Tapferer Gewerkschafter mischt die SVP auf

Anstelle von Bundespräsidentin Sommaruga wagte sich Corrado Pardini in die Höhle des Löwen. Er hat sich an der Albisgüetli-Tagung der SVP wacker geschlagen.

Während Blochers Rede: Gewerkschafter Corrado Pardini (Mitte) zwischen seiner Tochter Oriana und Bundesrat Ueli Maurer. Foto: Dominique Meienberg

Während Blochers Rede: Gewerkschafter Corrado Pardini (Mitte) zwischen seiner Tochter Oriana und Bundesrat Ueli Maurer. Foto: Dominique Meienberg

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Mit 1260 Besucherinnen und Besuchern war das frisch renovierte Albisgüetli ausverkauft. «Nach einer guten Woche» – so die neue OK-Präsidentin Alexandra Pfister (Uster) – waren die 95 Franken teuren Tickets weg. 2019 dauerte der Ausverkauf bloss eine Stunde – allerdings zum Preis von 75 Franken.

Die Stimmung war auch an dieser 32. Ausgabe selbst­bewusst. Das Albisgüetli ist Christoph Blochers Erfindung. Und es wird – auf gesellschaftlichem Parkett – sein Vermächtnis bleiben. Und doch gabs gestern auch nachdenkliche Töne. «Ist das die letzte Albis­güetli-Tagung?», fragten sich viele. Was wird, wenn der bald 80-jährige Blocher nicht mehr eine Stunde lang reden mag?

OK-Präsidentin Pfister sagt: «Die Tagung wird bleiben, sie lebt vom berühmten Albis­güetli-Geist und nicht nur von Blocher. Bauernverbands­präsident Hans Frei meinte: «Es ist eine Veranstaltung des Stolzes der SVP, also gibts keinen Grund aufzuhören. Und Valentin Landmann: «Die Tagung gibts noch sehr lang – Blocher schaut, dass andere in seine Fussstapfen treten.»

«Pardini schlug sich hervorragend, das Publikum war äusserst fair.»

Die Wahl des Redners allerdings sorgte bei einigen für Stirnrunzeln. Warum spricht nicht Bundespräsidentin ­Simonetta Sommaruga (SP), sondern «nur» der als Nationalrat abgewählte Gewerkschafter Corrado Pardini? Dieser hat in der Tradition von «Rede und Gegenrede» immerhin ein grosses Privileg: Er hat nach Blocher das unwider­sprochen letzte Wort.

Nahm in seiner Rede insbesondere die Grünen und Linken ins Visier: Christoph Blocher. Video: Keystone-SDA

Pardini hat als Redner auch einen grossen Vorteil, sagt SVP-Geschäftsführer Martin Suter: «Er kann provokativer reden als ein Bundespräsident.» Der neue Präsident Benjamin Fischer meinte: «Unsere beiden Redner entsprechen bester SVP-Tradition, sie sind parteiisch.» Blocher selber sagte: «Bei uns herrscht eine hohe Diskussionskultur – ich bin von der SP jedenfalls noch nie eingeladen worden.»

Die Antwort darauf, warum diesmal ein Bundesrat fehlt, ist nicht klar eruierbar: Nach dem Rücktritt von Präsident Konrad Langhart wurde auch das Personal auf dem SVP-Parteisekretariat ausgewechselt. Die Anfrage an Sommaruga – oder andere Bundesräte – kam in den Wirren des Interregnums offensichtlich spät. Den Korb, den Sommaruga der Zürcher SVP gegeben hat, scheint nicht politisch motiviert – sie war 2015 Gast am Albis­güetli – im Gegensatz zu Moritz Leuenberger, der 2005 als Bundespräsident absagte, weil ihm der Ge­sprächsstil der SVP nicht gefiel.

Zwischen Kavalleriemusik und Zürigeschnetzeltem

Pardini schlug sich hervorragend, das Publikum war äusserst fair. Er rede heute an der «Hochmesse rechter und nationalistischer Politik». «So­lange wir reden, schweigen die Fäuste», sagte Pardini. Der Saal klatschte. Und weiter: «Rassismus und Herrenmenschentum sind keine Meinung.» Der Saal klatschte erneut – nicht ganz so laut wie zuvor bei Blocher.

Und was wurde sonst noch diskutiert zwischen Kavalleriemusik und Zürigeschnetzeltem? Diese Woche wurde der Zürcher Nationalrat Alfred Heer als neuer Parteipräsident und Nachfolger von Albert Rösti ins Spiel gebracht. Heer auf Anfrage: «Die Fähigkeiten hätte ich sicher, die Frage ist, ob das ein Amt ist, das ich unbedingt will.» Parteipräsident Benjamin Fischer will die Zürcher Ambitionen fürs nationale Präsidium im Parteivorstand diskutieren. Neben Heer wird auch der Zürcher Nationalrat und Banker Thomas Matter genannt. Dieser hat immerhin einen Hauptpreis der Tombola gestiftet: 100 Gramm Gold.

Apropos Tombola: Erneut ging der Hauptpreis an den Stadtberner Parteipräsidenten Thomas Fuchs: Er gewann ein rotes BMC-E-Mountainbike im Wert von 5000 Franken. Damit gewinnt Fuchs in den letzten zehn Jahren zum vierten Mal den Hauptpreis. Seine Bilanz: ein Auto, ein Motorrad, zwei Velos und ein Goldbarren. Alt-Finanzdirektor Christian Huber sprach denn auch von einem Zürcher Finanzausgleich nach Bern.

Erstellt: 17.01.2020, 22:48 Uhr

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