«Trumpfbuur» im Säuliamt

Vor sechs Jahren stand das «Pöschtli» Rifferswil vor der Schliessung. Es wurde gerettet – und vor kurzem geadelt.

Herz-Bube: Koch und Wirt Vitto Laubscher wurde vor kurzem in die «Gilde» aufgenommen.

Herz-Bube: Koch und Wirt Vitto Laubscher wurde vor kurzem in die «Gilde» aufgenommen. Bild: Thomas Burla

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Ein zwar typisches, aber immer wieder verblüffendes Bild zeigte vor knapp drei Wochen die Grafik über die Ständeratswahlen: Drei grüne Flecken in einem Meer von Rot. Grün bedeutete, in dieser Gemeinde erhielt die grüne Kandidatin Marionna Schlatter mehr Stimmen als Ruedi Noser von der FDP (rot). Grüne Gemeinden waren die Stadt Zürich, die Stadt Winterthur - und die 1100-Seelen-Gemeinde Rifferswil im Säuliamt.

«Rifferswil ist ein Sozi-Dorf», sagen die Säuliämtler, wenn man sie nach dem Phänomen fragt. Und meinen damit – zugespitzt – alles links der SVP.

«Rifferswil ist ein Sozi-Dorf», sagen die Säuliämtler.

Und mitten in diesem «Sozi-Dorf» steht das stattliche «Schwiizer Pöschtli», ein grosser Riegelbau mit den für diese Gegend typischen horizontalen Klebdächern an der Giebelfront, die vor Wind und Wetter schützen.

Dazu kommt eines der gewiss schönsten Wirtshausschilder des Kantons. Es zeigt über der Jahreszahl 1809 eine Postkutsche, die von einem Schimmel gezogen wird. Das «Pöschtli» war wirklich einst die Post – der Schalter ist im Innern noch auszumachen.

Filigran: Eines der schönsten Wirtshausschilder im Kanton. Bild: Thomas Burla

Und es ist, wie sollte es im «Sozi-Dorf» anders sein, eine Genossenschaftsbeiz. Als vor sechs Jahren das einzige Restaurant im Dorf vor der Schliessung stand, bildete sich eine Interessengemeinschaft zur Rettung des Pöstlis, die zuerst Geld und dann einen Wirt suchte. Und beides fand.

Vitto Laubscher, Wirt und Koch, passt mit seinem Vollbart und bodenständigen Auftreten bestens ins Bild. Was tischt er auf? Büezer-Chuchi oder Häppchen für die Cüpli-Sozialisten? Sowohl als auch. Die Begleiterin, bekennende Cordon-Bleu-Liebhaberin, kann sich fast nicht entscheiden: Auberginen-Cordon-Bleu oder – saisonal – Wildschwein-Cordon-Bleu (46 Fr.)?

Unfassbar zart: Cordon-Bleu vom Wildschwein. Bild: Thomas Burla

Sie entscheidet sich für zweites und fasst es kaum, dass Wildschwein so zart sein kann! Das gut gefüllte goldgelbe Schnitzel besteht auch das Killerkriterium: Es hält ohne Zahnstocher zusammen, trotzdem ist kein Käse ausgelaufen. Grosses Lob erhält auch das Rotkraut, das leicht süss schmeckt und nicht kohlig riecht.

Zu den Dauerbrennern im «Pöschtli» gehört das Rindsstroganoff nach Russischem Rezept (45 Fr.). Russisch! «Sozi-Dorf»! Unsinn. Das Fleisch wird bei dieser Zubereitungsart nicht erst am Schluss mit der Sauce übergossen, sondern in der Sauce gedünstet.

Der Geschmack steht und fällt dabei mit der Qualität der Sauce, und darin ist Vitto – alle sagen ihm Vitto – ein Meister. Dies hatte sich bereits bei der karamellisierten Kürbissuppe mit Trauben (13 Fr.) abgezeichnet. Konsistenz, Sämigkeit und Geschmack waren perfekt.

Behäbig: Schöner Garten und typische Klebdächer. Bild: Thomas Burla

Das dürfte Grund dafür sein, dass das Schwiizer Pöschtli diesen Herbst in den Kreis der Gilde etablierter Schweizer Gastronomen aufgenommen wurde. Ein Adelstitel für einen Koch. Und das ausgerechnet im «Sozi-Dorf».

Schwiizer Pöschtli

— Preis-Leistungs-Verhältnis
Wir sind auf dem Land! Doch auch dort hat edles Fleisch und guten Wein seinen Preis. (1 Dezi Weisswein zwischen 8 und 9.60 Fr.)

— Ambiance
Ländlich, aber nicht ganz so urchig, wie es die grossen Jasskarten an der Wand andeuten. Hier fühlen sich auch Auswärtige wie Stammgäste. Wunderschöne Gartenwirtschaft unter zwei grossen Platanen, die 2017 hierher versetzt wurden und einst vor dem Restaurant Schwanen in Ebertswil standen.

— Service
Das Personal ist fröhlich und unaufdringlich. Der Chef begrüsst die Gäste und bringt dem Geburtstagskind am Nebentisch ein Dessert mit Wunderkerze und ein Ständchen.

— So kommt man mit dem ÖV hin
Ab Zürich HB mit der S5 bis Affoltern am Albis, dann Bus 223 bis Rifferswil Oberrifferswil (Halbstundentakt, 46 Min.), ab 21 Uhr verkehrt die schnelle Verbindung von Rifferswil nach Zürich nur noch im Stundentakt.

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In dieser wöchentlichen Rubrik lesen Sie unsere Urteile über die Gerichte in Zürcher Restaurants.

Erstellt: 13.12.2019, 18:06 Uhr

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