Tierfreunde jagen und kastrieren Katzen

Tierschützer fordern eine Kastrationspflicht für alle Katzen mit freiem Auslauf.

Eine Kolonie verwilderter Katzen hat sich bei der Gockhauser Gärtnerei am Zürcher Stadtrand eingenistet. Foto: Netap (PD)

Eine Kolonie verwilderter Katzen hat sich bei der Gockhauser Gärtnerei am Zürcher Stadtrand eingenistet. Foto: Netap (PD)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mit dem Blasrohr liegen sie auf der Lauer, Tierschützerin Esther Geisser und Tierarzt Enrico Clavadetscher. Die beiden nehmen verwilderte Katzen ins Visier. In der Gockhauser Gärtnerei am Zürcher Stadtrand hat sich eine Gruppe wilder Katzen eingenistet. 15 Tiere haben die Tierschützer der Tierschutzorganisation Network for Animal Protection (Netap) bereits in Katzenfallen gefangen, markiert, kastriert und einem Gesundheitscheck unterzogen.

«Diese verwilderten Katzen haben einmal im Leben die Chance, bei einem Tierarzt auf dem Tisch zu liegen», sagt Esther Geisser, Präsidentin und Gründerin von Netap. Die zwei letzten Tiere versuchen die Tierschützer nun mittels Betäubungspfeilen zu erwischen. Oft hockten die schon kastrierten Katzen in den Fallen und würden sich die Bäuche mit den Ködern vollschlagen.

Im Kanton Zürich leben viele verwilderte Katzen, die sich rasant vermehren und oft krank und spindeldürr Jungtiere austragen müssen. Seit Wochen wird Netap mit Meldungen von streunenden Katzen überhäuft. Tausende würden auf Bauernhöfen, alten Fabrikarealen, in Schrebergärten und Gärtnereien dahinvegetieren. «Deshalb ist es uns ein Anliegen, Bauern zu animieren, ihre Katzen kastrieren zu lassen.»

Anfang Jahr hat Netap auf einem Tösstaler Hof 35 Katzen kastriert. Um eine Population stagnieren oder sinken zu lassen, müssen 80 Prozent aller Tiere kastriert sein. Selbst wenn Netap die Kosten übernimmt, wollen viele Bauern ihre Tiere dennoch nicht kastrieren. Oft mit der Begründung, die würden sowieso totgefahren. «Tierverachtender kann man nicht sein», meint Geisser und führt ein Zitat von Mahatma Gandhi (1869–1948) ins Feld. «Die Grösse und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran messen, wie sie die Tiere behandelt.»

Ersäufen, ersticken, totschlagen

In der Schweiz leben ungefähr 1,5 Millionen Katzen. «Jede Woche sterben unzählige, weil sich niemand ihrer annehmen will», so Geisser. Viele sterben an Krankheiten, werden von Bauern ersäuft, erstickt, vergast und totgeschlagen, von Jägern erschossen und von Autos überfahren. Private würden die Situation noch verschärfen, weil sie meinten, ihr Büsi müsse unbedingt Junge haben. «Wer ein Tierfreund ist», so die Tierschützerin, «der adoptiert eine Katze aus dem Tierheim und lässt die eigene kastrieren». Kastration sei die einzige nachhaltige Lösung gegen das Leid der Katzen.

«Es spricht vieles für eine Kastrationspflicht für Katzen mit Auslauf, sagt Katzen-Verhaltungsforscher Dennis C. Turner. Conny Wyrsch, bei der Stadtpolizei Zürich für Tierschutzdelikte zuständig, kennt das Problem: «Von Behördenseite aus können wir keine Kastrationen anordnen und sind froh, dass es Organisationen wie Netap gibt, die mit Kastrationseinsätzen Tierleid minimieren und so neuem Leid vorbeugen.» Für streunende Katzen fühle sich niemand wirklich verantwortlich, sagt Wyrsch. Man gehe wohl davon aus, dass sie einen Pflegeplatz hätten und nun einfach auf der Pirsch seien. Hunde würden mehr Emotionen wecken als Katzen. «Wenn irgendwo ein einzelner streunender Hund auftaucht, gehen schnell mehrere Telefonate ein.

«Wir müssen jede Katze erwischen. Wenn nur ein Weibchen unkastriert bleibt, fängt alles wieder von vorne an», so Tierschützerin Geisser. Von einem Katzenpaar können theoretisch in 10 Jahren 80 Millionen Katzen entspringen. Verwilderte Katzengruppen müssen laut Geisser auch nach der Kastration im Auge behalten werden, damit allfällige Neuzugänge rasch entdeckt werden.

Politiker wollen Bürger nicht bevormunden

Politiker sträubten sich gegen einen Kastrationszwang, weil der Bürger das als Bevormundung empfinden würde. Im Juni 2011 reichte Nationalrat Luc Barthassat (CVP, GE) eine Motion ein, welche die bisher erlaubte Jagd auf streunende Katzen verbieten will. Der Vorstoss wurde abgelehnt. «Also lieber Abschiessen als Kastrieren», sagt Geisser. Sie wundert sich nicht, dass Tierärzte beim Kastrieren der verwilderten Katzen immer wieder Gewehrkugeln finden.

Anfang Oktober plant Netap einen Grosseinsatz im Kanton Jura. Dort sei die Situation landesweit wohl am schlimmsten, bis zu 15'000 verwilderte Katzen würden dort leben, sagt Esther Geisser. «Lokale Tierschützer kamen auf uns zu, weil sie sich allein gelassen fühlten.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.09.2013, 09:16 Uhr

Artikel zum Thema

Doch Platz für Hund und Katz'

Ein Liegenschaftsbesitzer wollte auf seinem Areal ein Verbot für Hunde und Katzen durchsetzen. Vor Gericht blitzte er ab. Mehr...

Behörden gehen gegen «Tier-Messies» vor

Dutzende Hunde oder Katzen in einer Wohnung: Laut dem Schweizer Tierschutz nimmt das «Animal Hoarding» zu. Die Behörden müssen immer öfters einschreiten. Mehr...

Sind das wirklich Katzen?

Der Waschbär tut sich gütlich am Katzenfutter. Und die Stubentiger-Gemeinde schaut ratlos zu, wie der ungebetene Gast sich den Bauch vollschlägt. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Kaffee – von der Produktion bis zur Wiederverwertung

Der Kaffee von Nespresso mag zwar auf einer Plantage am anderen Ende der Welt wachsen, zuletzt landet er jedoch auf Schweizer Äckern als Dünger.

Blogs

Sweet Home Zeit, sich ums Esszimmer zu kümmern

Tingler Schreiben Sie Tagebuch?

Die Welt in Bildern

Kein Ball aber viel Rauch: Der Fussballer Tyler Roberts von Wales steht beim Spiel gegen Dänemark in Cardiff im Dunstkreis von einer Fan-Fackel. (17. November 2018)
(Bild: Matthew Childs) Mehr...