Späterer Schulbeginn für mehr Konzentration

Jugendliche werden erst um 9 Uhr richtig wach. SP-Mitglieder im Kantonsrat kämpfen deshalb für einen späteren Schulbeginn. Positiver Nebeneffekt: Mehr Sitzplätze für Berufspendler.

15 Minuten mehr Schlaf bringen für die Jugendlichen eine messbare Verbesserung: Eine 5. Klasse an der Primarschule Hirzenbach.

15 Minuten mehr Schlaf bringen für die Jugendlichen eine messbare Verbesserung: Eine 5. Klasse an der Primarschule Hirzenbach. Bild: Sophie Stieger

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Drei SP-Kantonsrätinnen möchten den Traum von vielen Sekundarschülern wahr machen: Sie setzen sich für einen späteren Schulbeginn ein. Damit wollen sie nicht nur dem überdurchschnittlichen Schlafbedarf von Pubertierenden gerecht werden, sondern gleichzeitig den ÖV während der morgendlichen Stosszeit entlasten. Im Kantonsparlament haben Renate Büchi, Marcel Burlet und Sabine Sieber ein entsprechendes Postulat eingereicht.

Burlet und Sieber sind Lehrer, Büchi kennt die Nöte beim Aufstehen am Morgen von ihren eigenen Kindern. «Wenn ein Jugendlicher in einem Jahr 20 Zentimeter wächst, verlangt das dem Körper einiges ab», sagt sie. Dass Pubertierende mehr Schlaf brauchen, sei darum verständlich. Auch Burlet hat fünf eigene Kinder durch die Pubertät begleitet und stellt fest: «Die meisten Jugendlichen sind Eulen-Typen.» Vier seiner fünf Kinder hätten grosse Mühe gehabt, am Morgen aufzustehen. «So richtig wach werden die meisten erst zwischen 8.30 und 9 Uhr. Die Lehrer streiten sich dann darum, wer sie in den Stunden danach unterrichten darf», sagt Burlet.

Für den Lehrer hat die Idee des späteren Schulbeginns an Sekundarschulen, Berufsschulen und Gymnasien auch deswegen Charme, «weil man zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen könnte. Der Pendlerverkehr am frühen Morgen würde entlastet, wenn nicht gleichzeitig auch noch die Schüler mit dem ÖV unterwegs wären.»

Jede Minute Schlaf zählt

Dass sich der Biorhythmus mit dem Beginn der Pubertät ändert, ist unter Experten unumstritten. Zahlreiche Studien belegen, dass Jugendliche leistungsfähiger sind, wenn sie nicht zu unchristlichen Zeiten aus dem Bett gejagt und mit den Anforderungen des Alltags konfrontiert werden. Wenn Jugendliche früher ins Bett gehen, nützt das gemäss diesen Studien wenig: Der Schlaf-Wach-Rhythmus Pubertierender ist so eingestellt, dass sie vor 23 Uhr kaum einschlafen können und erst nach 9 Uhr morgens so richtig wach werden.

Forscher bringen den jugendlichen Biorhythmus in Zusammenhang mit der Melatonin-Produktion. Bei Jugendlichen erreiche das Schlafhormon seine höchste Konzentration erst zwei Stunden später als bei Kindern, heisst es in Studien aus den USA. Gemäss einer Untersuchung der Universität Basel sorgt bereits ein 20 Minuten später beginnender Unterricht für ein Mehr an Konzentration und Aufmerksamkeit.

Nachdem der Unterricht an einem Basler Schulstandort um 20 Minuten verschoben worden war, befragten die Forscher mehr als 2700 Jugendliche nach ihrem morgendlichen Befinden. «Wir waren selbst überrascht, dass schon 15 Minuten mehr Schlaf für die Jugendlichen einen messbaren Unterschied brachten», sagt Sakari Lemola von der psychologischen Fakultät der Universität Basel. Auch für Christian Cajochen, Leiter der Abteilung Chronobiologie der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel, ist klar: «Für Jugendliche zählt morgens jede Minute, die sie länger schlafen können.»

Konflikte mit Vereinen

Büchi, Burlet und Sieber haben den Kantonsrat schon vor zwei Jahren gebeten, eine Verschiebung des Schulbeginns zu prüfen. Die Bildungsdirektion machte damals vor allem geltend, dass sich mit einem späterer Schulbeginn zwangsläufig der Schulunterricht in den Abend hinein verlängere. Dies führe im Hinblick auf die Nutzung der Schulturnhallen zu Konflikten mit Sportvereinen, bei den Berufsfachschulen zu Konflikten mit abendlichen Weiterbildungsangeboten.

Der Zürcher Lehrerverband ist aus ähnlichen Gründen gegen einen späteren Unterrichtsbeginn. ZLV-Präsidentin Lilo Lätzsch findet die Idee «auf den ersten Blick zwar bestechend», hält sie aber für nicht realisierbar, weil sich der Unterricht zu stark in den Abend hineinziehen würde. «Und dann sind die Schüler wieder im Pendlerverkehr.» Auch für Lätzsch ist klar, «dass ein späterer Schulbeginn der Leistungskurve der Schüler besser entspricht». Für die ZLV-Präsidentin stellt sich damit die Frage, ob die im internationalen Vergleich sehr langen Schweizer Unterrichtszeiten überhaupt sinnvoll sind.

Der Regierungsrat räumt zwar ein, dass sich beim ÖV durch einen späteren Schulbeginn «die Nachfragespitze am Morgen abflachen dürfte und eine Verbesserung des Fahrkomforts für die Berufspendler erwartet werden könnte». Betriebliche Einsparungen beim ZVV seien jedoch kaum zu erwarten. Die Verkehrsbetriebe wollten sich auch im Hinblick auf die aktuelle Anfrage nicht aus dem Fenster lehnen. Bei ZVV und VBZ verspricht man sich von einem späteren Schulbeginn «eine gewisse Entflechtung zur Stosszeit». Bei den SBB hiess es in einer schriftlichen Stellungnahme, man «begrüsse Anstrengungen sehr, welche die Hauptverkehrszeit entlasten».

Erstellt: 10.10.2013, 08:21 Uhr

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