Ständige Wechsel sind verheerend

Seit der tragischen Tat von Flaach ist die Frage unbeantwortet, warum die zwei Kinder weder zu den Grosseltern noch definitiv zurück zur Mutter durften. Die Akten lassen Antworten erahnen.

Die Spielsachen sind noch da: In diesem Gebäude in Flaach wohnte die Familie der Kinder. Foto: Michele Liminia

Die Spielsachen sind noch da: In diesem Gebäude in Flaach wohnte die Familie der Kinder. Foto: Michele Liminia

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Im Fall Flaach werden immer mehr Details bekannt, aber zwei grosse Fragen stehen nach wie vor unbeantwortet im Raum: Warum brachten die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb) die beiden Kinder nicht bei den Grosseltern unter? Und warum durften die Kinder am 19. Dezember, anders als der Mutter und den Grosseltern in Aussicht gestellt, nicht definitiv heim?

Eine Antwort auf diese Fragen kann die Kesb auch heute nicht geben – aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes ­aller Beteiligter. Generelle Aussagen und Tagesanzeiger.ch/Newsnet vorliegende Akten lassen aber Vermutungen zu, weshalb die Kesb so entschieden haben könnte.

Umfeld ist die erste Wahl

Ruedi Winet, Präsident der Zürcher Kesb-Vereinigung, stellt sich entschieden gegen die Kritik, die Schutzbehörde verletze systematisch das gesetzlich ­vorgeschriebene Subsidiaritätsprinzip, wonach immer zuerst nach einer Pflegemöglichkeit im Umfeld der Kinder gesucht werden muss: «Das Subsidiaritätsprinzip gilt selbstverständlich.» Das bestätigen auch andere Fachleute. Kinder würden nur dann in Heimen oder Pflegefamilien platziert, wenn dies absolut notwendig sei – aus menschlichen, aber auch aus praktischen Gründen. Denn die meisten Kinderheime sind notorisch überlastet.

Im Fall Flaach hatte die Behörde aber zumindest anfangs keine Wahl: Die Polizei plante eine Verhaftung beider Eltern. Die Kesb musste deshalb im Voraus eine Unterbringung der Kinder sicherstellen. Dass dafür die Grosseltern nicht in Frage kamen, liegt auf der Hand – man konnte sie ja nicht über die vorgesehene Verhaftung informieren. Die Kesb konnte auch nicht einfach den Tag der Verhaftung ­abwarten. Zu gross wäre das Risiko gewesen, dann ohne Platz für den Fünfjährigen und seine zweijährige Schwester dazustehen. Die Behörden wussten ja nicht, ob Verwandte die Kinder hätten aufnehmen können.

Zur Frage, warum die Kinder nicht später zu den Grosseltern durften, kann Winet nichts sagen. Ganz generell nennt er verschiedene mögliche Gründe, weshalb Behörden Kinder nicht bei Verwandten unterbringen. Am häufigsten seien familiäre Spannungen: «Wir erleben recht häufig, dass nicht alle Beteiligten einer solchen Lösung zustimmen.» Andere Gründe können spezielle Betreuungsbedürfnisse der Kinder sein oder auffälliges Verhalten. Eine Rolle könne auch die Bereitschaft der Gross­eltern zur Zusammenarbeit mit den ­Behörden spielen oder Tendenzen der Grosseltern, den Kindern Angst vor dem Heim einzuflössen.

Das Protokoll eines Gesprächs zwischen der Mutter, den Grosseltern, dem Beistand der Kinder, der Bezugsperson der Kinder im Heim und der Heimleiterin vom 10. Dezember lässt erahnen, dass dies ein heikler Punkt gewesen sein könnte: So hatten die Grosseltern grosse Vorbehalte gegen das Kinderheim, wollten diese aber nicht deutlich zur Sprache bringen, weil sie «Repressalien des Heims an den Kindern» befürchteten.

Kontinuität ist das Wichtigste

Warum aber durften die Kinder nicht ­definitiv heim, nachdem die Mutter aus der Haft entlassen worden war? Das ­Gesprächsprotokoll vom 10.Dezember zeigt: Beistand und Heim gingen von ­einem Austritt per 19.Dezember aus, ­sofern die Mutter «gewisse Auflagen» erfülle. Doch am 19.Dezember entschied die Behörde: Die Kinder müssten am 4.Januar zurück ins Heim. Gut möglich, dass die Kesb in jenen Tagen neue Fakten erfuhr. Gut möglich aber auch, dass sich Heim und Beistand mit ihrem Versprechen zu weit aus dem Fenster lehnten. Denn: Über einen Heimaustritt darf nur die Kesb entscheiden. Das müssten Beistand und Heimleitung wissen.

Wie aus Fachkreisen zu erfahren ist, wirft der Fall Flaach in diesem Punkt ein Licht auf einen Dauerkonflikt im Vormundschaftswesen, der schon zu Zeiten der alten Vormundschaftsbehörden bestand: Beistände, Begleiter, Heimleiter stellen Klienten ein Entgegenkommen in  Aussicht, manchmal bewusst, manchmal unbewusst. Wenn die Behörde dann anders als erwartet entscheidet, ist die Wut der Betroffenen gross.

Weshalb die Schutzbehörde im Fall Flaach gegen einen Heimaustritt entschieden hat, lässt sich aus den Akten nicht herauslesen. In Tagesanzeiger.ch/Newsnet von Dienstag sagte Rechtsprofessor Peter Breitschmid: «Offenbar sahen die Behörden die Feiertage als Testperiode an.» Im Fall Flaach war die Kinderschutzbehörde wohl in einer Zwickmühle: Wären die beiden Kinder vor Weihnachten aus dem Heim ausgetreten, wäre ihr Platz nachher wohl vergeben gewesen. Hätte es daheim nicht geklappt, hätte die Kesb im schlimmsten Fall einen neuen Heimplatz suchen müssen. Ruedi Winet sagt, Kontinuität sei gerade bei kleinen Kindern das Wichtigste: «Es soll verhindert werden, dass sie alle paar Wochen an einen anderen Ort müssen.» Denn das ist laut Fachleuten für kleine Kinder das Verheerendste.

Erstellt: 06.01.2015, 22:50 Uhr

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