Spritztour ins Verderben

Jugendliche machen sich einen Spass daraus, Autos zu entwenden. Was ein Blick in die Statistik über sie verrät.

Spritzfahrten? Den Begriff hört Patrik Killer gar nicht gerne. Video: Lea Koch

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«Die vorzuführende Person wird eines Verbrechens oder Vergehens dringend verdächtigt, und es ist Verdunkelungsgefahr zu vermuten.» Bei der Person, welche die Polizei laut Vorführungsbefehl vorläufig festnehmen soll, handelt es sich um den 16-jährigen Andreas (Name geändert). Im Befehl der Jugendanwaltschaft der Stadt Zürich steht auch: «Die ausführenden Polizeibeamten werden ausdrücklich ermächtigt, wenn nötig Gewalt anzuwenden.»

Andreas weiss von alldem nichts. Er wird aus allen Wolken fallen, wenn ihn die Beamten morgens um 6.30 Uhr abholen und für zwei Tage in U-Haft stecken. Tatvorwurf, unter anderem: Entwendung eines Motorfahrzeuges zum Gebrauch. Nicht zum ersten Mal waren Jugendliche in den Besitz eines Autoschlüssels gelangt und hatten aus einer privaten Sammelgarage ein Auto vor­übergehend entwendet – einen Fahrzeugtyp, der selten auf den Strassen zu sehen ist, weil er in eine Preisklasse gehört, die sich nur wenige leisten können.

Knapp drei Stunden nach seiner Verhaftung bestreitet Andreas gegenüber Jugendanwalt Patrick Killer, an dieser Entwendung zum Gebrauch beteiligt ­gewesen zu sein. Er bestreitet aber nicht, im Auto gesessen zu haben. «Es gab einen Anruf von meinem Kollegen, dass er halt ein Auto hat und mich gerne abholen würde, um damit herumzufahren. Dann bin ich mitgegangen», erklärt er Killer, der nicht nur den Fall Andreas leitet, sondern auch der Jugendanwaltschaft Zürich-Stadt vorsteht. Erst am zweiten Tag, sagt Andreas, habe er seinen gleichaltrigen Kollegen gefragt, woher er die Karre habe. «Er sagte dann: Frag besser nicht.» Trotzdem stieg er wieder ein.

Freiheitsstrafe bis drei Jahre

Der 16-Jährige wollte aber nicht nur mitfahren. «Ich habe mir gedacht, man habe nicht immer die Chance, einen so teuren Chlapf zu fahren.» Sein Kollege habe das Fahrzeug sogar behalten wollen. «Der ist halt so, wenn er etwas Geiles hat, will er es nicht mehr zurückgeben.» Andreas hat das Auto also auch gelenkt? «Ja, wenig. Man kann aber auch Nein sagen, es war fast nichts, vielleicht plus/minus 100 Meter.» Jedenfalls auf einer nicht öffentlichen Strasse und nur dort, «wo kein Verkehr ist». Ein Jahr später wird der 16-Jährige plötzlich behaupten, er sei überhaupt nie gefahren. Er habe das damals nur gesagt, um nicht in U-Haft gesteckt zu werden.

Sein Widerruf ist nahezu wertlos. Denn wegen Entwendung eines Fahrzeuges zum Gebrauch macht sich nicht nur derjenige strafbar, der das Fahrzeug entwendet hat oder bei der Entwendung dabei war. Bestraft wird auch derjenige, der in einem solchen Fahrzeug mitfährt, sofern er bei Antritt der Fahrt weiss, dass das Fahrzeug entwendet worden ist. Das Strassenverkehrsgesetz sieht für solche Spritzfahrten eine Freiheitsstrafe bis maximal drei Jahre vor.

Spritzfahrten? Den Begriff hört Patrik Killer gar nicht gerne. «Spritzfahrt klingt verharmlosend. Das ist sie aber nicht, sie ist gefährlich.» Die Fahrten würden auch unbeteiligte Dritte gefährden. «Das Problem ist, dass ein Jugendlicher nicht ordentlich gelernt hat, Auto zu fahren. Er kann deshalb in gefährliche Situationen geraten, weil er die Kontrolle über das Fahrzeug verlieren kann.»

