Spitzenküchen in Männerhand

Der Frauenanteil unter den besten Köchen Zürichs ist verschwindend klein. Die Gründe liegen zwar auf der Hand, doch niemand unternimmt etwas dagegen.

In einer Männerwelt zu Hause: Spitzenköchin Francoise Wicki mit zwei Kellnern im Restaurant Helvetia in Zürich. Foto: Nicola Pitaro

In einer Männerwelt zu Hause: Spitzenköchin Francoise Wicki mit zwei Kellnern im Restaurant Helvetia in Zürich. Foto: Nicola Pitaro

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Insgesamt 15 Zürcher Restaurants sind in der neuen Ausgabe des Gastroführers «Gault Millau» mit 16 oder mehr Punkten ausgezeichnet worden. Sie gehören damit zur gastronomischen Spitzenklasse. Unter den Küchenchefs dieser Lokale befinden sich ausschliesslich Männer. Auch wenn alle Gasthäuser, die in der Schweizer Ausgabe des «Gault Millau» erwähnt sind, in die Rechnung einfliessen, bleibt der Frauenanteil verschwindend gering.

Am fehlenden Interesse für den Beruf des Kochs liegt es nicht, wie eine Anfrage beim Verband Gastro Suisse zeigt. Von den gut 5000 Lernenden, die sich 2013 in einer Berufslehre als Koch befanden, seien gut ein Drittel Frauen gewesen, sagt Daniel Jung, Leiter Berufsbildung und Dienstleistungen.

Mit 30 hören viele Frauen auf

Doch das Geschlechterverhältnis kippe einige Jahre nach dem Lehrabschluss: «Junge Männer bleiben eher im gelernten Beruf und lassen sich möglicherweise zum Chefkoch weiterbilden. Frauen wechseln dagegen häufig in verwandte Branchen.» Eine typische Laufbahn einer jungen Köchin sei beispielsweise eine Zusatzausbildung an einer Hotelfachschule mit anschliessender Karriere im Gastronomie-Management.

«Mit 30 steigen viele Köchinnen aus dem Beruf aus», sagt Urs Heller, Herausgeber des «Gault Millau». Die Gründe lägen auf der Hand, sagt er. Koch sei ein sehr zeitintensiver Beruf und nur schwer mit einer Familie in Einklang zu bringen: «Als Küchenchefin eines Spitzenrestaurants ist es kaum möglich, ein Kind zu haben.» Im internationalen Vergleich seien aber Frauen in Führungspositionen in Schweizer Gastrobetrieben noch gut vertreten, merkt er an.

Familienfreundlichere Arbeitsbedingungen möglich

Eine der Frauen, die sich bewusst für eine Karriere als Köchin und gegen eine Familie entschieden haben, ist Françoise Wicki, Küchenchefin im Restaurant Helvetia in Zürich. Sie ist eine der wenigen Frauen, die es in den Gastroführer «Gault Millau» geschafft haben. «Meine Leidenschaft für den Beruf war am Ende grösser als der Kinderwunsch», sagt Wicki.

Eine Möglichkeit, Kinder und eine Tätigkeit als Küchenchefin unter einen Hut zu bringen, sieht sie höchstens in einem Familienbetrieb, «oder wenn der Partner den Haushalt schmeisst und sich um die Kinder kümmert».

Alle Welt spricht davon, Führungspositionen durch eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Frauen attraktiver zu machen. Doch in der Gastronomie scheint diese Forderung noch nicht angekommen. «Man muss die Situation akzeptieren, wie sie ist», sagt Spitzenköchin Wicki.

Dabei sieht sie durchaus Potenzial, den Beruf familienfreundlicher zu machen. Ein Job-Sharing unter Küchenchefs sei vorstellbar, sagt sie. Auch könnten mehr Aufgaben an die Sous-Chefs delegiert werden. Praktiziert würden beide Szenarien bisher jedoch nur selten.

Erstellt: 07.10.2014, 14:53 Uhr

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