses, Dorothea Hollender.

Gemäss der Fachstelle Zwangsheirat gibt es zwei mögliche Begründungen für die Zunahmen: Einerseits stehe sie in einem direkten Zusammenhang mit der letzten Flüchtlingswelle. So stammen die letztjährig verzeichneten Fälle von Minderjährigen im Schutzalter aus ­Syrien, Afghanistan, dem Irak, Eritrea und Somalia. Anderseits würden mehr Fälle gemeldet, da flächendeckender über die Thematik informiert worden sei. «Zwangsheirat betrifft nicht nur Neuankömmlinge, sondern auch Secondos», sagt ­Sivaganesan. Gemäss einer Bundesstudie von 2012 zum Thema, ­kämen die Betroffenen mehrheitlich aus dem Balkan, Sri Lanka und aus der ­Türkei.

Nur Herkunft oder Religionszugehörigkeit als Grund für Zwang bei Heirat und Ehe herbeizuziehen, entspreche einer verengten Sicht aufs Thema. Die Zusammenhänge, die zu einer Zwangsheirats-Kultur führen, sind komplex. «Oft entstehen Zwangshochzeiten dort, wo der Mann in der Familie und Gesellschaft eine Vorrangstellung einnimmt. Weiter gibt es solche Hochzeiten oft in Kulturen, die eine zu starke Orientierung zu der Familie hin aufweisen oder bereits auf eine lange erstarrte Zwangsheirats-Tradition zurückblicken», sagt Sivaganesan.

«Du musst ihn heiraten»

Medina darf bis zum Ende der dreijährigen Verlobungszeit noch einmal zurück in die Schweiz. Zeit, um eine Lehre als Coiffeuse zu absolvieren. Mit ihrem Verlobten tauscht sie in dieser Zeit hin und wieder eine SMS- oder eine Facebook-Nachricht aus. Regelmässigen Kontakt haben sie nicht. In den Sommerferien besuchen sich die Familien jeweils in Kosovo. Dann unternehmen Medina und ihr Verlobter hin und wieder einen langen Spaziergang. «Wir waren uns immer noch fremd», sagt Medina.

Die Hochzeit findet drei Jahre später in Medinas Heimatdorf statt. Finanzielle Fragen sowie die Organisation der mehrtägigen Feier übernehmen die ­Eltern. Auch Verwandte aus der Schweiz reisen an. Weshalb sie sich nicht gewehrt habe? «Ich hatte keine Wahl. Meine Mutter sagte immer verzweifelt: ‹Du musst ihn heiraten. Ich weiss nicht, was Papa sonst tut›», sagt Medina.

«Wer würde mich nach einer Scheidung noch wollen?»

Nach den Feierlichkeiten stellt sie für ihren Mann ein Gesuch um Ehegattennachzug in die Schweiz. Diesem wird mehrere Jahre später stattgegeben.

Heute lebt das Paar im Kanton Zürich. Als Coiffeuse verdient Medina den Lebensunterhalt für beide. Sie wirkt resigniert, schüchtern, müde. An eine Fachstelle wenden möchte sie sich nicht: «Ich will meine Familie nicht verlieren», sagt sie. Dies wäre der hohe Preis, den sie für solch einen Schritt zahlen würde. Ein weiterer Gedanke treibt Medina um: «Wer würde mich denn nach einer Scheidung noch wollen?» Für die Zukunft hat sie aber einen klaren Wunsch: «Meine zukünftigen Kinder sollen ihre Partner frei wählen dürfen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.02.2017, 07:47 Uhr

Hochzeit zwischen Arrangement und Verbot

Die Zwangsheirat ist von der arrangierten Ehe zu unterscheiden. Die Grenzen sind jedoch fliessend.

Eine Zwangsheirat liegt dann vor, wenn mindestens eine eheschliessende Partei durch Druck zur Ehe gezwungen wird. Druck ist dann gegeben, wenn die eigene Weigerung kein Gehör findet oder die Betroffenen es nicht wagen, sich zu widersetzen – beispielsweise weil sie von Familienangehörigen, dem Verlobungspartner oder Schwiegereltern zu einer Hochzeit gezwungen werden.

Auch bei einer arrangierten Heirat ist die Wahl des zukünftigen Partners fremdbestimmt. Der Braut oder dem Bräutigam wird jedoch die Möglichkeit eingeräumt, den auserwählten Partner abzulehnen.

Seit Juli 2013 ist das Bundesgesetz gegen Zwangsheirat in Kraft. Dieses sieht für Personen, die jemanden zu einer Heirat zwingen, eine Strafe von bis zu fünf Jahren Freiheitsentzug vor. Eine bereits ­geschlossene Zwangsheirat und alle Minderjährigenehen können annulliert, also für ungültig erklärt werden. Dies ist für die Betroffenen wichtig, da sie so den Zivilstand «unverheiratet» und nicht «geschieden» tragen können. «Eine geschiedene Frau wird in vielen Kulturen ­stigmatisiert», sagt die Präsidentin der Fachstelle Zwangsheirat, Anu Sivaganesan. Seit der Einführung des Gesetzes gab es erst zwei Verurteilungen, beide im Kanton Thurgau. «Dies war zu erwarten», sagt Sivaganesan, «da ein Gesetz eine gewisse Zeit braucht, bis es greift.»

Ruf nach Rückkehrrecht

Eine Schutzmassnahme durch das Gesetz wünscht sich Sivaganesan durch die Einführung eines sogenannten Rückkehrrechts: Viele Migranten der zweiten und dritten Generation leben heute mit einer B-oder C-Bewilligung in der Schweiz. Wenn die Betroffenen aufgrund einer Zwangsheirat längere Zeit nicht aus ihrem Heimatland zurück­kehren können, erlischt ihre Aufenthaltsbewilligung nach sechs Monaten.

Deutschland kennt für diese Fälle das Rückkehrrecht. Dieses ermöglicht Betroffenen innerhalb von 10 Jahren wieder nach Deutschland einzureisen, sofern sie den Beweis für eine unter Gewalt und Drohung eingeführte Ehe erbringen können.

Auch Männer betroffen

«Das Strafgesetz allein vermag im ­Zusammenhang mit Zwangsheirat keine Probleme zu lösen», ergänzt Sivaganesan. Hier würden die Fachstellen an­setzen. «Wir sind nicht die Polizei. Deshalb versuchen wir in erster Linie, dem Druck, dem die Betroffenen ausgesetzt sind, zu begegnen und sie bei ihren ­Lösungsstrategien zu unterstützen», sagt Sivaganesan. Meldungen über illegale Ehen erhalte sie von Lehrkräften, Arbeitgebern oder Behörden. «Oft sind die Betroffenen grosser Be­drohung ausgesetzt», sagt Sivaganesan. Ein Lösungsansatz kann dann auch einen Kantons- oder Namenswechsel ­beinhalten.

Vereinzelt sind auch Männer von Zwangsheirat betroffen. «Es sind Einzelfälle, die aber auf ein Phänomen hin­weisen», sagt der Männerberater Martin Bachmann vom Mannebüro Züri. Auf das Thema trifft die Stelle in der Beratung oft im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt: «Im Konfliktfall hören wir dann Sätze wie ‹Ich wollte sie gar nicht heiraten, ich wurde gezwungen›.» Sarah Fluck

(Tages-Anzeiger)

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