Rolf Erb gibt nicht auf

Das Zürcher Obergericht hat den Milliarden-Pleitier Rolf Erb zu sieben Jahren Haft verurteilt. Er akzeptiert das Verdikt nicht.

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Das Zürcher Obergericht hat heute Mittwoch den gescheiterten Unternehmer Rolf Erb wegen Betrugs, mehrfacher Urkundenfälschung sowie Gläubigerschädigung schuldig gesprochen und zu sieben Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Damit hat es die erstinstanzliche Strafe, welche das Winterthurer Bezirksgericht im März 2012 gefällt hatte, um ein Jahr gesenkt. Damit will sich Rolf Erb nicht zufriedengeben. Starverteidiger Lorenz Erni hat noch im Gerichtssaal den Gang ans Bundesgericht angekündigt.

Neben Erb hatte auch die Staatsanwaltschaft das Winterthurer Urteil angefochten. Anklägerin Susanne Leu forderte vom Obergericht eine Freiheitsstrafe von 10 Jahren. Ob auch sie Berufung einlegen wird, lässt sie noch offen. «Wir werden die Urteilsbegründung abwarten und dann entscheiden», sagte die stellvertretende Leiterin der Staatsanwaltschaft für Wirtschaftsdelikte. Trotz des milderen Urteils der Oberrichter zeigte sie sich mit dem Ausgang des Prozesses zufrieden: «Es ist erfreulich, dass das Obergericht in den Grundzügen der Argumentation der ersten Instanz folgte.» Diese hatte sich nämlich dabei vornehmlich auf die Anklageschrift gestützt. Ein Wermutstropfen blieb aber: «Wir sind mit dem Strafmass nicht vollumfänglich zufrieden», sagte Leu.

Erb muss seine Papiere abgeben

Die Staatsanwältin hatte am Montag beim Zürcher Gericht einen Antrag auf Sicherheitshaft gestellt. Dies hätte eine Verhaftung noch im Gerichtssaal zur Folge haben können. Das Gericht folgte diesem Begehren allerdings nicht. Der Gerichtsvorsitzende räumte zwar ein, dass Erb sich selbst während des Prozesses aufgrund seiner häufigen Reisen als Aussenminister des Unternehmens bezeichnet habe und deshalb wohl fähig sei, ins Ausland zu flüchten. Der 62-Jährige habe sich aber bisher nicht abgesetzt, obschon er seit rund zehn Jahren mit einer Strafe rechnen müsse. Angesichts des fortgeschrittenen Alters und seiner angeschlagenen Gesundheit erschien dem Gericht eine Sicherheitshaft aber unverhältnismässig. Es griff zu einer milderen Massnahme: Rolf Erb muss seine Schriften abgeben. Wenn er nicht bis in drei Tagen seine Reisepapiere deponiert, wird er verhaftet.

Das Obergericht sah es als erwiesen an, dass Erb jahrelang die Bilanzen der Erb-Gruppe geschönt hatte, um so an weitere Kredite zu kommen. Zudem habe er ein Vermögen von rund 25 Millionen Franken seinen Zwillingssöhnen und seiner Partnerin geschenkt, um es den Gläubigern zu entziehen. Erbs Verschulden wiege sehr schwer. Er habe durch sein raffiniertes Vorgehen eine hohe kriminelle Energie an den Tag gelegt und skrupellos seinen guten Ruf ausgenützt, um sich den luxuriösen Lebensstil erhalten zu können. Das Zürcher Obergericht begründete die Reduktion der Freiheitsstrafe um ein Jahr mit dem angeschlagenen Gesundheitszustand von Rolf Erb und der langen Verfahrensdauer, die ihn einer ständigen Ungewissheit aussetze.

Auto und Vermögen verwerten

Der Gericht entschied, dass seine Immobilien wie das Schloss Eugensberg im thurgauischen Salenstein, die Wolfensberg Villa in Wülflingen und das Winterthurer Zentrum Töss zwangsversteigert werden und wie seine Oldtimersammlung sowie weitere Vermögenswerte in die Konkursmasse fliessen.

