«Tschintschin» mit klarem Zürcher Akzent

Sieger des grossen Zürcher Gin-Tasting ist Rosy’s Gin – ein Produkt eines bisher eher unbekannten Herstellers aus Meilen.

14 Sorten Zürcher Gin im Test: Das Tasting im Video mit den Gastro-Redaktoren Claudia Schmid und Daniel Böniger sowie Schnaps-Experte Pascal Kählin. (Video: Lea Blum)

Das erfreuliche Resultat des ersten grossen Zürcher Gin-Tasting: Kein einziges Produkt fällt ab. «Die Gins aus Zürich können mit international bekannten Marken ohne Weiteres mithalten», sagt Jurymitglied Pascal Kählin. Der Schnapsexperte ist Mitinhaber von J.B. Labat – einem Geschäft für Spirituosen – und steht hinter dem Tresen der Bar 63. Beide Lokalitäten sind im Langstrassenquartier beheimatet.

Ins Tasting aufgenommen wurden 14 Gins, die alle einen Zürcher Bezug aufweisen. Auffallend ist, dass vier der fünf Erstplatzierten ihre Gins in der eigenen Brennerei destillieren. Die Sieger aus Meilen – Hans Kunz, Bea Neururer und Hans Kägi – haben ihren Rosy’s Gin im eigenen Brennhafen in monatelanger Tüftelei entwickelt. Ihr Hobby, Glühweinkonzentrat, Bündner Röteli und weitere Liköre und Destillate herzustellen, hat sich zu einem kleinen Unternehmen entwickelt. Ins Tasting aufgenommen wurden nicht nur Produzenten mit eigener Brennerei, sondern auch Hersteller, die im Kanton wohnen, ihre Produkte aber in einem auswärtigen Unternehmen brennen lassen, teils gar im Ausland.

Von jedem Produzenten wurde nur ein Gin ins Tasting aufgenommen, auch wenn er verschiedene Sorten anbietet. So haben zwei Hersteller Gins mit Erdbeer-Geschmack im Angebot. Getestet wurde in diesem Fall das Produkt, das einem klassischen Gin am nächsten ist.

Gin ist das Trend-Getränk schlechthin. «Er gehört ganz klar zu unseren Bestsellern», sagt Markus Blattner von der Zürcher Old Crow Bar. Diese hat um die 90 verschiedene Gins im Tresen und dazu verschiedenste Tonics. Was im Vergleich zur Bar Vier Tiere im Zürcher Kreis 4 als wenig erscheint: Dort kann der Gast aus etwa 200 Gins auswählen. Serviert wird Gin im Old Crow zum einen als Longdrink – vor allem mit Tonic – oder in klassischen Cocktails wie Corpse Reviver No. 2. G

Der Trend ist noch nicht am Abflauen: «Wöchentlich erhalten wir von Produzenten und Vertrieben Anfragen, neue Gins ins Sortiment aufzunehmen», sagt Blattner. Neue nehme er aber nicht mehr auf, wenn schon tausche er ein Destillat gegen ein Spannenderes aus. Auch in Zürich kommen es immer wieder neue Brände auf dem Markt: Der Neuste heisst der Seefelder Gin No. 8.

Was das Lehrbuch sagt

Was macht einen Gin überhaupt aus? Gemäss Lehrbuch handelt es sich um ein Destillat aus möglichst neutralem (Getreide-)Brand, das mit Wacholderbeeren und weiteren Pflanzen aromatisiert wird. Der namensgebende Wacholder (von lat. juniperus) macht die «Seele» eines jeden Gins aus. Alles andere als unwichtig sind aber auch die weiteren verwendeten Zutaten, Botanicals genannt.

Bei diesen Botanicals sind der Fantasie der Schnapsbrenner nämlich praktisch keine Grenzen gesetzt: Ob Zitrusschalen, Zimt oder Lorbeerblätter, ob Pfefferkörner, Kardamom oder Rosenblätter – die Hersteller dürfen experimentiert wie sie wollen. Teilweise werden mehrere Dutzend Botanicals verwendet, was die fertigen Gins – im Idealfall – entsprechend komplex macht. Inzwischen gibt es auf dem internationalen Parkett auch mehrere Anbieter, die ihre Gins zwecks Aromatisierung – analog zu Whisky und Rum – sogar in Fässern lagern.

Und wie wird Gin am besten getrunken? Der Charakter des hochprozentigen Getränks zeigt sich am deutlichsten, wenn die Spirituose pur und ungekühlt konsumiert wird. Dieser Meinung ist auch Markus Blattner von der Old Crow Bar: «Nur pur erkennt man, wie ein Gin wirklich schmeckt. Nur so nimmt man die Unterschiede der verschiedenen Hersteller wahr.» Doch ist diese fast ein wenig brachiale Genussart (bisher) kaum verbreitet.

Viel beliebter ist, auch in der Gastronomie Zürichs, der «Gin and Tonic». ­Wobei einzelne Barkeeper (und inzwischen vermehrt auch die Gäste) beinahe eine Wissenschaft daraus machen, welches Tonic mit welchem Gin am ehesten harmoniert. Unbestritten ist: Wer das Tonic gekühlt in den Mix gibt, braucht weniger Eis – der Drink wird so weniger wässrig.

Ob darüber hinaus aber ein Zitronenschnitz, etwas Orangenzeste oder sogar eine Scheibe Gurke als Dekoration ins Glas kommt – dies scheint viel weniger klar. Oder eben: Es ist ein Diskussionsthema für die ganz langen Abende am Bartresen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.07.2017, 11:56 Uhr

Die Jury

Die Jury setzte sich wie folgt zusammen: Claudia Schmid, Kulinarik-Redaktorin bei der «Sonntagszeitung»; Pascal Kählin, Co-Betreiber des Spirituosenfachgeschäfts J.B. Labat in Zürich; Daniel Böniger, Kulinarik-Redaktor beim TA. Den Juroren, die auch privat gerne Gin trinken, wurden die Proben zur blinden Verkostung gereicht. Die Gins wurden pur und ungekühlt degustiert.

Für jede Probe vergaben sie bis zu 20 Punkte. Diese setzten sich wie folgt zusammen: Maximale 6 Punkte hat man mit überzeugender Aromatik in der Nase erzielen können; wichtig war die Sauberkeit des Geruchs und eine merkliche Wacholder-Note. Ebenso viele Punkte gab es für die zweite Kategorie «Gaumen» : Hier wurde aufs Mundgefühl (Cremigkeit, Fülle) geachtet, aber auch darauf, wie gut der Alkohol in die Spirituose eingebaut ist. Am meisten Punkte, deren acht nämlich, konnte die Jury für den Gesamteindruck vergeben. Hier spielte auch das persönliche Gusto der Juroren eine nicht zu unterschätzende Rolle. Die maximale Punktzahl für den «perfekten Gin» wurde in dieser Kategorie allerdings nicht vergeben.

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