Tourismusdirektor geht im Streit: «Wir büssen laufend Marktanteile ein»

Der abtretende Tourismusdirektor Frank Bumann befürchtet den Niedergang Zürichs als Reiseziel.

Räumt seinen Posten: Frank Bumann, Chef von Zürich Tourismus, in seinem Büro.

Räumt seinen Posten: Frank Bumann, Chef von Zürich Tourismus, in seinem Büro. Bild: Sabina Bobst

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Zürich sucht seit langem eine Wachstumsbranche, welche die einseitige Ausrichtung auf die Banken korrigieren kann. Welches Potenzial steckt im Tourismus?
Wenn Zürich ein integriertes Standortmarketing betreiben würde, wäre ein Entwicklungsschub möglich. Städte wie Amsterdam, Stockholm oder Göteborg tun dies bereits heute. Wirtschaftsförderer, Tourismusfachleute und Stadtentwickler bündeln ihre Kräfte und arbeiten eng miteinander zusammen. Nehmen wir beispielsweise China – ein Markt mit grosser Zukunft. Wenn dort eine Organisation alleine auftritt, wird sie kaum wahrgenommen. Will man etwas erreichen, muss man sich zusammentun, denn der Wettbewerb wird immer härter. In Zürich arbeitet jeder für sich.

Weshalb?
Die Idee finden alle gut, nur bezahlen will niemand dafür. Stadt und Kanton Zürich müssten tiefer in ihre Kassen greifen und dafür je 1 Million Franken pro Jahr aufbringen. Es gibt aber immer einen Grund, weshalb dies im Moment nicht opportun ist. Aktuell zum Beispiel weil das Stadtzürcher Parlament das Budget zurückgewiesen hat. So verliert Zürich Touristen an Amsterdam oder Stockholm und büsst im Vergleich zu anderen europäischen Grossstädten laufend Marktanteile ein.

Und dies alles nur wegen fehlender Kooperation?
Nein, auch weil wir kein Kongresszentrum haben. Seit 20 Jahren schieben wir dieses Projekt vor uns her und werden es auch in 10 Jahren noch nicht verwirklicht haben. Dadurch entgeht uns jährlich ein hoher zweistelliger Millionenbetrag. In Zürich kann man es sich offenbar leisten, darauf zu verzichten.

Jetzt wird das Projekt nochmals hinausgeschoben, weil das Parlament sparen will.
Man könnte das Kongresszentrum auch durch Private finanzieren lassen. In Kopenhagen haben sich Hotels zu einer Trägerschaft zusammengeschlossen – nicht ohne Eigennutz: Die Kongressteilnehmer platzieren sie vor allem in ihren Häusern, die anderen Hoteliers haben das Nachsehen.

Zürich hat nicht einmal einen Standort für ein Kongresszentrum.
Vielleicht wird das Kongresszentrum auch nicht in Zürich gebaut, sondern am Flughafen oder in Zug. Wenn die Zuger auf die Idee kämen, direkt am See ein Premium-Kongresszentrum zu bauen, zusammen mit einem Hotel mit 1000 Zimmern, hätte Zürich ein grosses Problem. Es würde schwieriger, das hiesige Kongresszentrum zu füllen. Der Wettbewerb im Kongressbusiness hat sich in den vergangenen Jahren verschärft: Eine Stadt braucht einen erstklassigen Standort, wenn sie mithalten will. Diese Chance hat Zürich mit dem Nein zum Moneo-Projekt vergeben.

Sie bezeichnen Ihren Job als Krönung für einen Tourismusfachmann. Was war denn so schön daran?
Die Stadt Zürich ist, gemessen an den Hotelübernachtungen, die grösste Tourismusdestination der Schweiz, sozusagen eine Hochburg des Tourismus. Nur ist dies kaum jemandem richtig bewusst. Man spricht nur immer davon, wie wichtig die Banken für den Standort seien, und vergisst den Tourismus völlig. Dabei beschäftigt die Branche in der Region Zürich 25'000 Angestellte und generiert Umsätze von 5 Milliarden Franken. Die Touristen geben aber nur einen kleinen Teil dieses Geldes in Hotels aus, nämlich 20 Prozent. Das Marketing aber bezahlen die Hoteliers fast alleine.

