Stadtpräsident lästert über Aargauer

Der Dietiker Roger Bachmann (SVP) kritisiert die Belastung durch Pendler – und will Autofahrer vergraulen.

Stadtpräsident Roger Bachmann vor der Bremgarten-Dietikon-Bahn, die oft gefährliche Verkehrssituationen verursacht. Foto: Doris Fanconi

Stadtpräsident Roger Bachmann vor der Bremgarten-Dietikon-Bahn, die oft gefährliche Verkehrssituationen verursacht. Foto: Doris Fanconi

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Was sich der neue Dietiker Stadtpräsident an einem seiner ersten Arbeitstage traut, ist bemerkenswert. Roger Bachmann (47) begrüsst am Bahnhof eine Schar Journalisten und Politiker. Da unterbricht die quietschend einfahrende Bremgarten-Dietikon-Bahn seine Rede. «Zum Bähnli», sagt Bachmann, kaum hört man ihn wieder, «haben wir in Dietikon ein gespaltenes Verhältnis – es bringt vor allem Aargauer nach Zürich.»

Bachmann redet sich in Fahrt und kommt auf das Park and Rail der SBB neben dem Bahnhof zu sprechen. «Auch hier parkieren vor allem Aargauer.» Tatsächlich steht ein Auto mit AG-Nummernschild neben dem anderen – acht Franken kostet der 24-Stunden-Tarif. In einem Stadtzürcher Parkhaus kostet ein Tag mehr als fünfmal mehr. «Diese Parkplätze an bester Lage nützen der Stadt Dietikon und unserem Gewerbe nichts», sagt Bachmann später. Die Aargauer pendelten mit der S-Bahn nach Zürich zur Arbeit. Und statt im Zentrum Dietikon einzukaufen, würden die Aargauer – und Zürcher – mit dem Auto in die Ikea, ins Tivoli oder ins Shoppingcenter fahren – direkt ennet der Kantonsgrenze auf Aargauer Gebiet.

Was Bachmann vor den Sommerferien am Bahnhof Dietikon gesagt hat, ist politisch schon fast unkorrekt. Die einst als «Weisssocken» und «Agglos» verspotteten Aargauer zu kritisieren, geziemt sich heute nicht mehr, vor allem nicht für einen frisch gewählten Dietiker Stadtpräsidenten. Die Aargauer sind längst assimiliert, tragen schwarze Socken und sprechen Zürcher Dialekt. Ohne Aargauer würde der Wirtschaftsmotor Zürich stottern.

Dietikon erstickt fast an den Pendlern

«Die Kantonsgrenzen sind heute nicht mehr so wichtig», sagte Bachmanns Vorgänger Otto Müller (FDP). Und Spreitenbachs Gemeindepräsident Valentin Schmid (FDP) meinte kürzlich: «Geht es dem Limmattal gut, geht es allen Limmattalern gut.» CVP-Kantonsrat Josef Wiederkehr als Präsident des Industrie- und Handelsvereins attestiert Bachmann hingegen, «den Finger auf einen wunden Punkt gelegt zu haben».

Die ehemalige Kantonsratspräsidentin Brigitta Johner (FDP) aus Urdorf präsidiert die überkantonale Projektgruppe Regionale 2015, in der alle Gemeinden zwischen Zürich und Baden vertreten sind. Sie sagt: «Die Zeit der Vorurteile gegenüber den Aargauern ist vorbei.» Statt alte Klischees zu pflegen, müssten alle Bewohner des Limmattals «unseren gemeinsamen Lebensraum als Ganzes und ohne Scheuklappen pflegen und gemeinsam vorwärtsbringen».

Ist der jugendlich und frisch wirkende Roger Bachmann ein Hardcore-SVPler jener Sorte, für die selbst Aargauer fremde Fötzel sind? «Kein bisschen», sagt er ruhig und überlegt. «Im Gegenteil, ich arbeite mit den Aargauer Nachbargemeinden Bergdietikon und Spreitenbach ausgezeichnet zusammen.» Dass Dietikon durch den Verkehr und die grossen Pendlerströme bisweilen fast ersticke, sei «kein Zürich-Aargau-Problem», sondern habe mit Wachstum und Mobilität zu tun. Zurzeit engagiert sich Bachmann für die grenzüberschreitende Limmattalbahn.


Video: Pendlerchaos in der Pariser Metro


Dass viele Dietiker eine kritische Haltung zur Bremgarten-Dietikon-Bahn haben, hat nicht nur mit den zuströmenden Aargauern zu tun. Das Bähnli verkehrt wie ein Tram mitten auf der Bremgartnerstrasse und wechselt gar die Strassenseite – gefährlich, gefährlich. «Wie fast jeder Dietiker Schüler bin ich schon mit dem Velo in die Schienen geraten und auf die Nase geflogen», sagt Bachmann. Und jeder Anwohner kam mit dem Auto schon in heikle Situationen. Deshalb geistert in der Stadt die Vision herum, das Bahntrassee zwischen Reppischhof und Bahnhof unterirdisch zu führen oder – realistischer – zumindest vom Strassenverkehr zu entflechten und bis 2025 doppelspurig zu führen.

Was die Dietiker zusätzlich wurmt: Seit fünf Jahren ist die Stadt nicht mehr im Verwaltungsrat der Bremgarten-Dietikon-Bahn vertreten, die nun zur Aargau Verkehr AG (AVA) gehört. 45 Prozent der Aktien sind im Besitz des Kantons Aargau, 2 Prozent gehören dem Kanton Zürich.

