Tibeter fürchten, das Symbol ihrer Wahlheimat zu verlieren

Die Gemeinde Oetwil will wegen der desolaten Finanzlage das Tibeterhaus verkaufen. Ngawang Gangshontsang wohnt seit 47 Jahren dort und hofft, dass er das Haus retten kann.

Ist als spiritueller Ort auch Treffpunkt für die Exilgemeinschaft: Altarraum im Oetwiler Tibeterhaus.

Ist als spiritueller Ort auch Treffpunkt für die Exilgemeinschaft: Altarraum im Oetwiler Tibeterhaus. Bild: Reto Schneider

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Der Schock sitzt bei Ngawang Gangshontsang tief: «Es ist für mich, als würde man mich zum zweiten Mal aus meiner Heimat vertreiben», sagt er. Den Schock ausgelöst hat die Gemeinde Oetwil: Anfang Monat gab sie bekannt, dass sie mehrere Grundstücke und Liegenschaften verkaufen will, darunter auch das Tibeterhaus. Mit den Verkäufen und einem rigorosen Sparpaket will Oetwil die maroden Gemeindefinanzen sanieren.

Seit fast 50 Jahren ist das Dorf Oetwil die zweite Heimat der Familie von Ngawang Gangshontsang: 1964 wurde er mit 18 weiteren tibetischen Flüchtlingen in der Gemeinde aufgenommen. Die Beziehung zwischen der Gemeinde und «ihren Tibetern» war stets innig. So richteten die Tibeter 30 Jahre nach ihrer Ankunft aus Dankbarkeit ein grosses Fest für die ganze Gemeinde aus. Die Gemeinde wiederum erwiderte die Geste zehn Jahre später mit einer Feier unter dem Motto «40 Jahre Tibeter in Oetwil». Gemeindepräsident Ernst Sperandio (CVP) beteuerte damals an einer Ansprache, dass «wir uns Oetwil heute gar nicht mehr vorstellen könnten ohne unsere Tibeter».

Letztes bewohntes Tibeterhaus

Die Oetwiler Behörden hatten das Bauernhaus an der Bergstrasse in den 1960er-Jahren gekauft, um die tibetischen Flüchtlinge dort unterzubringen. Heute ist es das letzte Tibeterhaus der Schweiz, das von Tibetern bewohnt wird. Und mittlerweile lebt bereits die dritte Generation der Familie Gangshontsang dort.

Wie wichtig das Haus für die Gemeinschaft der Tibeter in der Schweiz ist, zeigt das Album, das Gngshontsang führt. Auf vielen Bildern ist der heute 62-jährige Tibeter zusammen mit hohen tibetischen Würdenträgern und Schweizer Politprominenz zu sehen. Die Aufnahmen stammen aus den 1990er-Jahren, als Gangshontsang die Schweiz im tibetischen Exilparlament vertrat. Am häufigsten handeln die Zeitungsberichte und Fotos im Album aber von der Gemeinde Oetwil. Im Altarraum des Hauses steht zudem ein Sessel, in dem der Dalai Lama anlässlich eines Besuchs in der Schweiz mehrere Stunden gesessen hat.

Haus bleibt stehen

Der Beschluss über den Verkauf kommt nicht nur für Gangshontsang überraschend. Obwohl der Oetwiler Gemeinderat seit Jahren damit liebäugelt, die benachbarte «Tibeterwiese» als Bauland zu verkaufen, wurde das Tibeterhaus bisher nie infrage gestellt. Noch im Februar 2010 versicherte Finanzvorstand Werner Bosshard (SVP), dass das Haus «auf jeden Fall stehen bleiben wird».

Den Sinneswandel der Behörden begründet Bosshard mit «veränderten Rahmenbedingungen». Die finanzielle Situation der Gemeinde habe sich in kurzer Zeit dramatisch verschlechtert. «Daher mussten wir die Zukunft des Tibeterhauses nochmals überdenken.» Das Haus verursache der Gemeinde ein jährliches Defizit von 17'900 Franken. Da das Gebäude alt und in einem schlechten Zustand sei, wären in naher Zukunft weitere Investitionen nötig gewesen. «Deshalb haben wir beschlossen, uns vom Tibeterhaus zu trennen.»Dass das alte Bauernhaus die Gemeinde derart viel Geld kosten soll, kann Ngawang Gangshontsang kaum glauben: «Wir zahlen unsere Miete seit Jahren immer pünktlich.» Sämtliche Reparaturarbeiten, die im Laufe der Zeit angefallen seien, habe er jeweils selbst erledigt. «Dafür musste die Gemeinde nie Geld ausgeben.»

Vielleicht zum Vorzugspreis

Noch ist das Schicksal des Tibeterhauses aber nicht besiegelt. Wie Bosshard bestätigt, will die Gemeinde der Familie Gangshontsang die Chance geben, das Haus selber zu erwerben – möglicherweise zu einem Vorzugspreis. Einen konkreten Preis nennt Bosshard nicht. Bis Ende Juli sollte die Schätzung der Kantonalbank auf dem Tisch liegen.

Das letzte Wort zum Verkaufspreis wird in jedem Fall die Gemeindeversammlung haben. Eine Tatsache, die Gangshontsang zuversichtlich stimmt: «Ich weiss, dass wir Tibeter hier beliebt sind», sagt er. «Ich hoffe, dass die Oetwiler es nicht erlauben werden, dass wir das Dorf verlassen müssen.» Denn soviel ist für Ngawang Gangshontsang klar: Wenn er und seine Familie nicht im Tibeterhaus bleiben dürfen, wird es keine Zukunft für sie in Oetwil geben.

Erstellt: 18.06.2011, 15:41 Uhr

Spiritueller Ort

Das Oetwiler Tibeterhaus ist heute weit mehr als ein normales Wohnhaus. Es dient als Informations- und Kulturzentrum für Tibet-Interessierte mit kleinem Geschenkartikelladen. Für die regionale Tibetergemeinschaft ist das Zentrum nicht nur als Treffpunkt, sondern auch als spiritueller Ort von Bedeutung. Im oberen Stock ist ein Zimmer als Altarraum hergerichtet, ausgestattet mit Vitrinen, die mit aufwendigen Schnitzereien versehen sind und wertvollen tibetischen Reliquien. «Dieser Raum ist für uns unbezahlbar», sagt Ngawang Gangshontsang. (jsu)

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