Soja aus Seuzach

Als erster in der Schweiz baut Biobauer Klaus Böhler an, was viele nur als Spezialität aus dem Sushi-Restaurant kennen. Vier Jahre hat er getüftelt, nun hat er zwei, drei Jahre Vorsprung auf die Konkurrenz.

Nutzt diese Sämaschinen für Edamame: Biobauer Klaus Böhler.

Nutzt diese Sämaschinen für Edamame: Biobauer Klaus Böhler. Bild: Sabina Bobst

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Sie leuchten grün im Teller. Man sieht ihnen förmlich an, wie gesund sie sind. Aber ganz im Gegensatz zum üblichen Grünzeug schmecken sie auch den beiden zwei- und vierjährigen Buben des Anbauers. Und sie eignen sich prima als Ersatz für Chips beim Apéro oder Fernsehabend: Edamame, blanchierte und mit etwas Meersalz und Gewürzen servierte junge Sojabohnen. Es macht Klaus Böhlers Söhnen Michael und Simon Spass, die Böhnchen mit den Zähnen aus der Hülse zu drücken. Und wenn eines statt an den Gaumen quer durchs Wohnzimmer spickt, muss auch der Vater lachen.

Böhler ist der Erste – und bisher der Einzige –, der in der Schweiz Edamame anbaut. Vor fünf Jahren riet ihm eine Studienkollegin, ebenfalls Agraringenieurin, dazu. «Das kommt», sagte sie. Am liebsten hätte sie es selber probiert, doch ihr fehlt der eigne Hof.

Migros im Frühling

Die Studienkollegin sollte recht behalten. Als Böhler vor zwei Jahren erfolgreich die grosse erste Ernte auf seinem Seuzacher Hof einfuhr und die Schweizer Domain Edamame.ch reservierte, war die deutsche und österreichische Domain noch frei. Nur ein halbes Jahr später waren sie alle weg.

Die Migros nimmt noch diesen Frühling Edamame ins Sortiment. Seit einem Jahr gibts den Sushi-Begleiter schon im Coop. Aufgetaute Ware, aus Asien importiert. Für 30 Franken das Kilo. «Fine Food» steht drauf. Böhler sät Schweizer Biosaatgut, produziert nach Demeter-Richtlinien, dem strengsten Biolabel. Er erntet, sortiert, blanchiert und gefriert die Bohnen mithilfe von weiteren kleinen Unternehmen ein und verlangt im Onlineshop für 1,5 Kilogram 56 Franken. 20 Franken davon gehen an die Post für den Expressversand der tiefgefrorenen Bohnen. Das ist nicht billig, im Asia Shop gibts das halbe Kilo für unter 10 Franken. Böhler ist es egal. Seine Kunden – es sind zwar erst eine Handvoll pro Monat – schätzen seine gesunden und einheimischen Edamame.

Zwei, drei Jahre Vorsprung

Der 37-Jährige hat nach dem Studium als landwirtschaftlicher Berater für die Forschungsanstalt für biologischen Landbau in Frick gearbeitet, bevor es ihn auf den Hof seiner Mutter zog. Er hatte viel mit experimentierfreudigen Landwirten zu tun gehabt, nun wollte er es selber probieren. Böhler ist ein Tüftler. Erst glaubte er, die Edamame von Hand von den Stauden lesen zu können. Doch es waren zu viele: Obwohl die ganze Familie mithalf, schafften sie nur 100 Kilo, den Rest musste er wieder aufs Feld werfen. Mit einer Maschine lief es das Jahr darauf auch nicht viel besser: Sojabohnen sind kürzer als grüne.

Sie kamen zusammen mit dem Abfall aus der Maschine, und mussten doch von Hand ausgelesen werden. Welche Sorte er anpflanzt und welche Maschinen er zum Ernten nutzt, verrät Böhler nicht. Zwei, vielleicht drei Jahre Vorsprung hat er gegenüber der Konkurrenz, schätzt er. Den will er nutzen. Und etwas Tüfteln muss er auch noch: Böhlers Edamame seien zwar aromatischer als die aus China, sagen seine Kunden, aber die Böhnchen sind auch etwas kleiner.

Zu wenig Land

Böhler mag es, wenn die Nachbarn, die Eltern, der Bruder, vorbeikommen und zuschauen, werweissen, selber Hand anlegen, wenn er etwas ausprobiert, etwa wenn er die alte Sämaschine für die Sojasaat herrichtet vor der Scheune mitten in Seuzach. Der kleine Hof seines Grossvaters, der hier einst Zuckerrüben für die Fabrik anbaute, ist längst von Mehrfamilienhäusern umgeben. Die 10 Hektaren, auf denen er Kürbisse, Urdinkel, Urdinkelgras und Edamame anbaut, liegen nur ein paar Traktorminuten entfernt, gleich hinter der Seuzacher Badi. Es ist zu wenig Land, um Massenprodukte anzubauen. Böhler setzt deshalb bewusst auf Spezialitäten.

Grün, das hat sich dabei herausgestellt, ist Böhlers Glücksfarbe. Angefangen hat er 2008 mit Schnittlauch für Rathgeb in Unterstammheim. Dann fragte er Tibits und das Haus Hiltl an, ob sie nicht seine Kürbisse wollten, doch die wollten lieber Urdinkelgras. Böhler hatte noch nie davon gehört, doch er baute es an. Das Schnittlauch-Know-how half: Inzwischen macht das Urdinkelgras fast die Hälfte des Umsatzes. Böhler schneidet es von Hand, versendet es in Beuteln an seine Kunden. Hiltl hat den frisch gepressten, vitaminreichen Saft des süssen Grases zwei Monate im Jahr im Angebot. Irgendwann nahmen die Vegikönige auch die Kürbisse. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.02.2014, 10:02 Uhr

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Grüne Sojabohne
Edamame, blanchierte unreife Sojabohnen in der Hülse, sind eine Spezialität der japanischen und chinesischen Küche. Sie werden zu japanischem Bier serviert und traditionell mit Arajio, japanischem, feuchtem Fleur de Sel, gewürzt. Ausserhalb Japans ist die Zubereitung mit verschiedensten Gewürz- oder Kräutersalzmischungen üblich. Uneinigkeit herrscht darüber, wie man Edamame korrekterweise geniesst. Am verbreitetsten ist die Methode, die ganze Hülse in den Mund zu nehmen und die Böhnchen mit Zähnen und Zunge herauszudrücken. Etwas eleganter und die in Asien verbreitetere Technik: Man hält die Hülse an die Lippen und quetscht die Bohnen mit den Fingern an ihrer Aussenseite in den Mund. Edamame gelten als gesunder Snack. Sie sind reich an Eiweissen, ­Nahrungsfasern und Folsäure. (lop) (Bild: PD)

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