Analyse

Trickserei mit Sub-Sub-Sub-Firmen

Der Streik am Zürcher HB zeigt exemplarisch, wie mit einfachsten Tricks, Scheinfirmen und Dumpinglöhnen das einheimische Gewerbe benachteiligt wird.

Haben sich durchgesetzt: Unia-Mitarbeiterin und Bauarbeiter auf der bestreikten Baustelle im HB.

Haben sich durchgesetzt: Unia-Mitarbeiterin und Bauarbeiter auf der bestreikten Baustelle im HB. Bild: Ennio Leanza/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Sünder steht am Pranger und muss schauen, woher er 700'000 Franken nimmt, um seine polnischen Billigarbeiter zu bezahlen. Alle zeigen mit dem Finger auf die Winterthurer Firma AB Brandschutz AG, die mit einem kleinen Büro und drei Mitarbeitern Millionenaufträge reinholt und Mitkonkurrenten, die sich treue Angestellte und Lehrlinge leisten, keine Chance lässt. Pfui, pfui, pfui – keiner widerspricht.

Dabei hat die Brandschutz AG bloss das getan, was wir fast alle täglich tun. Sie hat Preis- und Lohnunterschiede zu ihrem eigenen Vorteil ausgenutzt. Sie hat das schlitzohriger getan als wir, wenn wir ennet der Grenze Kleider und Fleisch posten. Wenn wir direkt importierte Autos mit einem riesigen Preisnachlass kaufen und den Schweizer Importeur umgehen. Oder wenn wir billige T-Shirts kaufen, die in Asien von Kindern genäht wurden.

Wir alle suchen das Billigste

Jede Hausfrau sucht sich die billigsten Lebensmittel, jeder Autofahrer das billigste Benzin und jede Firma die billigsten Produktionsmethoden. Die SBB, die in Zürich für zwei Milliarden Franken eine neue Durchmesserlinie bauen, werden gesetzlich sogar gezwungen, in Bauausschreibungen die billigsten Anbieter zu berücksichtigen, sofern sie für Qualität bürgen und über gute Referenzen verfügen.

Tatsache ist, dass Löhne und Kosten in der Schweiz am teuersten sind, in Deutschland noch gut halb so hoch, in Polen x-fach und in Asien xx-fach tiefer. Je offener Länder und Wirtschaftsräume miteinander verkehren, desto grösser wird der Druck auf die Angleichung der Löhne: in der Schweiz nach unten, in Polen nach oben. Um den totalen Ausgleich zu verhindern – und im Fall der Schweiz das einheimische Gewerbe zu schützen –, gibt es die bilateralen Verträge und die flankierenden Massnahmen.

Gutes Gespür der Unia

Mit meisterhaft taktischem Gespür hat sich die Gewerkschaft Unia mit dem Zürcher HB die prominenteste Baustelle und mit den SBB einen der grössten Auftraggeber des Landes ausgesucht, um auf Lohndumping und die gängigsten Schummeleien mit Subunternehmen und Arbeiter-Schleppern hinzuweisen. Der bis anhin völlig unbekannten Scheingrossfirma Brandschutz AG gebührt das Verdienst, dass ihre Tricks lehrbuchhaft und auch ohne volkswirtschaftliche Bildung zu verstehen sind. Statt mit dem Finger nach Winterthur zu zeigen, sollten alle KMU der AB Brandschutz dankbar sein, dass sie sich von der Unia kalt erwischen liess.

Am Pranger steht aber auch das Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA), weil es sich plump übertölpeln liess. So hat die Unia eine beliebige polnische Adresse aus dem Telefonbuch kopiert und eine Baustelle in den Räumen des Unia-Sekretariats am Stauffacher erfunden. Postwendend hat das AWA eine Meldebestätigung für einen selbstständigen Fliesenleger ausgestellt. Unter dem HB haben Polen Brandschutzplatten installiert, die als Tomatenpflanzer-Firma oder Fernfahrer AG gemeldet und vom Amt bestätigt wurden.

Der Unia steht trotz dieser gelungenen Aktion kein Heiligenschein zu. Ihrem brillantem Kopf und knallharten Verhandler Roman Burger ging es kein bisschen um die Polen, die auch ohne Streik viel mehr als zu Hause verdient hätten. Die Unia hat die Notlage und einen drohenden Imageverlust der SBB brutal ausgenützt. Der Durchgangsbahnhof muss im nächsten Juni eröffnet werden, sonst kommt es zum Fahrplanchaos. In Leserkommentaren wurden die Unia-Leute als Helden gefeiert, aber auch der Nötigung bezichtigt. Dass 30 Polen nun 700'000 Franken erhalten, ist ein Nebeneffekt der Vorstellung.

Ziel der Gewerkschaften ist es, mehr Biss für die flankierenden Massnahmen zu erreichen. Sonst droht eine Ausdehnung der Bilateralen zu scheitern – bereits 2014 soll die Personenfreizügigkeit auf Kroatien ausgedehnt werden.«Es gibt nur Gewinner», sagte ein SBB-Sprecher nach der Einigung. Eine Ausnahme gibt es: Das kantonale Amt für Wirtschaft und Arbeit sieht schlecht aus. Es versteckt sich hinter Paragrafen, statt zuzugeben, dass es durchaus die Möglichkeit hätte, gegen derart offensichtlich Scheinselbstständige vorzugehen. Wenn ein kantonales Amt und sein Direktor nicht bereit sind, die in der Schweiz bezahlten Löhne zu schützen, dann schaden sie dem Kanton.

Erstellt: 25.10.2013, 10:19 Uhr

Artikel zum Thema

Streik am Zürcher HB abgewendet: Unia erkämpft 700'000 Franken

Auf der Baustelle unter dem Zürcher HB werden die Arbeiten heute morgen wieder aufgenommen. Die Gewerkschaft Unia hat für die polnischen Billigarbeiter korrekte Schweizer Löhne erkämpft. Mehr...

Polnische Tomatenbauern bauen den Zürcher Bahnhof

Die Unia hat einen Teil der Arbeiten im HB wegen Lohndumpings stillgelegt. Mehr...

Streik auf SBB-Grossbaustelle

Die Unia hat wegen «scheinselbständigen» Polen die Grossbaustelle unter dem Zürcher Hauptbahnhof teilweise lahmgelegt. Der Gewerkschaft geht es um Grundsätzliches – die SBB wehren sich. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Genuss und Freude schenken

Schenken Sie Ihren Freunden Hochgenuss in Form eines FINE TO DINE Gutscheins für über 130 Schweizer Restaurants.

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Nichts wie weg: Ein Känguru flieht vor den Flammen in Colo Heights, Australien, die bereits 80'000 Hektaren Wald zerstört haben (15. November 2019).
(Bild: Hemmings/Getty Images) Mehr...