Der Milliarden-Pleitier hatte sich bereits gegen das erstinstanzliche Urteil des Winterthurer Bezirksgericht gewehrt. Dieses hatte den letzten Konzernchef der Erb-Gruppe wie nun auch das Obergericht wegen gewerbsmässigen Betrugs, mehrfacher Urkundenfälschung und mehrfacher Gläubigerschädigung durch Vermögensverminderung schuldig gesprochen.

Das Bezirksgericht war damals bei seinem Schuldspruch zwar in allen Punkten der Anklage gefolgt. Mit acht Jahren Freiheitsstrafe setzte es die Strafe aber etwas tiefer an, als es die Staatsanwaltschaft gefordert hatte. Dies einerseits aus Rücksicht auf Erbs angeschlagenen Gesundheitszustand. Andererseits aber auch aus juristischen Gründen: Freiheitsstrafen im Bereich von 10 Jahren seien für Verbrechen gegen Leib und Leben vorbehalten.

Kein Krimineller

Nun profitiert Erb von einer Strafminderung um ein Jahr. Im vergangenen September verlangte er gar einen Freispruch und brachte dies zum Schluss der einwöchigen Berufungsverhandlung mit einem einfachen Satz zum Ausdruck: «Ich bin kein Krimineller.» Ganz anders sieht es Staatsanwältin Susanne Leu.

Für sie stand fest: Das Urteil des Winterthurer Bezirksgericht war zu milde ausgefallen, weshalb auch sie in Berufung ging. Sie will Rolf Erb mit zehn Jahren Haft bestraft sehen und wirft ihm vor, mit geschönten Bilanzen die Kreditgeber getäuscht zu haben, um den steigenden Mittelbedarf eines gescheiterten Immobiliengeschäfts in Deutschland decken zu können.

Der Kampf um das Schloss

Als der Kollaps des Firmenimperiums drohte, habe Erb Vermögen gerettet, indem er unter anderem Schloss Eugensberg, das Winterthurer Hochhaus Zentrum Töss und eine Sammlung wertvoller Oldtimer seiner Lebensgefährtin oder den damals 10 Monate alten Zwillingssöhnen vermacht habe. Dadurch habe der gescheiterte Unternehmer die Gläubiger geschädigt. Leu verlangt deshalb, dass diese Vermögenswerte in die Konkursmasse übergehen. In dieser Sache sind mehrere Zivilprozesse im Kanton Thurgau bis zum Vorliegen des Zürcher Verdikts hängig. Das Bezirksgericht Winterthur hatte im Mai 2012 angeordnet, dass diese Schenkungen rückgängig gemacht werden müssten. Rolf Erb ist seinerseits nicht damit einverstanden.

Unter Erbs Gläubigern befinden sich zahlreiche Banken, darunter UBS und Credit Suisse, die Autofirma Mitsubishi sowie der Kanton Zürich und die Stadt Winterthur. Sie machen eine Schadensumme von 6,5 Milliarden Franken geltend. Das Obergericht entscheidet im Rahmen des Berufungsprozesses nicht nur über das Strafmass der ersten Instanz. Es hat auch die Frage geklärt, was mit den Vermögenswerten passieren soll.

Die Anwaltsrochade

Vor dem Winterthurer Bezirksgericht hatte sich Rolf Erb von vier Anwälten verteidigen lassen: den zwei Pflichtverteidigern Adrian Klemm und Petar Hrovat und den beiden von ihm privat beauftragten Zürcher Anwälten Vera Delnon und Bernhard Rüdy. Delnon und Rüdy holte Erb erst kurz vor dem Prozess in Winterthur dazu. Die Bezirksrichter weigerten sich aber, die beiden Pflichtverteidiger ihres Amtes zu entheben. So standen in Winterthur vier Anwälte für den gescheiterten Unternehmer vor den Schranken.

Für den Prozess am Obergericht besetzte Rolf Erb seine Verteidigung wieder neu. Zwar sassen die beiden Pflichtverteidiger noch an seiner Seite, Vera Delnon und Bernhard Rüdy hatte er allerdings durch Starverteidiger Lorenz Erni ersetzt. Dieser hatte zuvor den Regisseur Roman Polanski und den einstigen Swissair-Chef Philippe Bruggisser oder den russischen Milliardär Viktor Vekselberg vertreten. Wie das gemilderte Urteil zeigt, hat sich der erneute Wechsel wohl gelohnt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 15.01.2014, 08:41 Uhr

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