Es gibt viele Trittbrettfahrer?
Ja. In allen wichtigen Tourismusregionen wie Genf, Luzern oder im Wallis existiert eine Tourismusfördertaxe. Damit zahlen auch Banken, Restaurants, Seilbahnen oder Zulieferer einen Beitrag an das Marketing.

Weshalb existiert diese Taxe in Zürich nicht?
Es ist eine zusätzliche Steuer, und dafür ist im liberalen Zürich niemand zu begeistern. Es ist überhaupt sehr schwierig, Politiker zu finden, die sich dafür einsetzen. Den Tourismus setzt man gemeinhin mit der Hotellerie gleich und sieht nicht, wie viele Unternehmen letztlich davon profitieren.

Wird der Tourismus unterschätzt?
Seit 2003, als ich meine Stelle antrat, ist die Zahl derÜbernachtungen um 1 auf fast 5 Millionen gestiegen. Das bedeutet 1 Milliarde Franken zusätzliche Umsätze und 7000 neue Arbeitsplätze. Dieses Wachstum wird gegen aussen kaum sichtbar. Wenn Unternehmen wie Google nach Zürich ziehen, wird dies gross gefeiert. Kaum jemand sieht aber die Arbeitsplätze, welche die Tourismusbranche schafft.

Erstellt: 15.12.2010, 23:29 Uhr

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Abschied im Streit um «Downtown Switzerland»

Zwischen Tourismusdirektor Frank Bumann und seinem Chef Elmar Ledergerber stimmte die Chemie nicht. Wachtablösung bei Zürich Tourismus

Als Frank Bumann Ende Juni überraschend seinen Rücktritt als Zürcher Tourismusdirektor bekannt gab, blieben die wahren Gründe im Dunkeln. Offiziell sagte Bumann, es sei «Zeit für neue Perspektiven». Gegenüber Newsnetz/www.tagesanzeiger.ch fügte er an: «Ein Zusammenhang mit Elmar Ledergerbers Position ist reine Spekulation.» Sowohl Ledergerber, Präsident von Zürich Tourismus, als auch Bumann bestreiten seither eisern ein Zerwürfnis.

In der Tourismusbranche ist es aber inzwischen ein offenes Geheimnis, dass sich der Zürcher Tourismuspräsident und sein Direktor zwar in der Strategie einig, beim Tempo der Umsetzung aber uneins waren. Das bestätigen Quellen aus der Branche.

Ledergerber hatte kurz nach Amtsantritt im Mai 2009 verkündet, der Slogan «Downtown Switzerland» sei «kontraproduktiv». Und mit ledergerberscher Lockerheit fügte er an, er sei auf der Suche nach einem neuen Werbespruch. Für Bumann war das ein Rückenschuss.

Radikale Neuausrichtung

Zwar arbeitete der Tourismusdirektor schon seit Jahren an einer radikalen Neuausrichtung des Tourismusmarketings, das er zusammen mit dem Standortmarketing des Kantons und der Stadtentwicklung betreiben will. Immerhin hatte Zürich Tourismus seit dem Jahr 2000 den Slogan mit mehreren Werbemillionen bekannt gemacht. Grundsätzlich einig waren sich Ledergerber und Bumann dennoch darin, dass nur eine Zusammenarbeit aller Tourismus- und Standortförderer den nötigen Fortschritt in den Werbebemühungen von Stadt und Kanton Zürich bringen kann. Das «integrierte Standort- und Destinationsmarketing» ist aber kaum vom Fleck gekommen. Das hängt unter anderem am Geld, das Stadt und Kanton dafür zu zahlen bereit sind. Ledergerber gibt sich als Kenner der politischen Verhältnisse kompromissbereiter als Bumann, der sich mehr erhofft hat und entsprechend enttäuscht ist.

Jetzt macht sich Bumann als Tourismusberater selbstständig. Als seine Nachfolgerin hat Ledergerber eine Frau geholt. Marlis Ackermann hat eine internationale Marketingkarriere hinter sich, zuletzt arbeitete sie für Feldschlösschen.

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