Andreas, der natürlich auch als Mitfahrer gefährdet war, hatte sich das ­offensichtlich kaum überlegt. Auf die Frage des Jugendanwalts, warum er bei einem 16-Jährigen ins Auto gestiegen sei, meint er: «Gute Frage. Ich kenne den Kollegen ja schon lange. Ich hatte keine Angst, dass er einen Unfall machen würde.» Denn der «Plan» war ja auch ein anderer: Fahrzeug nehmen, korrekt fahren und mit dem Auto vor den Kollegen bluffen – etwa dadurch, dass man auf einem Parkplatz das Auto mit quietschenden Reifen «driften» lässt – und für so viel Aufsehen sorgt, dass die Polizei darauf aufmerksam wird und den Jugendlichen nur die Flucht zu Fuss bleibt.

85 Verurteilungen im Jahr 2016

Andreas ist kein Einzelfall. Im vergangenen Jahr wurden im Kanton Zürich 85 Jugendliche wegen Entwendung eines Motorfahrzeuges zum Gebrauch verurteilt. Das geht aus einer Statistik hervor, welche die Oberjugendanwaltschaft exklusiv für den TA zusammengestellt hat. 63 Jugendliche hatten ein Auto entwendet, 22 ein Motorrad. 93 Prozent der Verurteilten waren männlich, das Durchschnittsalter betrug 15,2 Jahre.

Von den 63 Verurteilten hatten 28 das Auto selber entwendet, 28 waren bloss mitgefahren, und in 7 Fällen gelang es dem Täter nicht, das Auto zu starten. Knapp 50 Prozent der Fahrten fanden in der Nacht zwischen 22 Uhr und 6 Uhr statt, 8 Prozent zwischen 6 Uhr und 12 Uhr, 14 Prozent zwischen 12 Uhr und 17 Uhr und gut 20 Prozent zwischen 17 Uhr und 22 Uhr. 6 Prozent der Täter waren erst 13 Jahre alt.

Dreiste Lügen, keine Reue

Andreas muss mehrmals bei Patrik Killer antraben. Die Befragungen von mitbeteiligten Jugendlichen ergeben immer wieder neue Verdachts- und Anhaltspunkte, die es notwendig machen, beim 16-Jährigen erneut auf den Busch zu klopfen. In einer später verfassten Kurzeinschätzung über Andreas ist die Rede davon, dass er im Laufe der Untersuchung durch «dreistes Lügen, Salamitaktik und keinerlei Reue» aufgefallen sei. Bei Killer zeichnet seine Mutter das Bild eines vorbildlichen Sohnes.

Auch dank der Aussagen der Mitbeteiligten kann der KV-Lehrling verurteilt werden – unter anderem wegen mehrfacher Entwendung zum Gebrauch, mehrfachen Hausfriedensbruchs, mehrfacher Sachbeschädigung. Innerhalb von zwei Monaten hatten er und seine Kumpane viermal ein Auto entwendet, damit eine unbekannte Anzahl von Kilometern zurückgelegt und die Fahrzeuge teils mit frischen Schäden stehen lassen.

Doch das ist nicht alles. Einige Monate nach der Autogeschichte, noch während die Strafuntersuchung lief, knackten Andreas und sein bester Freund viermal den gleichen Getränkeautomaten und erbeuteten 1200 Franken. Dabei hatte er dem Vater nach den Autogeschichten doch fest versprochen, dass nichts mehr vorkommen werde. Wofür er das Geld brauchte, ist den Eltern ein Rätsel. Und Andreas schweigt.

Hohe Kosten

Die bedingte Freiheitsstrafe von 75 Tagen ist für die im Jugendstrafrecht geltenden Grundsätze ein deutliches Zeichen der Missbilligung. Durch die zweijährige Probezeit wird er von einem ­Sozialarbeiter begleitet. Die relativ kurze kriminelle Episode hat auch grössere finanzielle Konsequenzen. Er wurde solidarisch verpflichtet, für Kosten von über 9400 Franken zu haften. Noch weit grösseren Schaden können die Betroffenen gegen Andreas auf dem Weg des Zivilprozesses einfordern. Es geht um über 36'000 Franken.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.09.2017, 19:23 Uhr

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