Stiller Geltungsdrang

Romano Spadaro sass einem mutmasslichen Hochstapler auf und steht jetzt bei den Kloten Flyers mit 600'000 Franken in der Kreide. Beim Treffen wirkt er gelassen – oder doch nicht?

Opfer seiner Gutgläubigkeit? Romano Spadaro im Jahre 1997.

Opfer seiner Gutgläubigkeit? Romano Spadaro im Jahre 1997. Bild: Keystone

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Der Stoff seines Anzugs ist fein, doch die Augen im kantigen Gesicht wirken blass. Seine Grösse verleiht ihm städtische Eleganz, aber auf der Stirn bilden sich bald einmal Schweissperlen. Romano Spadaro hat die Lounge des Zürcher Restaurants Metropol als Treffpunkt vorgeschlagen. In dem Lokal an teurer Lage an der Limmat muss sich der 60-Jährige wie im eigenen Museum vorkommen: Hier treffen sich die Erfolgreichen und versprühen weltläufiges Flair.

So wie es einst Romano Spadaro tat, als er in den Neunzigern den Grasshopper-Club zweimal in die Champions League führte und mit dem Learjet an Auswärtsspiele reiste. Oder als er «Manager des Jahres 2004» von Iveco in München wurde. Der Kadermann des zur Fiat-Gruppe gehörenden Nutzfahrzeugherstellers nächtigte zeitweise im Vier Jahreszeiten, dem besten Hotel am Platz.Doch jetzt ist Romano Spadaro, Wirtschaftsmanager und ehemaliger GC-Präsident, pleite. Das Konkursamt Embrach hat gegen ihn und seine Einzelfirma ein Verfahren eröffnet, weil er dem Eishockeyklub Kloten Flyers 600'000 Franken schuldet und noch weitere Rechnungen offen sind. Zusammen mit dem Deutschen Volker Flick hatte er Flyers-Aktien in der Höhe von 1,2 Millionen Franken gezeichnet. Das Geld überwiesen die beiden nie.

Der falsche Flick

Die Sache flog auf, nachdem sich herausgestellt hatte, dass Volker Flick nicht derjenige war, als der er sich ausgab. Gegenüber Spadaro sagte Flick, er sei ein Erbe der gleichnamigen deutschen Milliardärsfamilie. Gegenüber Medien bestritt Flick nachher die Abstammung. Doch da war es für Spadaro bereits zu spät: Er hatte Flick bei den Kloten Flyers als Investor vorgestellt. Er hatte die Vereinbarung über die Aktienzeichnung mitunterschrieben, womit er solidarisch haftet. Und er war davon ausgegangen, dass Flick den gesamten Betrag bezahlen würde.

War Spadaro ein Opfer seiner Gutgläubigkeit? Mit freundlicher Sachlichkeit sagt er: «Herr Flick hat mir Bankbelege vorgelegt. Ich bin überzeugt, dass wir eine gute Lösung finden.» Flick wiederholt das, was er seit Monaten sagt: «Das Geld wird bald überwiesen.» Lediglich der Berater Spadaros, der während des gesamten Gesprächs neben ihm sitzt, spricht Klartext: «Spadaro ist ein Opfer von Flick.»Spadaro ist das passiert, was GC mit dem deutschen Volker Eckel widerfuhr, der sich als Abkömmling eines Scheichs vorstellte und 300 Millionen Franken versprach: Die angeblichen Investoren Eckel und Flick säten die Illusion, dass man Millionen (im Fall von GC) und Prestige (im Fall von Spadaro) ernten könne.

Der GC-Rausch

Im kleineren Massstab wollte Spadaro in Kloten das umsetzen, was er als Geschäftsführer der grossen Reinigungsfirma ISS geschafft hatte, womit er aber bei GC grandios gescheitert war: den Verein zu einem Multiservicebetrieb ausbauen. Im Rausch der Champions League hatte er beispielsweise ein GC-Reisebüro geplant, weil sich der Verein unter den Top 32 Europas etablieren würde und seine Fans darum regelmässig auf Reisen sein würden. Am Schluefweg in Kloten sollte mit dem Geld Flicks das Schwimmbad gekauft und als klubeigene Geschäftseinheit geführt werden. Auch das Catering im Stadion sollte vom Verein übernommen und geführt werden. Als Spadaro 1998 bei GC abtrat, war der Verein mit einem Betrag in zweistelliger Millionenhöhe verschuldet. In Kloten platzte die Blase viel früher.

«Spadaro weiss über den Sport nur oberflächlich Bescheid», sagt einer, der früher mit ihm bei GC zusammengearbeitet hatte. Seinen Namen will er nicht in der Zeitung lesen, weil es sich nicht gehört, «jemanden mit Fusstritten zu traktieren, der am Boden liegt». Romano Spadaro sei kein leidenschaftlicher Sportler, sondern einzig an seinem Image interessiert.

Der blinde Lord Nelson

Spadaro selber hört der Kritik interessiert zu. Manchmal öffnet er die Augen weit, ein anderes Mal lächelt er freundlich. Wenn er widerspricht, tut er das stets unaufgeregt. Spadaro redet von «unternehmerischem Risiko», ohne ein schlechtes Wort über Volker Flick zu verlieren. Schliesslich erklärt sein Berater, was darunter zu verstehen ist. Er erzählt eine Episode von Lord Nelson: Der englische Admiral hatte 1801 in der Schlacht vor Kopenhagen einen Entscheid wider jede Vernunft gefällt und so die dänische Flotte besiegt. Später begründete Nelson sein Vorgehen mit den Worten: «Ich war ja auf einem Auge blind.»

War auch Spadaro blind? Ein anderer enger ehemaliger Mitarbeiter bei GC sagt: «Spadaro ist ein Visionär. Doch die Grenze zum Fantasten ist fliessend.» Dass er Flick auf den Leim gekrochen sei, habe mit seinem Geltungsbedürfnis zu tun. «Spadaro strebte schon bei GC danach, etwas Grosses zu schaffen.» Mithilfe der Millionen Flicks wollte er sich in Kloten rehabilitieren.Der ehemalige Mitarbeiter beurteilt Spadaro trotzdem positiv. Er strahle «italienische Grandezza» aus, sei ein geselliger Mensch und ein angenehmer Chef. Die Funktionäre der Gastklubs in der Champions League habe er stets comme il faut behandelt: mit gut vorbereiteten Reden, angemessenen Geschenken und stilvollen Abendessen.

Der «Tschingg»

Das Geltungsbedürfnis sei mit seiner Biografie zu erklären. Spadaros Vorfahren wanderten vor 100 Jahren aus Sizilien in die Schweiz ein und bauten einen erfolgreichen Gemüsehandel auf. Trotzdem musste sich der junge Spadaro in der Schule anhören, er sei ein «Sautschingg». «So etwas sitzt tief», sagt der frühere GC-Mitarbeiter. Kein Diplom – Spadaro absolvierte die Kaderschmiede HSG – vermöge die Verletzung zu heilen.

Mit einer Mischung aus ehrlicher Irritation und gespielter Belustigung hört Spadaro, wie über ihn geredet wird. Dass es im Konkursverfahren um seine materielle Existenz geht: Davon zeugen nach aussen hin lediglich die Schweissperlen auf seiner Stirn. Genauso wie er bei Volker Flick zuversichtlich war, ist er auch jetzt guten Mutes. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.05.2011, 22:59 Uhr

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