Über 400 Menschen sind untergetaucht

Im Kanton Zürich ist im letzten Jahr jeder siebte Asylsuchende mit laufendem Verfahren verschwunden. Der Grund dafür sei die restriktive Asylpolitik, sagen Experten von Zürcher Asylorganisationen.

«Gefühlter Anstieg» bei den Papierlosen: Demonstration von Sans-Papiers in Zürich. (2010)

«Gefühlter Anstieg» bei den Papierlosen: Demonstration von Sans-Papiers in Zürich. (2010) Bild: Keystone

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Asylbewerber tauchen immer häufiger unter, bevor ihr Gesuch abschliessend behandelt ist. 2008 lag die Quote der Untergetauchten in der Schweiz bei 9 Prozent, danach stieg sie stetig an auf 12,8 Prozent Ende November letzten Jahres. Das sind bei 22'000 Gesuchen etwa 2800 Personen (TA von gestern). Auch im Kanton Zürich hat sich dieses Phänomen gezeigt: Im gleichen Zeitraum verschwanden gemäss kantonalem Migrationsamt 404 Personen – jeder siebte. Daten aus früheren Jahren waren gestern nicht erhältlich, auch nicht beim Bundesamt für Migration (BFM), das keine kantonal aufgeschlüsselte Statistik führt.

Ob diese Menschen nun in Zürich respektive anderen Kantonen wohnen oder die Schweiz verlassen haben, ist unklar. Sicher ist hingegen: Ohne geregelten Aufenthaltsstatus leben sie hier illegal. Sie gehören damit zu den sogenannten Sans-Papiers. Das BFM schätzte 2005 ihre Zahl in einer Studie auf 100'000, im Grossraum Zürich sollen es 20'000 sein. Neuere Zahlen existieren nicht, womit sich nicht sagen lässt, ob es heute im Kanton Zürich mehr Sans-Papiers gibt als vor sieben Jahren. Ebenso unsicher ist, wie sich die neue Entwicklung auf die Zahl der Sans-Papiers auswirkt.

«Ernüchterung» hat eingesetzt

Eine Einschätzung gibt die Anlaufstelle für Sans-Papiers in Zürich. Deren Leiterin Bea Schwager spricht von einem «gefühlten Anstieg», den sie unter anderem auf die Verschärfungen im Asyl- und Ausländergesetz zurückführt, etwa den restriktiveren Familiennachzug sowie «die Unmöglichkeit, für Drittstaatenangehörige eine Arbeitsbewilligung zu erhalten». «Dies bewirkt eine Verlagerung in die irreguläre Migration», sagt Schwager. Mit Zahlen belegen kann sie ihren Eindruck nicht.

In diesem Sinn äussert sich auch der Verein Freiplatzaktion Zürich, der Asylsuchende und Migranten berät. «Es hat sich Ernüchterung breitgemacht», sagt Mitarbeiter Samuel Häberli. Der Grund dafür sei das Dublin-Abkommen. Die Schweiz kann Asylsuchende in das Land zurückschaffen, in dem diese den ersten Asylantrag gestellt haben. Betroffen sind davon im Kanton Zürich gemäss Häberli vor allem Menschen, die über Italien einreisen. Deren Asylgesuche würden von Bundesamt für Migration und Bundesverwaltungsgericht praktisch immer abgewiesen. Insgesamt seien mehr als die Hälfte der abschlägigen Asylentscheide eine Folge des Dublin-Abkommens. «Das spricht sich bei den Asylsuchenden in den kantonalen Zentren herum.» Entsprechend falle die Reaktion auf: «Dies könnte ein Grund sein, weshalb viele Asylsuchende den Entscheid nicht abwarten, sondern sich neu organisieren.»

Bei Kirchen klopfen sie nicht an

Die Schweizerische Flüchtlingshilfe geht davon aus, dass vor allem gesunde Männer mit schlechten Aussichten auf einen legalen Verbleib in der Schweiz verschwinden. Anreiz dafür bilde die Schwarzarbeit, die es ermögliche, ohne staatliche Strukturen über die Runden zu kommen.

Dass die Untergetauchten sich selber zu helfen wissen – darauf deutet eine kleine TA-Umfrage hin: Bei keiner der angefragten Kirchen haben im letzten Jahr vorzeitig untergetauchte Asylbewerber angeklopft. Dies zumindest versichern die Verantwortlichen. Es sei möglich, so mutmasst man zum Beispiel in der City-Kirche am Stauffacher, dass viele der Untergetauchten nicht christlichen Glaubens seien und bei den Landeskirchen keine Hilfe suchen würden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.01.2012, 10:09 Uhr

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