Täter und Tatort in 3-D nachgezeichnet

Wie Spezialisten der Zürcher Polizei komplexe Kriminalfälle rekonstruieren.

Berechnete Tätergrösse mithilfe angepasster 3-D-Figur aus dem Computer.

Berechnete Tätergrösse mithilfe angepasster 3-D-Figur aus dem Computer. Bild: Forensisches Institut Zürich

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Zürich – «CSI Zürich» spielt beim Beckenhof. Dort, in einem unscheinbaren Bürogebäude der Universität an der Waltersbachstrasse, gehen Kriminaltechniker und Rechtsmediziner seit kurzem auf Hightech-Verbrecherjagd – wie in den populären TV-Krimiserien über die Helden der Spurensicherung in Las Vegas oder Miami. Im Zürcher Bürohaus befindet sich das neue «3-D-Zentrum Zürich», welches das Forensische Institut Zürich von Kantons- und Stadtpolizei und das Institut für Rechtsmedizin der Universität Zürich dieses Frühjahr gemeinsam in Betrieb genommen haben. Es soll der Polizei neue Möglichkeiten bieten bei der Visualisierung von Tatabläufen und der virtuellen Tatortbegehung, wie Michael Thali, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin, und Roger Vouillamoz, Leiter Wissenschaft im Forensischen Institut, auf einem Rundgang erläutern.

Ziel: Fälle schneller lösen

Das Neue dabei: Erstmals werden Polizeidaten mit den Daten der Rechtsmedizin virtuell zusammengeführt. Die Arbeit der Kriminaltechniker, die Spuren am Tatort sichern, wird mit jener der Rechtsmediziner aus dem Labor kombiniert. Dies soll eine präzisere Tatrekonstruktion und eine schnellere Lösung von Fällen ermöglichen. «Die 3-D-Scanning-Technologie gehört mittlerweile zum unentbehrlichen Instrument der forensischen Rekonstruktion von Ereignis­abläufen», sagt Thali. Der Nutzen dieser Technologie wachse deutlich, wenn die Ressourcen gebündelt und interdisziplinär aufeinander abgestimmt werden. Stolz verweist er darauf, dass es sich bei der engen Zusammenarbeit zwischen Forensikern, Rechtsmedizinern und 3-D-Spezialisten der Polizei um eine Schweizer Premiere handelt.

Im neuen 3-D-Zentrum versuchen die Spezialisten etwa, anhand von Laser-scans eines Tatorts die genauen Umstände einer Schussverletzung zu eruieren. Wie war die Körperhaltung des Opfers während der Tat? Wie weit stand der Schütze bei der Schussabgabe entfernt? Kann es sein, dass sich jemand eine Verletzung selber beigefügt hat?

Der Schuhabdruck im Gesicht

Bei ihrer Arbeit können die 3-D-Experten auf modernste Hard- und Software zurückgreifen. Die Hightechgeräte zur Vermessung und Auswertung liefern einen Eindruck davon, wie weit der technische Fortschritt im Bereich Forensik inzwischen gediehen ist. Ermittlungsmethoden, wie sie etwa der legendäre TV-Inspektor Columbo in den 70er-Jahren anwendete, erscheinen dabei wie aus der Steinzeit.

Statt Kreide und Massband regiert heute der 3-D-Scanner. Dieser vermisst Orte millimetergenau und liefert innert Kürze räumliche Bilder. Der Scanner dreht sich um 360 Grad um die eigene Achse und sendet einen augensicheren Laserstrahl aus. Die Aufnahmen von verschiedenen Standorten werden automatisch zusammengesetzt, wodurch eine dreidimensionale Animation entsteht. Bei Verkehrsunfällen und Tatort-Bestandesaufnahmen ist der Einsatz dieser Wunderwaffe der Beweissicherung inzwischen Standard. Kostenpunkt grosser Geräte: knapp 100'000 Franken.

