Streit um Geister-S-Bahn

Pendler regen sich auf, dass eine S-Bahn zwischen Oerlikon und Wallisellen ohne Passagiere verkehrt. Was es mit den leeren Zügen auf sich hat.

Wohin fährt der Geisterzug? Video der «Schwarzfahrt» nach Wallisellen. Video: fotofisch/Youtube


Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Bahnhof Zürich-Oerlikon, an einem beliebigen Werktag, kurz vor 18 Uhr. Die Pendler drängen sich auf den Perrons, in den abfahrenden S-Bahnen wird um jeden Sitzplatz gekämpft. Ein Zug jedoch bleibt leer: die S 24, die kurz zuvor von Wipkingen her eingefahren ist. «Bitte nicht einsteigen» steht auf den Anzeigetafeln. Nach dem Halt fährt die S-Bahn jedoch nicht in ein Depot, sondern in Richtung Wallisellen.

Seit dem Fahrplanwechsel vom 15. Juni 2014 verkehrt die S 24 halbstündlich zwischen Zug und Oerlikon, vorher hatte sie nur die Strecke zwischen dem Hauptbahnhof und Horgen Oberdorf bedient. Ein Grund für die neue Linienführung: Ohne die S 24 hätte Wipkingen keinen Bahnanschluss mehr, denn die S 2, S 8 und S 14, die bis anhin über Wipkingen verkehrten, fahren neu durch den Weinbergtunnel.

«Weil es im Bahnhof Oerlikon aus betrieblichen Gründen nicht möglich ist, den Zug zu wenden, fährt die S 24 bis Wallisellen weiter», erklärt SBB-Mediensprecher Reto Schärli. Die Passagiere würden zuvor mit einer Durchsage aufgefordert, den Zug zu verlassen. Zudem werde das Licht ausgeschaltet. In Wallisellen warte er 7 Minuten und fahre dann zurück.

Halt in Wallisellen möglich?

«Eine leere S-Bahn zur Hauptverkehrszeit? Gehts eigentlich noch?» sagt Beni Weder, Präsident des Quartiervereins Wipkingen. «Die SBB haben den Auftrag, Personen zu transportieren, nicht mit leeren Zügen herumzurangieren!» Weder ist seit dem Fahrplanwechsel ohnehin nicht gut auf die SBB und den Zürcher Verkehrsverbund (ZVV) zu sprechen: «Wipkingen ist heute der am schlechtesten erschlossene Stadtbahnhof!» Er fordert, dass die Linie der S 24 bis Wallisellen verlängert wird. Zumindest als temporäre Lösung, denn ab Dezember 2015 wird die S 24 über den Flughafen nach Winterthur fahren. Die Wipkinger würden profitieren von der Möglichkeit, ohne Umsteigen nach Wallisellen zu fahren, ist Weder überzeugt.

Doch die SBB haben kein Gehör für Weders Anliegen. «Das tiefe Perron in Wallisellen ist nicht ausgebaut für reguläre Zugshalte. Es fehlen Perrondach und Beleuchtung, zudem ist es nicht behindertengerecht», sagt Mediensprecher Reto Schärli. Zwar gebe es in Wallisellen durchaus Bahnsteige, die den Vorschriften entsprächen, doch diese könnten nicht durch einen stehenden Zug blockiert werden.

«Nichts als Ausreden», entgegnet Weder. Um das Perron höher zu machen, genüge ein provisorischer Holzsteig. «So ein Ding haben wir in Wipkingen seit Jahren. Das ist in einer Woche montiert.» Licht brauche es auch nicht unbedingt: «Es reicht, wenn die S 24 bis zum Einbruch der Dunkelheit nach Wallisellen fährt.»

Nach Dietlikon oder in die Waschanlage?

Dass man den SBB nicht trauen kann, das beweist in Weders Augen ein Video, das kürzlich ein anonymer Leser auf der Website des Quartiervereins Wipkingen verlinkt hat. In dem Video ist zu sehen, wie der Mann in Wipkingen in die S 24 einsteigt, von Oerlikon im leeren Zug bis Wallisellen weiterfährt. Das Licht im Zug bleibt an, in Wallisellen kann der Mann problemlos aussteigen. Doch damit nicht genug: Die S 24 bleibt nicht in Wallisellen stehen, wie offiziell behauptet, sondern fährt weiter. Aber wohin? «Nach Dietlikon oder Dübendorf», vermutet Weder.

SBB-Mediensprecher Schärli hat eine andere Erklärung für die Weiterfahrt: «Es kann sein, dass genau jener Zug, den der Mann gefilmt hat, nach Winterthur in die Serviceanlage weitergefahren ist.» Wieso die Lichter im Zug nicht ausgeschaltet wurden, kann er nicht sagen. Natürlich wäre es möglich gewesen, das Perron in Wallisellen vorschriftsgemäss aufzurüsten, räumt Schärli ein: «Aber die Kosten würden in keinem Verhältnis zur Betriebsdauer von nur eineinhalb Jahren stehen.»

Weder ist hingegen überzeugt, dass nicht nur Kostenüberlegungen die SBB und den ZVV dazu bewogen haben, den Bahnhof Wallisellen nicht mit der S 24 zu bedienen. Das schliesst er aus einer Äusserung, die eine ZVV-Vertreterin an der regionalen Verkehrskonferenz im Mai 2013 gemacht haben soll: «Es gibt in anderthalb Jahren eine Riesendiskussion, wenn wir das Angebot wieder einstellen, das ist sehr unglücklich.»

Erstellt: 22.09.2014, 12:43 Uhr

Artikel zum Thema

Die S-Bahn der Zukunft

Doppelte Kapazität ab 2030: Mit der S-Bahn der zweiten Generation versprechen sich die Verkehrsplaner den grossen Wurf. Was das für die Kunden und die Umwelt bedeutet. Mehr...

«In einer S-Bahn kann man so lange stehen wie in einem Tram»

Interview Verkehrsexperte Ulrich Weidmann hält Stehplätze in Zürcher S-Bahnen für unumgänglich. Deren Akzeptanz hänge aber nicht nur von der Dauer der Fahrt ab. Mehr...

So begründet der ZVV die höheren Preise

SBB, ZVV und alle weiteren Verkehrsbetriebe erhöhen die Billettpreise, um den Ausbau des Angebots zu finanzieren. Pro Bahn protestiert: Die Bahnkunden würden immer mehr zu «Milchkühen der Mobilität». Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Ausstellungseröffnung: «Schatten»!

Mit einer Auswahl von fast 140 Werken zeigt die Ausstellung «Schatten» in der Hermitage 500 Jahre Kunstgeschichte.

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Wasser marsch! Die Feuerwehr bekämpft einen Brand auf dem Gelände einer Abfallentsorgung im österreichischen Mettmach. (16. Juli 2019)
(Bild: APA / Manfred Fesl) Mehr...