Strassenbeleuchtung in Urdorf erkennt Auto

Die Zürcher Elektrizitätswerke gewinnen den Schweizer Energiepreis für eine intelligente Strassenbeleuchtung.

Mit einer Drohne gefilmt: Die Strassenbeleuchtung in Urdorf, die sich je nach Verkehrsaufkommen automatisch dimmt. (Video: EKZ/Tamedia)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Einen Bewegungsmelder aus dem Baumarkt und ein scharf aufblitzendes Licht hat fast jeder Hühnerstall. Damit lassen sich heute keine Forscherpreise mehr gewinnen. Die Elektrizitätswerke des Kantons Zürich (EKZ) haben ein sehr viel intelligenteres Lichtsystem entwickelt, mit dem sie heute Donnerstag einen der renommiertesten Technologie- und Energiepreise, den Watt d'Or des Bundesamts für Energie, abgeholt haben.

Die testweise in Urdorf installierte Strassenbeleuchtung lasse sich «fliessend und sanft» zum Wohle von Anwohnern und nächtlicher Tierwelt dem Verkehrsaufkommen anpassen und spare bis zu 70 Prozent Energie, schreibt das Bundesamt. «Verkehrsbeobachtende Beleuchtung» nennt sich das preisgekrönte Projekt.

Auslöser: Reklamierende Anwohner

Jörg Haller ist der Kopf hinter den 27 Strassenlaternen an der ein Kilometer langen Ortsdurchfahrt in Urdorf. Ingenieur Haller ist ein Tüftler, hat früher selbst LED-Leuchten entwickelt und leitet seit 2010 die Fachabteilung für öffentliche Beleuchtung und intelligente Infrastruktur der EKZ. Drei Ereignisse hats gebraucht, um die zumindest in Europa wohl einzigartige Lichtsteuerung zu entwickeln. Moderne LED-Leuchten, eine geänderte Bundesnorm und reklamierende Anwohner.

Seit 2009 rüsten die EKZ, aber auch die städtischen EWZ, die alten, orangefarbenen Quecksilber- und Natriumdampflampen auf LED um. Das spart viel Strom und ist die Voraussetzung, um die Leuchten zu dimmen. 2016 setzte der Bund eine neue Norm für Strassenbeleuchtung (SN EN 13201) in Kraft, die eine nächtliche Absenkung des Lichtniveaus abhängig vom Verkehrsfluss zulässt. Bisher war die öffentliche Beleuchtung auf statische Höchstwerte bei starkem Verkehr und sehr ungünstigen Lichtverhältnissen dimensioniert.

Schnelles Licht stört Anwohner

Die EKZ haben 2012 erste Tests mit intelligenten Steuerungen begonnen. 2014 haben die EKZ in Regensdorf und das EWZ in Affoltern das «vorauseilende Licht» getestet. Radarsensoren erkennen Fahrzeuge, worauf die Beleuchtung sofort von halber auf volle Leistung erhöht wird. Die Sensoren reagieren gar auf das Tempo des Fahrzeugs und können zwischen Auto, Velo und Fussgänger unterscheiden. Doch Ingenieur Jörg Haller bekam Reklamationen. Die unregelmässig hell aufleuchtenden LED-Lampen wurden von Anwohnern im Schlaf- und Wohnzimmer viel stärker wahrgenommen als die alten warm-organgen Lampen. Deshalb kam Haller auf die Idee für eine verkehrsbeobachtende Beleuchtung.

Die Birmensdorferstrasse in Urdorf ist bewohnt, gerade und hat keine Kreuzungen, ist also eine ideale Teststrecke. Grundidee: Die Leuchtkraft der Lampen wird durch die Verkehrsmenge sanft und mittelfristig gesteuert und nicht durch einzelne durchfahrende Autos kurzfristig und nervös. Optische Sensoren an den Kandelabern messen den Verkehrsfluss, ein zentraler Rechner bestimmt die optimale Lichtmenge und übermittelt die Befehle per Funk einzeln an jede der 27 Lampen. Die Beleuchtung wird fliessend und kaum wahrnehmbar zwischen 40 und 100 Prozent auf- und zurückgedimmt. Die Fussgängerstreifen werden getrennt von den übrigen Strassenabschnitten voll beleuchtet.