Im 3-D-Zentrum stehen Laserscanner verschiedener Grössen bereit. Bei der Besichtigung wird in einem Raum gerade ein schwarzer Nike-Turnschuh gescannt. Von der Aufnahme erhoffen sich die Forensiker ein weiteres Puzzleteil bei der Überführung eines Täters, wie Vouillamoz erklärt. Der Schuh gehört einem Mann, der seinem Opfer nach einem Discobesuch ins Gesicht getreten haben soll. Jetzt wird geprüft, ob der im Spital dokumentierte Schuhabdruck im Gesicht des Opfers zu jenem des Turnschuhs des mutmasslichen Täters passt. Ein weiterer Raum im 3-D-Zentrum beherbergt die Fotobox: eine von Scheinwerfern grell erleuchtete Kammer, in der 64 Kameras hängen. Sie werden zeitgleich ausgelöst, um von einer Person ein Ganzkörperbild zu erstellen. Anhand der Fotos errechnet der Computer ein komplettes 3-D-Modell der Person. Dieses kann etwa bei Personenbestimmungen anhand von Bildern aus Überwachungskameras helfen.

Die Gamer-Brille für den Richter

Ein weiteres Prunkstück des Zentrums ist die 3-D-Brille «Oculus Rift», eine Entwicklung aus der Game-Industrie. Sie soll eine virtuelle Tatortbegehung ermöglichen. Fachleute sagen der Brille eine grosse Zukunft voraus: Dank der neuartigen Technologie sollen sich Richter künftig virtuell an einen bestimmten Tatort begeben können, um sich ein Bild der Tatvorgänge zu machen.

Die Anfänge der 3-D-Untersuchungen der Zürcher Polizei liegen in den frühen 90er-Jahren. Als Auslöser gilt der aufsehenerregende Mordfall in Kehrsatz BE. Damals stellte der Wissenschaftliche Dienst der Stadtpolizei erstmals einfache 3-D-Visualisierungen her, um den Tathergang zu rekonstruieren. «Es war die Zeit, als Kriminaltechniker noch Tests mit Schweineköpfen durchführten, die sie aus dem Schlachthof geholt hatten, um Verletzungsursachen auf die Spur zu kommen», erzählt Thali. Weiteres Renommee verschafften sich die Zürcher Forensiker mit 3-D-Visualisierungen bei Bissspuren-Untersuchungen im Fall des Kindermörders Werner Ferrari, beim Inferno im Gotthardtunnel 2001 oder beim schweren Unfall mit sechs Todesopfern auf der Forchautobahn 2006. In jüngster Zeit kamen die Tatortvisualisierungen etwa im «Fall Godzilla» zum Einsatz, dem Tötungsdelikt an einem Türsteher, das im März vor Bezirksgericht verhandelt wurde.

Die Pläne für ein 3-D-Zentrum wurden erstmals im letzten Sommer bekannt – unter eher ungewöhnlichen Umständen. Damals musste der Regierungsrat eine Projektänderung beim geplanten Polizei- und Justizzentrum (PJZ) auf dem ehemaligen Güterbahnhofareal bekannt geben, was ihm heftige Kritik von Politikern eintrug. Denn entgegen früheren Versprechen bleibt die Polizeiführung im Kasernenareal. Als Grund dafür machte die Regierung den erhöhten Platzbedarf im PJZ geltend, zu dem unter anderem Aufgabenerweiterungen im Bereich IT, Cybercrime und eben auch des 3-D-Zentrums beigetragen hätten.

Michael Thali bestätigt, dass das 3-D-Zentrum ins PJZ ziehen werde, das ab 2019 bezogen werden soll. Er beteuert, dass die Raumansprüche des Zentrums dort mit rund 120 Quadratmetern recht bescheiden seien. Derzeit arbeiten fünf Spezialisten für die landesweit einzigartige Einrichtung. Deren Kosten lassen sich laut den Verantwortlichen nicht exakt beziffern. Thali: «Die Partnerorganisationen stellen Personal, Infrastruktur und technische Mittel kostenneutral zur Verfügung, die Beschaffung neuer Einsatzmittel wird zwischen den Organisationen koordiniert.» Geplant ist, dass das 3-D-Zentrum künftig auch Aufträge von anderen Kantonen annimmt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.05.2015, 23:51 Uhr

Schussbahnrekonstruktion aufgrund der Standbilder der Videoüberwachung und der Angaben der Ballistiker.

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