Skater oder Schneepflüge?

Die provisorische Freestylehalle in der Zürcher Grünau ist ein Erfolg. Damit könnte aber Ende 2013 Schluss sein, denn Entsorgung und Recycling will die Sportanlage als Lagerraum nutzen.

Freestyler in Aktion: Der Quartierverein Grünau möchte den Treffpunkt für Teenager nicht mehr hergeben.

Freestyler in Aktion: Der Quartierverein Grünau möchte den Treffpunkt für Teenager nicht mehr hergeben. Bild: Reto Oeschger

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Zürichs Freestyler freuen sich auf ihren Park in der Allmend. Die Bauarbeiten laufen auf Hochtouren, im Herbst geht es los. Trotzdem plagt die Szene eine Sorge: Was ist im Winter, was bei schlechtem Wetter? Unter Zürichs Skatern macht ein Gerücht die Runde: Schon Ende 2013 soll die überdachte Halle in der Grünau schliessen.

Ungewisse Zukunft

Der ungeheizte Blechbau steht auf dem Areal von Entsorgung und Recycling (ERZ) neben der Tramwendeschleife im Werdhölzli. 2008 baute ihn die Stadt für zwei Millionen Franken als Provisorium. Weil damals die Realisierung des Freestyleparks durch Rekurse abermals in weite Ferne gerückt war, kam man den Bedürfnissen der Sportler mit dieser Übergangslösung entgegen.

Dass der Park bald Tatsache ist, weckt nun neue Begehrlichkeiten. ERZ-Sprecherin Leta Filli sagt: «Wir prüfen die Möglichkeit, die Halle künftig als Stützpunkt oder Lager für die Stadtreinigung zu nutzen.» Ende nächstes Jahr läuft der Mietvertrag mit dem Sportamt, das jährlich 98'000 Franken überweist, aus. Gut möglich also, dass dort, wo heute Skateboarder, BMX-Fahrer und Inlineskater ihre Tricks üben, bald schon Schneepflüge überwintern werden. Die Stadt könnte so Geld sparen, da das ERZ extern weniger Stauraum mieten müsste. Noch sei nichts entschieden, sagt Leta Filli, die Gespräche über die Zukunft der Freestylehalle stünden an.

Sportamt für Weiterbetrieb

Daran teilnehmen wird auch eine Delegation des Sportamts. Mit einem klaren Ziel: Die Halle soll weiterhin der Jugend gehören. «Für junge Freestyler ist die Anlage ein wichtiger Treffpunkt», sagt Sprecher Marc Caprez. Kleinere Zentren in Quartieren, wo sich Kinder und Jugendliche sportlich betätigen können, entsprächen exakt der Strategie des Sportamts. Einen Einbruch der Besucherzahlen nach Fertigstellung des Parks am anderen Ende der Stadt erwartet Caprez nicht. «Deshalb wäre aus unserer Sicht ein Fortbestand zu begrüssen.»

Eine Hoffnung, die Carlos Venegas vom Verein Pro Freestyle Halle teilt. Als Untermieter beim Sportamt ist er für den Betrieb der Anlage verantwortlich. «Es ist eine komplett neue Ausgangslage», sagt er. Die Halle sei längst mehr als bloss Übergangslösung, nämlich ein «prägender und beliebter Bestandteil des Quartiers». Die jüngsten Zahlen geben ihm recht. 2011 nutzten durchschnittlich 40 Sportler am Tag die Freestylehalle. Zählt man Zuschauer und Kursteilnehmer dazu, kommt man gar auf 54. Eng wird es laut Venegas, wenn auf der 1000 Quadratmeter grossen Fläche 20 Personen gleichzeitig unterwegs sind.

Aufwertung der Grünau

Rund zwei Drittel der Besucher waren jünger als 16, über die Hälfte waren Skateboarder, gefolgt von den BMX- und Microscooter-Fahrern. Ein Tageseintritt für U-16-Freestyler kostet 3 Franken, ältere bezahlen 5 Franken. Das Jahresabonnement gibts für 50 oder 100 Franken. Die Einnahmen decken einen Teil der Betriebskosten, den Rest übernehmen Sponsoren. Miete ans Sportamt muss der Verein nicht abliefern.

Nicht mehr hergeben möchte das Angebot der Quartierverein Grünau. Die ursprüngliche Furcht vor Suchverkehr im Quartier habe sich überhaupt nicht bestätigt, sagt Matthias Langhans: «Wir sind sehr daran interessiert, dass die Freestylehalle offen bleibt.» Der Treffpunkt für Teenager im Quartier habe zu einer Aufwertung der Grünau geführt.

Gesündere Ernährung und mehr Bewegung

Dass es die Freestylehalle überhaupt gibt, ist zu einem grossen Teil Ernesto Silvanis Verdienst. Als ehemaliger Präsident des Vereins Freestyle Park machte er sich seinerzeit für die «Notlösung» stark, um die Wartezeit zu überbrücken. Heute arbeitet Silvani als Kommunikationsverantwortlicher bei der Schtifti Foundation und setzt sich für eine gesündere Ernährung und mehr Bewegung bei Kindern und Jugendlichen ein. Über 1000 von ihnen nahmen bisher an Workshops im Werdhölzli teil.

Dass die Zukunft der Halle ungewiss ist, ärgert Silvani: «Was ist uns mehr wert: ein Ort, an dem sich Kinder und Jugendliche bewegen können, oder ein Lagerraum für Maschinenteile?» Die Antwort liefert er gleich selber: «Es wäre ein Blödsinn, ein solches Projekt zu beenden.» Er wisse von vielen Eltern, die froh seien, dass ihr Kind in der Nachbarschaft einer sinnvollen Beschäftigung nachgehen könne. «Das Quartier könnte schnell zum Brennpunkt werden, wenn es den Jungen langweilig wird.» Wäre er Politiker, sagt Ernesto Silvani, würde er genau diesen Trumpf spielen.

Min Li Marti, Fraktionspräsidentin der SP im Parlament, will sich nicht zu einer Forderung hinreissen lassen. Sie habe aber grundsätzlich viele Sympathien für die Freestyler. Konkreter wird Mauro Tuena von der SVP: «Es geht nicht an, dass aus einem Provisorium ein Providurium wird.» Wenn eine solche Praxis Schule mache, werde man es sich in Zukunft zweimal überlegen, bevor man einer Übergangslösung zustimme.

Stadtrat muss entscheiden

Skater oder Schneepflüge? Wie es mit der Freestylehalle nach 2013 weitergeht, muss die Politik, sprich der Stadtrat entscheiden. Aus dem Schul- und Sportdepartement, in dem das Sportamt angesiedelt ist, sind kämpferische Töne zu vernehmen. «Falls die Freestylehalle weiterhin so rege benutzt wird, werde ich mich für deren Fortbestand einsetzen», verspricht Vorsteher Gerold Lauber (CVP). Auf der anderen Seite steht das Tiefbau- und Entsorgungsdepartement von Stadträtin Ruth Genner (Grüne). ERZ-Sprecherin Leta Filli sagt: «Das Sportamt hat seine Ideen, wir haben unsere.»

Erstellt: 21.03.2012, 10:11 Uhr

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