Vision: Auch Nässe erkennen

«Überall jederzeit optimales Licht» ist das hohe Ziel von Tüftler Jörg Haller. Velos und Fussgänger müssen erkannt werden, Autofahrer den Weg finden und Anwohner dürfen nicht gestört werden. Bei viel Verkehr beispielsweise muss die Beleuchtung stärker sein als zu verkehrsarmen Abendstunden, «um gegen das Gegenlicht und andere Störquellen anzukommen», wie es Haller formuliert. Diese Anforderung lässt den Forschern noch ganz andere Visionen offen. So könnten in Zukunft auch beleuchtete Schaufenster, Nebel, Regen und nasse Fahrbahnen in die Steuerung einfliessen.

Die Lichtsteuerung in Urdorf wird vom Computer aufgezeichnet und ermöglicht interessante Analysen. So strahlt die Urdorfer Beleuchtung zum Beispiel im Winter nur von 8 bis 9 Uhr morgens sowie von 16 bis 19 Uhr abends voll. Später, wenn der Pendlerverkehr abnimmt, wird sie stufenweise abgesenkt. Sobald der Verkehr auf der Autobahn staut, wird die Ortsdurchfahrt als Schleichweg benutzt – und die Beleuchtung sanft auf 100 Prozent erhöht. Im 24-Stunden-Schnitt konnte in Urdorf eine Energieeinsparung von 30 Prozent erzielt werden.

Der Kampf gegen Lichtverschmutzung

Als «grosse Frage der Zukunft» bezeichnet Jörg Haller die Bereitschaft der Industrie, die verkehrsbeobachtende Steuerung in Massenproduktion herzustellen. Denn 30 Prozent Energieeinsparung von ohnehin sehr sparsamen Lampen (runde 70 Watt), die tagsüber und von 1 bis 5 Uhr erst noch abgeschaltet werden, sind zu wenig, damit sich das mit viel Aufwand entwickelte System rein kaufmännisch rechnet.

Pro Jahr und Kandelaber können bloss ein paar Franken gespart werden. Massiv verbilligte Bauteile und vor allem auch das Ziel, den Nachthimmel vor Lichtverschmutzung zu schützen, sind die Voraussetzungen für den Durchbruch.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.01.2018, 10:13 Uhr

Artikel zum Thema

Aufruhr im EKZ-Land

Aus Spargründen kaufen Gemeinden Strassenbeleuchtungen direkt bei den Herstellern und lassen die kantonalen Elektrizitätswerke aus. Andere könnten nachziehen. Mehr...

Die Leuchte, die alles kann

Sie spendet Licht sowie Strom und bietet auch gleich WLAN an: Die Stadt Wädenswil weiht die erste multifunktionale Strassenbeleuchtung ein. Mehr...

Intelligente Strassenlampen sparen – und stören

Video Die grossen Zürcher Stromproduzenten steuern Strassenbeleuchtungen mit Sensoren. Damit reduzieren sie den Stromverbrauch, nerven aber auch Anwohner. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Bester Kaffee von zufriedenen Kaffeebauern

Nespresso und Fairtrade arbeiten zusammen, um die soziale und wirtschaftliche Situation der Kaffeebauern zu verbessern.

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Die Welt in Bildern

Kultur für Kleine: In Dresden öffnet die erste Kinderbiennale in Europa. Anders als sonst im Museum, kann und darf hier selbst gestaltet und mitgemacht werden. (21. September 2018)
(Bild: Sebastian Kahnert/dpa) Mehr...