Die neue Bahn würde besser Limmattaltram heissen

Die negative Haltung zum Aargauer Bähnli war auch ein Grund, dass 64 Prozent der Dietiker – umgekehrt proportional zum Kanton – Nein zur Limmattalbahn gestimmt haben. «Würde es Limmattaltram heissen, wäre die Gegnerschaft kleiner», glaubt Roger Bachmann. Pikant: Die Bremgarten-Dietikon-Bahn hat die Ausschreibung zum Betrieb der Limmattalbahn gewonnen. Bachmann ist kein ÖV-Bremser, wie andere in der SVP, sondern befürwortet die Limmattalbahn. Und sagt: «Wenn wir schon von Pendlern überflutet werden, dann lieber von Bahn- statt von Autopendlern aus dem Aargau.»

Die Autopendler sind denn auch das grössere Problem für Dietikon als das «Bähnli». Die Stadt musste blaue Zonen einführen, damit die Aargauer nicht auch noch alle Parkplätze in den Quartieren belegten. Zudem sind morgens und abends fast regelmässig die Autobahnanschlüsse in Dietikon, Urdorf und beim Limmattaler Kreuz verstopft – zum Ärger der Einheimischen.

«Wenn die Aargauer wenigstens bei uns einkaufen würden.»

Die von Aargauern gefluteten Park-and-Rail-Plätze lassen Bachmann Ideen generieren, wie sie von linken Zürcher Politikern stammen könnten: Autofahrer vergraulen, Parkplatzgebühren erhöhen. Dietikon nämlich stellt den Pendlern aus dem Aargau jene Parkplätze und Zufahrtsachsen zur Verfügung, die Zürich abbaut. Das Parkieren direkt am Bahnhof sei zu billig und zu einfach, sagt Bachmann. «Wenn die Aargauer wenigstens bei uns einkaufen würden.»

Dietikon und Einkaufen: Da spielt eine andere Verletzung mit, die Bachmann vor 13 Jahren als junger Gemeinderat erlebte. Ikea entschied sich damals für einen Neubau in Spreitenbach statt in Dietikon. Die Aargauer Behörden seien «schneller und flexibler» gewesen, die Zürcher Wirtschaftsförderung habe versagt, kritisierte die SVP 2006 im Zürcher Kantonsrat.

Beim Gubrist war der Aargau Zürich 20 Jahre voraus

Als weiteres Beispiel, dass sich die Aargauer Politik «cleverer verhält», so Bachmann, sei der Autobahnbau. «Beim Ausbau des Bareggtunnels ist uns der Aargau im Vergleich zum Gubrist 20 Jahre voraus.» Die Aargauer Delegation in Bundesbern sei geschlossener. Nationalrat Hans Egloff (SVP) aus Aesch begründet dies so: «Die Zürcher politisieren mit härteren Bandagen, links und rechts neutralisieren sich. Die Aargauer raufen sich zusammen und geben Vollgas, wenn es um Infrastrukturprojekte geht.»

«Im Kanton Zürich glauben noch viele, Dietikon gehöre zum Kanton Aargau», sagt Bachmann. Nun sei die Zeit reif für ein grösseres Selbstbewusstsein. Dietikon habe heute viele sozial schwache Bewohner und Bewohnerinnen, die nur wenig Steuerkraft generierten und das Sozialsystem belasteten.

Die Ursache für die Bevölkerungsstruktur seiner Stadt sieht Bachmann in der umfangreichen alten Bausubstanz. Da biete die Limmattalbahn Chancen. Entlang der neuen Bahn erlaubten Gestaltungspläne eine höhere Ausnützung mit Ersatzbauten, die wiederum zahlungskräftigere neue Einwohner anlocken würden.

Ausserdem will Dietikon das Niderfeld erschliessen, die letzte grosse Siedlungsreserve. Es soll etwa 3000 Menschen Wohnraum und 4000 Arbeitsplätze bieten. Mit einer Seilbahn oder einer Metro – so ein kühnes Projekt – könnte das Niderfeld mit dem Arbeitsplatzgebiet Silbern mit seiner neuen S-Bahn-Station auf der südlichen Seite der Bahnlinie verbunden werden.

Erstellt: 13.08.2018, 23:27 Uhr

30'000 Pendler pro Tag und Autobahnen in alle Richtungen

Die Lage Dietikons ist speziell: Die Stadt ist der einzige grosse Zürcher Verkehrsknoten an der Kantonsgrenze: 23'300 Passagiere zählen die SBB pro Werktag in Dietikon, 3900 in Glanzenberg. 6500 zusätzliche Pendler kommen oder gehen mit der Bremgarten-Dietikon-Bahn. Die meisten fahren nach Zürich zur Arbeit oder an Uni und ETH. Limmattalintern pendeln 4300 Aargauer aus dem Bezirk Baden in den Bezirk Dietikon, in umgekehrte Richtung sind es 1900. Noch viel mehr brausen in Dietikon bloss vorbei: Auf der meistbefahrenen Bahnstrecke der Schweiz zwischen Zürich, Bern und Basel sowie auf der Autobahn mit dem Limmattaler Kreuz und mehreren Ein- und Ausfahrten in alle vier Himmelsrichtungen. Und am Stadtrand beim Arbeitsplatzgebiet Silbern (Coop, Mediamarkt) liegt der Rangierbahnhof Limmattal. (rba)

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