Stadt hat sich beim Strichplatz verrechnet

Die Prostituierten klagen über gesunkene Einnahmen, und die Sexboxen kosten viel mehr als bei der Abstimmung versprochen. Trotzdem spricht die Stadt von einem Erfolg – und legt interessante Zahlen vor.

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Exakt vor einem Jahr ist der Strassenstrich am Zürcher Sihlquai geschlossen und der schweizweit erste Strichplatz mit Sexboxen am Depotweg eröffnet worden. Zum Geburtstag legt die Stadt ihre mittlerweile dritte Bilanz vor. Der Strassenstrich sei «stadtverträglich» und die Arbeitsbedingungen für die Sexworkerinnen menschenwürdig. Es zeigten sich weder Nachwehen am Sihlquai noch Verlagerungen in andere Strassenstrichzonen, teilt die Stadt mit.

Für das zuständige Sozialdepartement seien die angestrebten Ziele erreicht worden. Die Auswirkungen des Strassenstrichs auf die Bevölkerung hätten verringert und die Arbeitsbedingungen für die Sexworkerinnen verbessert werden können. Ob das Letztere ebenso einschätzen, ist offen, denn die Frauen verdienten weniger als am Sihlquai.

Heutiger Spitzenwert war am Sihlquai Alltag

Der geringere Verdienst erkläre sich laut der Stadt aus der Trennung von Strassenstrich und Ausgangsszene. Gerade diese Vermischung hatte am Sihlquai, das sich in der Nähe der Langstrasse befindet, jedoch zu unhaltbaren Zuständen geführt.

Um auf den Strich gehen zu dürfen, müssen die Frauen jeden Abend ein Ticket lösen. Anhand der Ticketzahlen hat die Stadt erhoben, wie viele Prostituierte am Sihlquai und wie viele in den Sexboxen arbeiteten.

Die Unterschiede sind markant: Zwischen Escher-Wyss-Platz und der Kornhausbrücke arbeiteten durchschnittlich 32 Prostituierte. Das entspricht exakt dem Spitzenwert auf dem Strichplatz. Durchschnittlich sind es dort 15 Frauen. Mindestens einmal war nur eine einzige Frau auf dem Platz. Demgegenüber waren es am Sihlquai zwischen 5 und 47.

Jeden Tag Frauen im Niederdorf

Zahlen über die Brunau liegen nicht vor, jedoch über das Niederdorf. Dort hat sich die Situation nicht wesentlich verändert. Vor und nach der Schliessung des Strichs am Sihlquai arbeiteten durchschnittlich 17 Frauen im Sexgewerbe auf der Strasse. Zu Spitzenzeiten waren es 33 beziehungsweise 31.

Der grösste Unterschied zeigt sich beim tiefsten Wert. Während der Sihlquai-Zeit kam es auch mal vor, dass keine Prostituierte im Niederdorf auf der Strasse stand. Danach warben immer mindestens sechs Frauen um Freier. Diese werden von der Stadt nicht gezählt. Auch über den zusätzlichen Autoverkehr wird keine Statistik geführt.

Folgekosten um über 50 Prozent höher

Markante Veränderungen gibt es bei den Kosten. In der Abstimmungszeitung vom März 2012 ging die Stadt von jährlichen Folgekosten von rund 550'000 Franken aus. Der aktuelle Betriebsaufwand liegt nun jedoch um gut 280'000 Franken höher. Das sind mehr als 50 Prozent. Grund für den Mehraufwand sind höhere Sicherheitskosten.

Um die notwendige Sicherheit auf dem Platz für die dort arbeitenden Frauen sowie für das Quartier zu gewährleisten, werde die vom Sozialdepartement betriebene Einrichtung – entgegen den ursprünglichen Annahmen – durchgängig betreut, heisst es in der Mitteilung. Sobald eine durchgängige Betreuung nicht mehr notwendig sein sollte, würden entsprechende Anpassungen vorgenommen.

Der Strichplatz ist lediglich ein Bestandteil eines Massnahmenpakets im Zusammenhang mit der Prostitution in der Stadt Zürich. Die Strassenprostitution macht weniger als zehn Prozent des Sexgewerbes aus. (ep/sda)

Erstellt: 26.08.2014, 09:52 Uhr

Die Statistik zur Strassenprostitution

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