Suizide geschehen vor allem in U-Haft

In den 13 Gefängnissen im Kanton Zürich haben in den letzten fünf Jahren zwischen null und fünf Personen pro Jahr Suizid verübt.

Nathalie K. nahm sich im Bezirksgefängnis Zürich das Leben. Foto: Sophie Stieger

Nathalie K. nahm sich im Bezirksgefängnis Zürich das Leben. Foto: Sophie Stieger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Suizid der 27-jährigen Mutter im ­Gefängnis Zürich ist kein Einzelfall: Die meisten Suizide begehen Häftlinge in Untersuchungshaft. Denn eine Verhaftung bedeute für viele einen Schock, vor allem für Personen, die keine kriminelle Vergangenheit haben und sich zum ersten Mal im Leben in einem Gefängnis ­befinden. Fachleute sprechen von einem «Verhaftungsschock». Die Unter­suchungshäftlinge werden durch ihre Festnahme meist abrupt aus ihrem ­sozialen Umfeld gerissen.

Am grössten ist die Suizidgefahr in den ersten Stunden und Tagen nach der Verhaftung. Fast alle Suizide geschehen durch Erhängen, was auch mit einem Kleidungsstück möglich ist.

Bisher fünf Suizide im Jahr 2015

Im Kanton Zürich haben sich in den 13 Gefängnissen, die das Amt für Justizvollzug führt, in den letzten fünf Jahren jährlich zwischen null und fünf Suizide ereignet. In diesem Jahr sind es mit dem jüngsten Fall bereits jetzt fünf Suizide: Am 28. Juni hat sich im Gefängnis Limmattal ein Untersuchungshäftling stranguliert. Der 40 Jahre alte Schweizer war unter anderem des gewerbsmässigen Betrugs verdächtigt worden. Am 2. Mai wurde im Gefängnis Zürich ein 33-jähriger Schweizer tot aufgefunden, er hatte sich erstickt. Der Mann befand sich in ­U-Haft wegen Verdachts auf Drohung. Am 28. April ist im Flughafengefängnis ein 32 Jahre alter Nigerianer tot aufgefunden worden. Er befand sich wegen eines Drogendeliktes im vorzeitigen Strafvollzug. Am 31. März erhängte sich ein 50-jähriger Serbe im Gefängnis ­Pfäffikon. Der Untersuchungshäftling war ebenfalls wegen Drogendelikten verhaftet worden.

Die NZZ zitierte in ihrer gestrigen Ausgabe aus dem Jahresbericht der ­Nationalen Kommission zur Verhütung von Folter (NKVF). Dort wird festgehalten, dass die Bedingungen während der Untersuchungshaft je nach Kanton ­verschieden seien. Zürich gehört zu den Kantonen, die ein strikteres Haftregime haben als andere – insbesondere bei den Regeln zum Kontakt mit der Aussenwelt. Zudem seien die Insassen meist isoliert von anderen Häftlingen, und es fehlten Beschäftigungsmöglichkeiten. Die Kommission bilanziert: «Ein Systemwechsel erscheint aus grundrechtlicher Sicht als dringend angezeigt.»

23 Stunden pro Tag in der Zelle

Um in Untersuchungshaft gesetzt zu werden, braucht es einen dringenden Tatverdacht, also ganz konkrete Verdachtsgründe, dass die Person ein Verbrechen begangen hat. Ebenfalls eine zwingende Voraussetzung ist eine Gefahr – das kann Flucht-, Verdunkelungs-, Wiederholungs- oder Ausführungs­gefahr sein. Die Untersuchungshaft wird vom Zwangsmassnahmengericht angeordnet. Sie dauert generell drei Monate und kann auf Gesuch der Staatsanwaltschaft weiter verlängert werden. Die ­Untersuchungshaft darf aber nicht länger dauern als die zu erwartende Freiheitsstrafe.

Ein Häftling in U-Haft befindet sich im Allgemeinen in einer Einzelzelle, manchmal auch in einer Zweierzelle. Mit Ausnahme des täglichen, einstündigen Spaziergangs verbringen Personen, die in der Schweiz in Untersuchungshaft ­gesetzt werden, in der Regel 23 Stunden am Tag in ihren Zellen, wie die NKVF schreibt. Die Häftlinge können in den Zellen rauchen, lesen und TV schauen. Telefonieren ist jedoch verboten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.08.2015, 23:14 Uhr

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Erotik zu dritt

Hier finden Singles oder Paare den passenden Partnern für den flotten Dreier: The Casual Lounge.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Andocken: Ein F-22 Kampfjet der US-Luftwaffe tankt während eines Trainings in Norwegen mitten im Flug. (15. August 2018)
(Bild: Andrea Shalal) Mehr...